Secondhand ist Trend: Zu Besuch bei Paul’s Boutique in Prenzlauer Berg

Montagabend, Frank Radermacher steht in seinem Laden und sortiert neu eingetroffene Sneaker. Turnschuhe sind die Spezialität in Paul’s Boutique in der Oderberger Straße 47 in Prenzlauer Berg. Modelle von Marken wie Nike, Adidas und Converse in allen erdenklichen Farben stapeln sich nicht nur dicht an dicht an Wänden, in Regalen und auf dem Tisch – sie hängen auch von einem BMX-Fahrrad an der Ladendecke.

Paul’s Boutique ist ein Urgestein unter den Berliner Secondhand-Shops. Im Jahr 2000 hat Radermacher nach einer Reise in die USA sein Hobby zum Beruf gemacht. „In New York und LA habe ich diese super dekorierten, kleinen Läden mit ausgewählten Dingen gesehen, so was gab es hier damals nicht“, sagt Radermacher. Überhaupt sind die USA der thematische Rahmen für Radermacher. Musik, Mode, Filme – die amerikanische Popkultur ist sein Ding, und sein Laden ist die logische Konsequenz daraus.

Käuflich ist streng genommen nur die Hälfte des Inventars, der Rest ist Deko aus persönlichen Sammlerstücken: Vom Lady-Di-Gedenkteppich aus dem Dong Xuan Center bis zum Star-Wars-Raumschiff – der Laden steht bis zur Decke voll mit Klimbim, an den Wänden türmen sich Actionfiguren, Roboter und allerlei Filmhelden.

Humana ist Secondhand-Marktführer

Ob Sneaker, Jeansjacken oder Pullover – Second Hand liegt in Berlin mehr denn je im Trend. 348 Geschäfte sind bei der Industrie- und Handelskammer gelistet, die getragene Kleidungsstücke verkaufen. Marktführer ist Humana mit 15 Secondhand-Kaufhäusern. Zwei Filialen auf der Schönhauser Allee und in der Warschauer Straße wurden erst vor wenigen Wochen neu eröffnet.

Konkurrenz bekommt Humana von der hauptsächlich in Mitte vertretenen Pick’n’Weight-Kette und dem Händler Resales, der in der Hauptstadt schon zehn Filialen sowie das stylish aufgemachte Secondhand-Label Vintage Revivals in der Schönhauser Allee betreibt. Resales plant außerdem die Neueröffnung einer Filiale in der Frankfurter Allee. Auch im Internet gibt es inzwischen Shops für getragene Kleidung wie Ubup oder die Online-Börse Kleiderkreisel. Statt eines Ladens eröffnen andere auch einfach ein Instagram-Profil, um ihre Ware unters Volk zu bringen.

„Das haben die einfach nicht verstanden“

Auch Ladenbesitzer Frank Radermacher spürt den Secondhand-Boom. Die ersten drei Jahre seien hart gewesen, „da stand ich hier oft einsam im Laden“, sagt der gebürtige Köpenicker. Das Konzept, getragene Schuhe verkaufen zu wollen, habe er seinen Kunden vor knapp zwei Jahrzehnten kaum vermitteln können. „Das haben die einfach nicht verstanden.“ Heute wundert sich niemand mehr.

Der Berlin-Boom tat sein Übriges, mit ihm hielten die hippen Bewohner und Touristen in der Oderberger Straße Einzug. Seitdem ging es für Paul’s Boutique steil bergauf. Heute ist Radermacher Chef von vier weiteren Geschäften in Prenzlauer Berg, Mitte und Neukölln. Einen neuen Standort in der Torstraße hat er erst im September eröffnet, außerdem gibt es ein Archiv mit Verleih für Film und Fernsehen. Angefangen hat er alleine, inzwischen beschäftigt er 25 Mitarbeiter. Der Jüngste von ihnen ist gerade 18, genauso alt wie Rademachers Flaggschiff.

Nachhaltig und sozial

Im Umkreis von wenigen Gehminuten um Paul’s Boutique gibt es inzwischen um die zehn weitere Secondhand-Läden. Probleme mit der Konkurrenz sieht der Gebrauchtwaren-Profi trotzdem nicht. Im Gegenteil, eigentlich kämen mehr Kunden, je mehr Secondhand-Läden es in der Umgebung gebe. Schließlich geht es ums Stöbern, und da lautet das Motto: mehr ist mehr.

„In der Branche ist noch eine Menge Luft nach oben“, sagt auch der Geschäftsführer des Berliner Einzelhandelsverbandes Nils Busch-Petersen. Der Trend liege auch daran, dass das Bewusstsein für nachhaltige und soziale Mode in der Bevölkerung wächst. Zudem seien wohltätige Organisationen wie Oxfam oder die deutsche Kleiderstiftung immer mehr mit eigenen Geschäften auf dem Secondhand-Markt vertreten. Busch-Petersens Fazit: „Second Hand spielt eine viel stärkere Rolle als früher, und das ist auch gut so.“

Dass der Hype davon kommt, weil viele Menschen heute bewusster einkaufen wollen, glaubt Radermacher eher nicht. „Aus meiner Sicht ist der Faktor entscheidend, dass die Levis 501 hier 30 statt 90 Euro kostet“, sagt der Kenner und grinst. Außerdem sei gebrauchte Kleidung individueller, weil es vieles nicht zweimal im selben Laden gebe.

Paul’s Boutique ist für seinen Betreiber – und wohl auch für seine Kunden – mehr als ein Geschäftsmodell. Second Hand ist eine Weltanschauung. Frank Radermacher drückt das so aus: „Es geht um die Schatzsuche. Um diese Lust am Stöbern, bei der man vorher nie weiß, was man findet.“ Benannt ist Paul’s Boutique übrigens nach einem Album der Hip-Hop-Band Beastie Boys von 1989. Die Platte liefert sozusagen den Soundtrack zu der Zeit, aus der die meisten Kleidungsstücke hier stammen. „Die meisten Leute denken trotzdem, dass ich Paul bin“, sagt Radermacher.

In 18 Jahren hat sich ganz Prenzlauer Berg um Paul’s Boutique herum total verändert. Die Altbauten wurden saniert, die Cafés cooler, die Bewohner wohlhabender. Im Innern der kaum über 50 Quadratmeter großen Fundgrube hat sich aber so gut wie nichts verändert. Es gibt die gleichen Klamotten, klassische Stücke von robusten Marken – Strickmützen, Bauchtaschen, Turnschuhe, Levi’s Jeans, Trainingsjacken, und natürlich die typischen Hipster-Pullis aus den 80ern. „Alles, was nicht so wahnsinnig dem Zeitgeist unterworfen und länger tragbar ist“, sagt der Inhaber.

Angesagt bei Touristen

Die Ware kauft Radermacher meist von Großhändlern, er hat sich ein Netzwerk aus Quellen in ganz Europa aufgebaut. Neben getragener Kleidung führt die Boutique wie viele andere auch Restposten aus Fabrikverkäufen. Und auch die Kundschaft bleibt ewig jung: „Die 16- bis 25-Jährigen sind damals wie heute unsere Kernzielgruppe“, sagt er. Obwohl die Boutique hauptsächlich Männerkleidung verkauft, besteht die Kundschaft jeweils etwa zur Hälfte aus Männern und Frauen.

Trotz der Verwandlung von Prenzlauer Berg fühlt sich der Ost-Berliner Geschäftsmann immer noch wohl im Kiez, völlig kalt lässt ihn die Entwicklung trotzdem nicht: „Jedes Mal, wenn ein alter Laden schließt, verschwindet ein Stück Heimat – das schmerzt.“ Was an Neuem nachkomme, sei nicht immer erfreulich. „Natürlich brauche auch ich nicht den hundertsten Burger-Laden und die zweihundertste Craft-Beer-Bar.“

Für ihn selbst besteht keine Verdrängungsgefahr, im Gegenteil. Das Secondhandgeschäft profitiert enorm von den Touristen, die sich besonders an den Wochenenden vom Mauerpark zur Kastanienallee durch die Oderberger Straße schieben. „Hätte diese Stadt sich nicht so verändert, hätte mein Business nicht so funktionieren können“, sagt Radermacher.