Blick auf den Dom von Magdeburg.
Foto: ZB/Klaus-Dietmar Gabbert

MagdeburgWie wäre es mit einer Kurzreise nach Magdeburg, und zwar sofort, spätestens jedoch am 2. Februar? Denn dann schließt die sensationelle Ausstellung „Faszination Stadt – Die Urbanisierung Europas im Mittelalter und das Magdeburger Stadtrecht“ (Kulturhistorisches Museum, täglich von 10 bis 18 Uhr geöffnet). Per Bahn dauert die Fahrt Berlin-Magdeburg gut eineinhalb Stunden.

Was ist an dieser Ausstellung so aufregend? Ganz einfach: Vom Magdeburger Domplatz aus öffnet sich der kulturhistorische Blick nach Osten. Seit dem späten 12. Jahrhundert verbreitete sich das hier kodifizierte städtische Zivil-, Straf- und Verfahrensrecht in Hunderten Städten Ostmitteleuropas und Südosteuropas. Denn die in Magdeburg entwickelten Normen ermöglichten Rechtssicherheit, Rechtsfrieden, wirtschaftliches Gedeihen und kommunale Selbstverwaltung. Sie schafften die Sippenhaft ab, ebenso die Verjährung von Gewalttaten, ermöglichten es Ehefrauen, selbstständig vor Gericht zu ziehen – ein für damalige Verhältnisse unglaublicher Fortschritt.

Desgleichen fand die Regelung von Streitigkeiten zwischen Nachbarn wie überhängende Zweige, Gestank des Schweinekobens, Verschattung des Nachbargrundstücks oder Funkenflug aus dem Backofen Eingang in dieses immer wieder modernisierte und regional angepasste Rechtssystem. Zu den geringsten Haftungsfragen – etwa über die Pferdeäpfel, die die feinen Waren eines Pelzhändlers verschmutzt hatten – verfassten die Schöffengerichte sorgfältige Urteile, hielten Rücksprache mit Obergerichten und schufen auf diese Weise allgemeingültiges Recht. Noch bis ins 18. Jahrhundert hinein übernahmen Städte das Magdeburger Recht.

Anders als die heute verbreitete hoffärtige Einbildung, man könne Demokratie und Rechtsstaat einzelnen Staaten wie etwa Libyen notfalls mit Gewalt aufpfropfen, breitete sich das Magdeburger Stadtrecht per Osmose aus. Der Rechtskreis vergrößerte sich, weil die einzelnen Regelungen, die Schöffensprüche und die Öffentlichkeit der Verfahren funktionierten, das machte sie attraktiv: Zunächst übernahmen es Städte wie Berlin, Stettin, Danzig oder Breslau, schließlich folgten zum Beispiel Prag, Krakau, Lemberg, Wilna, Ofen (Budapest), Hermannstadt, Kiew, Minsk, Brjansk und Poltawa.

Dem entsprechen die in der Magdeburger Ausstellung versammelten kostbaren Leihgaben, sei es aus Uppsala, St. Petersburg, London, Danzig, oder Heidelberg. Der erste bekannte in Ton geritzte 3400 Jahre alte Stadtplan der Welt zeigt die Stadt Nippur im heutigen Südirak und kommt aus Jena; die 1559 auf Polnisch erschienene Variante des Magdeburger Rechts (Prawa Maydeburskiego) und ein silberner Hahn der Krakauer Schützenbruderschaft stammen aus Krakau; die berühmte Schöffenbank, das älteste in Deutschland erhaltene Möbelstück, stand einst in der Berliner Gerichtslaube.

Anhand der Objekte, Dokumente und Erklärungen wird in der Ausstellung eines sehr deutlich: Jenseits der Elbe besteht ein geschichtlich gewachsenes, auf geistigem, kulturellem und materiellem Austausch beruhendes, Jahrhunderte lang friedlich ausgestaltetes ostmitteleuropäisches Netzwerk. Es verdient die sorgfältige Pflege – auch dann, wenn es einem Stuttgarter oder einer Kölnerin sonderbar, fremd oder gar verdächtig erscheint.