Im letzten Sommer liefen sich, von einer Kamera beobachtet, zwei Eminenzen des deutschsprachigen HipHop auf einem Festival über den Weg. Der eine war Torch, mit dem Heidelberger Trio Advanced Chemistry 1992 vermutlich der entscheidende einheimische HipHop-Pionier. Der andere Marcus Staiger, ein in den späten Neunzigerjahren aus Stuttgart nach Berlin emigrierter Journalist, als Gründer des Labels Royal Bunker war er verantwortlich für die Erfindung des Berliner Straßen-Rap mit Leuten wie Kool Savas und Sido. Staiger suchte das Gespräch, Torch verweigerte sich wortlos und zog, von Staiger verfolgt, in den abgesperrten Backstagebereich. Woher genau dieser Dissens rührt, weiß man nicht.

Auch nicht nach dem Besuch von „Blacktape“, einer Dokumentation über HipHop in Deutschland, in dem die Festivalepisode zu sehen ist. Dass man statt eines Grundes für das Zerwürfnis – etwa den Zustand von HipHop zwischen Szeneparanoia, Pop und Kommerz – nur vielsagende Blicke bekommt, strengt einerseits an. Andererseits ist es symptomatisch für diesen Film.

Rappende Zipfelmützen

Dabei wollte Regisseur Sou Neblett zunächst einfach nur vom ungewöhnlichen Erfolg und der Geschichte von Rap in Deutschland erzählen. 1971 in den USA geboren, kam er Anfang der Neunziger zum Studium nach Freiburg und rappte seit 1997 mit dem Stuttgarter HipHop-Trio Freundeskreis, das mit Tracks wie „A-N-N-A“ zu den erfolgreichsten einheimischen HipHoppern damals gehörte. Er kennt die Szene also von innen und fängt zunächst klassisch an. Advanced Chemistrys „Fremd im eigenen Land“, das peinsame, erste Video der zipfelmützentragenden Fantastischen Vier, dazu MTV-Ehemalige und Thomas D., der aus den US-Army-Discos um Stuttgart erzählt.

Doch dann interviewt er Marcus Staiger, und der bringt einen mythischen deutschen Rapper namens Tigon ins Spiel, der angeblich mit dem ersten deutschen Rap in einer US-Kaserne einen Krawall auslöste – und schon machen die beiden sich mit dem HipHop-Journalisten und Ex-Viva-Moderator Falk Schacht auf die Suche nach dem Mythos, Staiger als streitbarer Verfechter aufrechten Raps von der Straße, Neblett mit Herz für die sozialbewussten Gymnasiasten der Neunzigerjahre und Schacht als Vermittler, der findet, dass HipHop eine vielgestaltige Popkultur sei.

Sie fahren nach Heidelberg, Stuttgart und Hamburg, die Kamera wackelt durch US-Kasernen und Katakomben, über Berliner Brachen und Festivals, dazu sprechen, meist kurz, ein paar der wichtigen Player von damals bis heute – ein paar wiederum sprechen nicht, eben wegen, so wird es hier suggeriert, Staiger.

Das eigentliche Problem dieses Films jedoch ist eine gewisse Geschwätzigkeit, mit der die höchst präsenten Moderatoren über kaum definierte Gräben irgendwo zwischen Jugendhauskultur, Politik und Charts streiten. Das knorrige Zornickel gibt Staiger übrigens recht unterhaltsam. Dennoch ist man dankbar, wenn ab und zu ein Vertreter des Majorlabels Universal auftaucht – er ist als Feindbild immerhin klar erkennbar. Meist bleibt es allerdings bei eher schwammigem Genörgel und Abbruchsdrohungen Staigers („Ich will zu meiner Familie“).

Mit Geld ist es besser

Dabei gehen hübsche Ideen unter, so zum Beispiel das Interview mit einer US-Botschaftsangestellten über Achtzigerjahre-Terrorismus und HipHop. Und auch die Spurensuche nach wichtigen Graffiti-Kultstätten verliert sich im Geplapper mit dem als Graffiti-Auskenner verpflichteten Franko-Berliner Künstler Jaybo. Nett dagegen das Wiedersehen mit abgetauchten Größen von einst wie den Heidelberger Stieber Twins und ihrer Kollegin Cora E. Sie ist übrigens neben der Soulsängerin Joy Denalane die einzige Frau im Film.

Die männliche Dominanz in diesem Gewerbe wird im Film allerdings nicht thematisiert und der Kulturtransfer USA-Deutschland allenfalls gestreift. Vieles bleibt vage. Und vom Weg, den der deutschsprachige HipHop von einer selbstgebastelten Jugendkultur zum heutigen Platinstatus genommen hat, sieht man im Kino kaum mehr als ein paar Graffitiwände und Jubel auf dem eingangs erwähnten Großfestival. Immerhin kommen ein paar recht gut gelaunte Erfolgsmusiker zu Wort, ältere wie Thomas D. oder Max Herre, und jüngere wie der Offenbacher Rapper Haftbefehl. Dieser immerhin begrüßt Staiger sehr freundlich und versteht gar nicht, was sein Problem ist. Mit Geld, sagt er sinngemäß, ist doch besser als ohne.

Blacktape, Deutschland 2015. Dokumentarfilm, Regie: Sekou Neblett. Buch: Gregor Eisenbeiß mit Reza Bahar und Sekou Neblett. Mitwirkende: Marcus Staiger, Falk Schacht, Max Herre, Samy Deluxe, Azad, Haftbefehl u. a., Koproduktion mit ZDF, 86 Minuten, FSK ab 6 Jahren