AmsterdamEs gibt einen Moment an einem Junisonntag, der in meiner Erinnerung die unmittelbare Vergangenheit in zwei Hälften schneidet. Ich spaziere gerade mit meiner Freundin Simone über die Spuistraat im Amsterdamer Zentrum, als ein Mann mit wässrigem Blick auf uns zusteuert und mich in mühevoll artikulierten Silben fragt: „Where is the hostel?“, als ob es nur eine dieser gewinnbringenden Bettenburgen für Studentinnen der Kulturanthropologie und Kolonien lebensbejahender Krätzemilben in dieser Stadt gäbe.

In Erinnerung blieb er mir als der erste sternhagelvolle Partytourist nach der Quarantäne, in der das historische Zentrum Amsterdams in all seiner pittoresken Pracht fast menschenleer war: Ich fand die Leere erst gespenstisch, dann aber beruhigend, und als sich der verfeierte Landstreicher mit schwer zerzaustem Männerdutt von Simone und mir entfernte, wurde mir bewusst, dass das Stadtzentrum nun bald wieder einem dicht bevölkerten Bienenstock gleichen würde – wobei die fleißigsten Bienchen im Rotlichtviertel unterwegs sind, einige Jungbienen auf Klassenfahrt zum ersten Mal halluzinogene Pilze genommen haben und überall bekiffte Bienen die sowieso schon engen Waben versperren – um mal im Bild zu bleiben. Eigentlich, so dachte ich an jenem Sonntag im Juni, könnten Amsterdamer wie Berliner froh sein über jede Welle, die Partytouristen aus unseren Städten schwemmt.

Meiner Meinung nach war die Plage, unter der Städte wie Berlin, Amsterdam oder auch Barcelona aktuell leiden, nämlich nicht das Wegbleiben der Touristen durch die Reisebeschränkungen während der Corona-Pandemie, sondern die Touristen selbst. Anders als in Städten wie Rom, Paris und Athen begegneten mir in Berlin und Amsterdam fast ausschließlich Varianten jenes betrunkenen Hostelgastes – nennen wir ihn Pierre –, der der Stadt in meinen Augen mehr schadet als nutzt.

Er gibt nur für Drogen wirklich Geld aus und schändet die Nachtruhe

Weder das Flugticket irgendeiner Billigairline noch das Bett in dem Schlafsaal eines billigen Hostels haben ihn nennenswert Geld gekostet. Anstatt auf der Museumsinsel Kunstwerke zu betrachten, bevölkert Pierre lieber die Ausgehviertel rund um die Oranienstraße und Warmoesstraat, schändet die Nachtruhe der Anwohner und uriniert in ihre Hauseingänge. Auf der Suche nach Authentizität gibt Pierre kaum mehr Geld aus als die Einheimischen, die sich die beliebten Viertel seinetwegen nicht mehr leisten können – es sei denn, es geht um illegale Drogen: Die will Pierre sich dann schon mal gönnen, wenn er in Berlin oder Amsterdam ist. Kurz vor den Lockerungen der Corona-Beschränkungen im Sommer fragte ich mich: Würde es den Städten wirklich so viel schlechter gehen, wenn dieser Partytourismus völlig zum Erliegen käme und Pierre einfach zu Hause bliebe?

Nun, wo eine zweite Quarantänephase unmittelbar bevorsteht, bin ich mir nicht mehr so sicher. Pierre, der Partytourist, ist mir inzwischen ebenso fremd wie die Konzepte „Party“ und „Tourismus“ als solche. Während ich zwar nach wie vor keine Träne für ein Billighostel vor der Insolvenz vergießen würde, bangen Museen und Theater in Amsterdam inzwischen um ihre Existenz: das Anne Frank-Huis in Amsterdam hat gerade ein Fünftel seiner Angestellten entlassen. Und auch ich habe genug von der Leere in Amsterdams Zentrum. Partytourist Pierre, bitte komm zurück!