Es gibt Menschen, die an ihrem eigenen Herzschlag aufwachen, und Herzen, die für sich selbst denken. Es gibt Gärtner, die einen Tag entzwei spalten, und Menschen, die im Traum von jemand anderem aufwachen. Und es gibt vor allem die schlaflose Dichterin Birhan, die Freundin der Ich-Erzählerin und türkischen Autorin Sema Kaygusuz. Letztere zwei scheinen in dem (Kurz-)Geschichtenband „Schwarze Galle“ – der Titel übersetzt die Bedeutung des griechischen Wortes Melancholie – so gut wie identisch. Sema Kaygusuz, DAAD-Stipendiatin 2010, hat in der Türkei bereits ihr siebtes Buch herausgebracht. In Deutschland ist es nach dem Roman „Wein und Gold“ nun erst das zweite. Das Warten hat sich aber gelohnt, und auch die Übersetzung von Sabine Adatepe trägt in ihrem Fluss und ihrem natürlichen Ausdrucksreichtum sicher zum Gelungenen dieses Bandes bei.

Am Anfang der menschlichen Schlaflosigkeit stehen darin die Götter. Erst haben sie die Nacht geschaffen, dann selbst als Schlafende davon gekostet. Andere, wie Gilgamesch, der „der Finsternis flammende Fragen“ stellte, blieben schlaflos. Der Rhythmus von Gilgameschs Trommel „dannga da dan dan“ zieht sich nun als variierter Puls durch die meist in der türkischen Gegenwart angesiedelten Geschichten, die mal Wachträume, mal traumartige Metamorphosen von Wirklichkeit sind.

Anders als im magischen Realismus verlässt bei Sema Kaygusuz das Bewusstsein nur selten die Ordnung der Tageserscheinungen. Vielmehr bewegen sich die Texte in den Vorstufen zum Traum oder Nachstufen des Wachens. Im flirrenden, netzhautnervösen Dasein Somnambuler etwa, wo die Psyche anfängt, sich in einen Film zu lösen, der wie Mittagshitze über den Dingen liegt und sie an den Rändern ineinander verfließen lässt. Oft entsteht dadurch Beunruhigung – wie bei Birhan, die ihren Herzschlag in der ganzen Umgebung ihres Hauses nachhallen hört. Manchmal aber entstehen auch Geschichten, wie man sie sich vom Leben wünscht.

Die erfüllteste Geschichte macht sich so auf die Spuren einer Flaschenpost, die der junge Bora in Mudanya am Marmarameer findet. Wie sich nun ein verhaltener Mann und eine gestandene Schneiderin erst verdruckst, dann selbstverständlich begegnen, und in Momenten sowohl das Verbindende wie das Trennende erleben, das könnte noch viele Seiten so weitergehen. Aber die Autorin widersteht dem Sog ihrer Protagonisten gekonnt und entlässt den Leser mit der noch aufgeladenen Stimmung. Dieser längste Text des Buches ist auch im Hinblick auf Sema Kaygusuz’ sozialpolitisches Anliegen gelungen.

An anderen Stellen taucht die soziale Realität recht didaktisch aus dem schönen Flirren des Erzählens auf. Von bürgerlichen Vierteln eines angeblich multikulturellen Berlins, deren Einwohner noch nie in „einer der Gegenden waren, in denen Migranten leben“, ist dann kurz und kunstlos die Rede, oder von einer Wiener Freundin, die „Ärzten mit Migrationshintergrund nicht vertraut“. Auch die Musa Anter, dem 1992 ermordeten kurdischen Schriftsteller, gewidmete Geschichte ist nicht die stärkste. Durch die gelegentliche Allzudeutlichkeit ist unwiderruflich klar, auf wessen Seite der Band steht: auf derjenigen von Heimatlosen und –suchenden, darunter immer wieder Kurden.

Am eindrücklichsten sind die Geschichten dort, wo die Autorin fast ganz in ihren Protagonisten aufgeht, wie auch in denjenigen über zu viel und zu wenig essen oder der doppelten Charakterstudie von einer „Kesselflickerin“ und deren Kundin. Das Ende des Bandes ist dann ein Schock. Der bezaubernde Ton der Autorin hatte bis dahin vergessen lassen, wie bitter Galle eigentlich schmeckt.

Sema Kaygusuz: Schwarze Galle. Aus dem Türkischen von S. Adatepe. Matthes & Seitz, Berlin 2013. 141 S.,17,90 Euro.