Die Paketboten haben es nicht leicht in diesen Tagen, rund 330 Millionen Pakete werden in der Weihnachtszeit durchs Land geschickt. Dabei wird wohl kaum eine Sendung so heiß erwartet wie diese fünf Kilo schwere und 30 Zentimeter breite Kiste: „Seitenhirsch“, das Gesamtwerk der Band Die Ärzte. 333 Euro kostet der Spaß, in elf als Trash-Bücher aufgemachten Sets stecken insgesamt 33 CDs. Das sind – Farin, Bela und Rod haben es selbst geprüft – pro 100 Gramm vom „Seitenhirsch“ genau 6,66 Euro. Es stellen sich aber dringlichere Fragen als die nach dem Preis. Hier sind die Antworten:

Wer oder was ist ein „Seitenhirsch“? Fans der Band kennen das Wort noch von früher, es war Bestandteil einiger bandinterner Witze, fand irgendwann aber den Weg hinaus aus dem Ärzte-Kosmos und hinein in die Berliner Rockszene, zum Beispiel in ein Album-Booklet der Beatsteaks. Eine Definition des Begriffs möchte Bela B, als wir ihn zum Gespräch treffen, nicht geben: „Ich finde es ganz gut, wenn das ein wenig mysteriös bleibt.“ Nur so viel: Wer als „Seitenhirsch“ bezeichnet wird, gehört gehört zu der Sorte Mensch, die gerne warm duscht und am liebsten im Schatten parkt.

Was ist drin im „Seitenhirsch“? Alles, was Die Ärzte aufgenommen haben und noch aufzufinden war. Sämtliche Alben, Singles, B-Seiten, dazu Demos aus der ganz frühen Zeit. Insgesamt sind es 722 Titel, darunter Farins Kassettenrekorderdemo von „Der lustige Astronaut“ aus dem Jahr 1978 und eine Version vom unrühmlichen „Eva Braun“-Song, bei der Die Ärzte selbst nicht mehr wissen, wann sie entstanden ist. „Die Recherche nach den Demos war nicht ohne“, sagt Bela B. „Es gibt noch viele Aufnahmen, an die wir uns dunkel erinnern können, die wir aber nicht mehr ausfindig machen konnten.“ Hardcore-Fans freuen sich, dass auch das legendäre englischsprachige Album dabei ist. Was Die Ärzte hingegen nicht bieten können: das weiterhin indizierte Lied „Geschwisterliebe“. Immerhin gibt es mit „… Liebe“ die Instrumentalversion zum Mitsingen.

Wer hatte die Idee? Richard Weize, einer der bedeutsamsten Archivare der Rockwelt. Früher war er Chef des Labels Bear Family, jetzt reist schon seit Jahren durch die Welt, gräbt seltene Country-, Rock 'n' Roll- und Blues-Aufnahmen aus und stellt sensationelle Boxsets zusammen. Der „Seitenhirsch“ ist sein Meisterwerk: Ausstattung und Design sind außergewöhnlich, die Bücher bieten Infos und Statements der Bands zu den Stücken, dazu zwei lesenswerte Interviews mit der Band. Als Bela B für Bear Family die Elvis-Biografie als Hörbuch einsprach, fragte Weize ihn, ob so eine Box für die Band überhaupt infrage käme. Die Ärzte diskutierten und kamen zu dem Schluss: wenn ein Gesamtwerk, dann von Richard Weize zusammengestellt. Farin und Bela waren schon früh Fans der Bear Family. „Von großer Bedeutung war für uns eine der Buddy-Holly-Boxen, die Richard zusammengestellt hat“, sagt Bela B. Ihr Einfluss führte direkt zu einem ihrer besten frühen Songs: „Buddy Holly’s Brille“.

Braucht man das Ding? Selbst die größten Fans finden in diesem Werk Informationen und Lieder, die sie noch nie gehört haben. Zudem hat das Team um Richard Weize ganze Arbeit geleistet, die Unterschiede in der Klangqualität zwischen den spaßigen Aufnahmen als Die Ulkigen Pulkingen und den späten Studioproduktionen sind enorm, dennoch lässt sich das Gesamtwerk gut durchhören, was vor allem am Mastering des Berliners Christian Zwarg liegt. Dennoch: 300 Euro sind viel Geld. Wem das ungehörte Zeug ausreicht, kann auf „They’ve Given Me Schrott! – Die Outtakes“ warten, eine schlankere Box mit wahlweise drei CDs oder vier LPs, die im Frühjahr erscheint und alle bislang unveröffentlichten Stücke beinhaltet.

Wie geht’s denn nun weiter? Das Gesamtwerk, Konzerte in ausgewählten Hauptstädten Europas und Auftritte bei Festivals – nach langer Pause ist wieder Leben in der Bude. Und eine neue Platte? „Bei uns allen gibt es natürlich den Wunsch, was Neues zu spielen und nicht nur eine Werkschau zum Besten zu geben“, sagt Bela B. Es handele sich bei den anstehenden Auftritten schließlich nicht um ein richtiges Comeback, sondern nur um eine Rückkehr nach längerer Pause. „Wir haben alle drei massiv Bock, das wird man dann an der Setlist und der Show schon merken.“