Serdar Somuncu, eigentlich Kabarettist, ist zuletzt vor allem mit politischen Äußerungen zu aktuellen Themen wie dem Krieg in der Ukraine aufgefallen. Emotional und engagiert spricht er sich gegen Waffenlieferungen aus. Davor verabschiedete er sich von allen seinen Kanälen in den sozialen Medien – wo er vorher noch ein langes und wütendes Statement zu den Corona-Maßnahmen abgegeben hatte. Zeit für ein Telefonat.

Wenn man Sie aktuell sprechen hört, zum Beispiel im Podcast „Schroeder & Somuncu“ von Radioeins, dann klingt das gar nicht mehr nach Comedian, sondern eher nach Politiker. Sie haben zwar schon mal Wahlkampf gemacht – allerdings für die Satire-Partei Die Partei. Warum so ernst?

Das ist nicht auf einmal gekommen. Die Ernsthaftigkeit war in meinen Programmen immer wichtiger Teil. Es gab das komödiantische, lockere Umgehen mit gesellschaftspolitischen Themen, aber auch – im Gewand einer Rolle – das Persönliche, das, was ich denke über die Vorgänge in dieser Welt.

Haben die aktuellen gesellschaftspolitischen Entwicklungen wie Corona und der Krieg in der Ukraine Sie besonders emotionalisiert?

Ich wäre ja ein Stück Holz, wenn mich das nicht bewegen würde, was gerade passiert. Das sind Entwicklungen in den letzten Jahren, die mich beängstigen – gerade auch wegen der Reaktionen auf sie, die quer durch die Gesellschaft gehen und sehr unterschiedlich und sehr unversöhnlich sind. Ich sehe es als meine Aufgabe und Verantwortung als politischer Künstler an, mich zu positionieren und dabei meine Grundsätze zu wahren und sie nicht aus Angst vor irgendwelchen Sanktionen oder anderen Meinungen oder aus Faulheit über Bord zu werfen. Es reicht nicht, die Leute nur zu unterhalten. Sie wollen klare Positionen und die Identifikation mit Künstlern, die die Fähigkeit haben, sich auszudrücken und vielleicht stellvertretend für sie sagen können, was sie nicht so sagen können, ohne anzuecken oder überhört zu werden.

Fassen Sie doch noch einmal zusammen: Was ist Ihre Position zum Krieg in der Ukraine und welche Rolle sollte Deutschland dabei spielen?

Meine Haltung ist da ganz klar: Deutschland sollte aufgrund seiner historischen Verantwortung in keiner Weise in diesen Krieg mit einsteigen, sei es durch die Lieferung schwerer Waffen oder durch sonstige Verschärfungen dieses Konflikts. Aber genau das passiert gerade: Menschen, die früher für den Frieden waren, schreien heute am lautesten, dieser Konflikt lasse sich nicht anders lösen als auf militärischer Ebene. Das erschreckt mich und ich bin ganz anderer Meinung. Diese Konflikt, der ja nicht erst seit gestern existiert, hätte schon viel früher auf diplomatischer Ebene gelöst werden können. Neben Ursachenforschung, die wichtig wäre, aber natürlich auch unangenehme Aspekte beinhaltet. Wenn wir etwa die Rolle der Nato und der USA betrachten, wäre es jetzt wichtig, weise und besonnen nach vorne zu schauen und zu überlegen: Wie kommen wir wieder aus dieser Spirale heraus? Ich glaube nicht, dass das mit Waffenlieferungen funktioniert. Wir müssen wohl oder übel auch mit denen sprechen, die auf der anderen Seite stehen, also mit den Russen. Stattdessen lassen sich viele Akteure von kurzfristigen Affekten steuern.

Sind Sie ein Russland-Versteher?

Mir ist das egal, wie ich bezeichnet werde. Ich sage meine Meinung und jeder kann seine Meinung behalten. Heutzutage wird man sehr schnell benannt und zugeordnet. Und wenn man sich darauf einlassen würde, könnte man gar nichts mehr sagen. Das ist zugleich auch ein Problem dieses ganzen Krieges und unserer Zeit: Wir haben sehr viele Informationen, aber sie sind oft sehr tendenziös. Wir berufen uns in Diskussionen auf Informationen, deren Quelle wir oft gar nicht kennen und die wir nicht zurückverfolgen können. Es geht hier nicht darum, Putin zu verstehen, sondern um eine Ursachenforschung, um daraus zu lernen und klüger zu werden.

Sie haben zum Beispiel erklärt, Putin habe Deutschland die Hand gereicht mit seiner Rede, die er 2001 auf Deutsch vor dem Bundestag gehalten hat. Sie sagen, der Ausschluss Russlands aus der G7 sei eine Art Trauma. Machen Sie Putin so nicht zum Opfer westlicher Politik und sein Angriffskrieg ist aus dieser Perspektive eine legitime Gegenwehr?

Es geht nicht um Opfer und Täter. Es geht um einen Umgang, den man miteinander hatte, und der sich verändert hat. Putin ist immer wieder auch gedemütigt worden, zum Beispiel von Barack Obama, der Russland zu einer Regionalmacht erklärt hat, oder in Sitzungen, wo er alleine am Tisch saß, weil alle anderen mit ihm nicht mehr sprechen wollten. Meine Absicht ist, zu sagen: Putin ist nicht von Anfang an gegen uns gewesen. Wir waren maßgeblich daran beteiligt, ihn auszuschließen. Das heißt nicht, dass ich das, was er tut, legitimiere, und auch nicht, dass ich kein Mitgefühl für die Ukrainer habe, die da jetzt sterben. Das darf aber nicht der einzige Aspekt in diesem Konflikt sein, der zu Entscheidungen führt, deren Konsequenzen wir nachher nicht tragen können. Allein die Sanktionen, die wir sehr schnell erlassen haben – sie haben Folgen auf uns: Die Preise steigen, wir wissen nicht, ob wir im Winter heizen können.

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Serdar Somuncu

Serdar Somuncu wurde am 3. Juni 1968 in Istanbul, Türkei, geboren. Er ist ein deutscher Kabarettist, Autor und Regisseur türkischer Herkunft. Gelegentlich tritt er auch als Musiker, Schauspieler und Synchronsprecher in Erscheinung. Beim RBB (Radioeins) führt er den Podcast „Schroeder & Somuncu“.

Würden Sie in Russland leben wollen?

Das weiß ich nicht, dafür kenne ich das Land nicht gut genug. Ich weiß, dass ich hier lebe und dass hier auch nicht alles gut ist.

Hätten Sie den offenen Brief unterschrieben, den Prominente wie Lars Eidinger in der Emma unter anderem gegen die Lieferung schwerer Waffen veröffentlich haben?

Ich unterschreibe grundsätzliche keine öffentlichen Briefe. Ich finde den Brief allerdings im Grunde genommen gut und sehr unfair und fast schon zynisch, wie mit den Unterzeichnern umgegangen wurde und wird. Gerade im Internet und auf Twitter reicht es von Beschimpfungen bis zu sehr unsachlicher Kritik.

Sie kritisieren häufig die aufgeheizte Stimmung in den sozialen Medien, haben Twitter sogar als das „gefährlichste Medium der Zeit“ bezeichnet und sich mit ihren Profilen aus den sozialen Medien verabschiedet. Haben Sie keine Angst, Reichweite zu verlieren?

Ich möchte diese enorme Energie, die man aufbringen muss, um gegen Windmühlen zu kämpfen, lieber für sinnvollere Dinge einsetzen. Ich habe genug Kanäle, auf denen ich mich äußern kann, und wo die Menschen mich finden können. Mich in Kleinkriege mit Leuten zu begeben, die ihre Meinung danach ausrichten, wie oft sie reproduziert wird und ob sie genug stattfindet, ist nicht meine Aufgabe als Künstler. Mir geht es nicht um Reichweite, sondern um Glaubwürdigkeit.

Hat Social Media Sie zu sehr emotionalisiert? Als Sie auf Facebook einen viel geteilten kritischen Kommentar zu den Corona-Maßnahmen geteilt haben, habe ich Sie auch als etwas paranoid wahrgenommen: Sie schrieben in den Kommentaren, Facebook würde die Reichweite des Kommentars stark einschränken.

Sie werfen mir Paranoia vor. Ich könnte Ihnen jetzt sagen, Sie sind naiv. Glauben Sie nicht, dass vieles in den Medien und im Internet mindestens beeinflusst, wenn nicht sogar gesteuert wird? Ich habe schon mit vielen Sendern zusammengearbeitet und kann Ihnen sagen: Das ist nicht Paranoia, das ist Realität. Es wird redaktioneller Einfluss genommen, nicht ergebnisoffen diskutiert, es wird auch sanktioniert. Wenn Sie einmal meinen Namen und das Stichwort „Meedia“ googeln, können Sie eine Stand-up-Nummer für den WDR finden, die der Sender stark zensiert hat. Die vorgenommenen Streichungen sind dort alle zu finden und machen fast drei Viertel des gesamten Textes aus. Deshalb konnte der WDR, der mich damals verklagt hatte, weil ich angeblich eine Redakteurin beleidigt hätte, auch nicht nachweisen, dass da keine Zensur stattgefunden hätte. Sie müssen bis heute akzeptieren, dass man sagt: Der WDR greift in die künstlerische Freiheit der Menschen ein, die dort eingeladen werden.

Um beim Facebook-Post zu bleiben: Warum und welche Macht sollte auf Ihre Reichweite Einfluss genommen haben?

Jetzt wirken Sie auf mich nicht nur naiv, sondern auch noch gehirngewaschen. Halten Sie Facebook für eine demokratische Instanz?

Nein, aber dort sind programmierte Algorithmen am Werk, die tun, was sie immer tun. Da sitzt ja keine Redaktion und entscheidet, welche Reichweite ein Post bekommt.

Das ist ja nicht einmal nötig. Eine Redaktion kann Richtlinien ausgeben. Und zur Corona-Zeit war es so, dass kritische Beiträge auf YouTube und auf Facebook massiv eingeschränkt wurden. Das kann ich Ihnen auch beweisen, wenn sie es wollen, weil ich von YouTube gesperrt wurde mit dem Hinweis darauf, dass ich medizinische Unwahrheiten verbreiten würde, weil ich angezweifelt habe, dass der Impfstoff wirkt. Fakt ist: Wir leben in einer Autosuggestion von Freiheit. Was wir aber erleben, ist immer mehr Zuspitzung. Es gibt eine vorgegebene Spur und wenn man sie verlässt, wird man zugeordnet – sei es als Querdenker oder Putinversteher. Das geht mir aber zu schnell. Wenn ich mich kritisch äußere, dann erwarte ich mindestens, dass meine Referenzen auch gesehen werden, dass ich, seitdem ich auf der Bühne stehe, eine ganz klare Linie vertrete. Ich lasse mich nicht dazu zwingen, auf eine Linie einzuschwenken, die gerade Common Sense ist. In den letzten zwei Jahren wurde viel mit Druck und Angst agiert und wir sind jetzt gerade an einem Punkt angekommen, wo die Menschen sich wieder etwas freier fühlen, zu sagen, was sie denken, und da kommt uns der Ukraine-Krieg in die Quere und wir sind schon wieder in so einem Drall, uns entscheiden zu müssen. Ich will aber lieber nachdenken, bevor ich mich entscheide.

Ein bisschen klingt Ihre Sicht auf die Medienlandschaft auch nach dem von Pegida oder der rechten Querdenker-Szene geprägten Begriff „Lügenpresse“.

Das kann ja sein. Das beängstigt mich auch nicht. Es gibt sicher auch Schnittmengen mit der AfD oder sonst wem – auch der Linkspartei oder der FDP. Aber wenn ich immer darauf achten müsste, dass ich keine Schnittmengen erzeuge, mit dem, was ich sage, dann wäre ich ein sehr unfreier Mensch. Deshalb kann ich nur auf meine Referenzen verweisen, auf das, wofür ich seit Jahren mit meinen Programmen stehe.

Glauben Sie an eine gleichgeschaltete Medienlandschaft?

Nein. Die Bild-Zeitung zum Beispiel hat mehrmals die Richtung ihrer Berichterstattung gewechselt in dieser Krise. Was ich sage, ist, dass die Presse, die ja teilweise auch wirtschaftliche Interessen hat, nicht so frei agiert, wie wir das als Leser denken.

Eine neue, den aktuellen Diskurs beherrschende Gruppe bezeichnet sich selbst als „woke“, kritisiert Rassismus, Sexismus, Klassismus und andere „-ismen“ – ist aber auch beständig für starke Corona-Maßnahmen eingetreten.

Ja, weil sie privilegiert sind. Wir haben einen Generationswechsel. Ein großer Teil der Gesellschaft kommt eben nicht mehr aus der entbehrungsreichen Kriegs- oder Nachkriegszeit, sondern das sind die Kinder der Eltern, die in Prenzlauer Berg ihren 5000 Euro teuren Kinderwagen hin und her schieben. Die haben natürlich ganz andere ethische Werte. Dazu gehört, dass man empfindlicher und empfindsamer geworden ist, was ich nicht schlecht finde. Man tritt auch aktiver ein gegen Dinge, die man für ungerecht hält. Wenn das aber dazu führt, dass man einen Wertekatalog aufstellt und sagt, jeder, der dagegen verstößt, macht etwas falsch, dann wird es zu einer Diskussion, wo es nur noch Schwarz und Weiß gibt und keiner mehr den anderen hört. Diese „woke Clique“, die sich ja besonders auf Twitter trifft, schraubt sich gegenseitig gerne hoch und verlässt gerne die eigenen Grundsätze. Diejenigen, die oft sehr empfindlich sind, sind oft die, die sehr verletzend sind und andere schnell anklagen und unter Verdacht stellen. Das wird sehr befeuert dadurch, dass wir keine Gesellschaft sind, die von Nachrichten lebt, die andere für uns aussuchen, sondern dass jeder auch Sender ist. Das macht die Lage immer verworrener.

Wann hat sich das Diskursklima Ihrer Meinung nach besonders aufgeheizt?

Wenn Sie sich erinnern, worüber wir uns vor zweieinhalb Jahren erregt haben … Das war „Meine Oma fährt im Hühnerstall Motorrad“. Doch dann passierte etwas, womit wohl keiner gerechnet hat, dass die Regierung auf einmal entscheiden konnte, dass man nachts nicht mehr rausgehen oder tagsüber auf einer Parkbank sitzen durfte oder bestimmte Nachweise brauchte, um in einen Laden zu kommen. Das ist eine Atmosphäre, in der die Gemüter, die vorher oft auch schon überhitzt waren, vollends zum Kochen gebracht wurden. Bis dahin, dass sich die Menschen auf einmal nach Krieg zu sehnen scheinen. Es ist vollkommen abstrus, dass wir im Jahr 2022, mehr als 75 Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg, darüber sprechen, dass es einen Atomkrieg geben könnte und niemand, oder die Wenigsten, die ich kenne, sagen, dass oberste Priorität sein müsste, das zu verhindern!

Vielen Dank für das Gespräch.

(Das Interview führte Max Florian Kühlem.)