Die Satiriker Jan Böhmermann, Lisa Eckhart und Serdar Somuncu.
Foto: dpa/Balk/Heimken/Kästle

BerlinDie Satire à la Lisa Eckhart und Serdar Somuncu hat ein Problem. Immer wieder wird ihr Diskriminierung vorgeworfen, auch wenn sie eigentlich versucht, Diskriminierung zu entlarven. Auch Jan Böhmermann hat den Rassismus-Vorwurf schon gehört. Ist es also Zeit für eine neue Art der Satire oder müssen wir einfach wieder lernen, Satire zu verstehen?

Die Satire hat traditionell eine Mission. Sie klagt das an, was in einer Gesellschaft schiefläuft – Rassismus, Ungerechtigkeit und Unterdrückung zum Beispiel. Dafür stellt sie sich manchmal auf die Seite des Gegners, in Wahrheit aus Kalkül. Überspitzt schlüpft sie dann in jene Rollen, die sie eigentlich ablehnt oder angreift. Genau so machen es auch Lisa Eckhart und Serdar Somuncu. Beide spielen Rollen, die sie nicht so meinen. Eckhart spielt die rassistische Österreicherin, Somuncu den Hassprediger.

Wenn man sich nun echte Rassistinnen und Hassprediger anschaut, stellt man fest, dass sie die Rollen, die sie eigentlich spielen, nie explizit für sich beanspruchen würden. Am besten erkennt man Rassisten schließlich daran, dass sie verletzende Sätze mit dem Hinweis einleiten: „Ich bin ja kein Rassist, aber ...“ Und selbst der aggressivste Hassprediger gibt vor, eigentlich nur Liebe predigen zu wollen. Eckhart und Somuncu schlüpfen nun also in ihre völlig überzogenen Rollen, um genau das sichtbar zu machen, wofür diese Rollen vordergründig stehen: Hass und Fremdenfeindlichkeit. Nur warum geht das so schief?

Der Hass ist Teil eines künstlerischen und politischen Konzepts

Noch vor einer Woche stand der Provokateur Somuncu wieder im Zentrum einer Debatte: In einem Podcast gab er sich frauenfeindlich und warf mit rassistischen Klischees um sich. Auch das N-Wort sprach er aus. Geredet habe er in einer satirischen Rolle, sagte er später. Doch wahr ist auch: Gekennzeichnet hat er diese satirische Rolle nicht. Oder zumindest nicht deutlich genug, wie viele kritische Stimmen jetzt behaupten.

Auch im Feuilleton der Berliner Zeitung führte die Somuncu-Aktion zu einer heftigen Kontroverse. Harry Nutt verteidigte den Somuncu-Auftritt und erinnerte an den satirischen Gehalt der Nummer. Maxi Beigang wiederum sah die Menschenwürde von Frauen verletzt und stellte den satirischen Kontext infrage, der die Entgleisung rechtfertigen könnte. Der Streit zeigt prototypisch, wie Satire scheitern kann, wenn der Kontext nicht klar erkennbar ist.

Schauen wir doch einmal genauer hin: Somuncus Rolle, seine wiederkehrende Bühnenfigur, ist der Hassprediger – ein radikaler Fürsprecher von Intoleranz, Ungerechtigkeit und Unterdrückung. Diese Rolle spielt er seit Jahren auf der Bühne, wenn auch in diesem Jahr wegen der Abstandsregeln seit März 2020 nur vor Autos. Das Motto des Hasspredigers lautet: „Jede Minderheit hat ein Recht auf Diskriminierung.“ Meint Somuncu das wirklich? – Natürlich nicht. Die Figur des Hasspredigers hasst nicht, um zu hassen. Dieser Hass ist Teil eines künstlerischen und politischen Konzepts, das sich der Antidiskriminierung verschrieben hat.

Somuncu entlarvt in seinen Auftritten Hassstrukturen, stellt sie durch Übertreibung dar, verkehrt sie ironisch und kommentiert sie dann wieder in beinahe pathetisch-moralisierender 68er-Manier. Ständig verweist er in seinen Shows auf die nationalsozialistische Vergangenheit der Deutschen und darauf, dass man gerade wegen dieser Vergangenheit besser sein müsse als die Tätergeneration – humanistisch eben. Seine kommentierten Lesungen von Hitlers „Mein Kampf“ und Goebbels’ Sportpalastrede waren der fast schon naive Versuch, sein Publikum mit dem Wahnsinn des nationalsozialistischen Wortlauts zu konfrontieren, um seine Zuhörer gegen Propaganda und Rechtspopulismus zu wappnen. Ob man Somuncus Methoden für effektiv hält, darüber lässt sich natürlich streiten, aber: Somuncu geht es um den Kampf gegen Menschenfeindlichkeit und Rassismus. Das weiß jeder, der sich einmal die Mühe gemacht hat, einen ganzen Auftritt anzusehen.

Ist doch nur Spaß

Ein Beispiel: In einer Bühnenshow hetzt Somuncu gegen Griechen. Er nennt sie die „Verkörperung des Schlechten“ für alle Türken. Nach einigen Witzen auf Kosten der Griechen kommt dann die humanistische Belehrung hinterher: „Überhaupt diese Einteilung in Grieche–Türke ist mir eigentlich scheißegal. Ich geb’ sie auch nur parodierend wieder, denn die scheint manchen Leuten wichtiger zu sein als das, was wichtig sein müsste: der Charakter eines Menschen, seine Empathiefähigkeit, vielleicht seine Sensibilität oder Sensitivität. Nein, da guckt man den Leuten in den Pass, um zu entscheiden, ob man sie mag oder nicht. Ich hab’ so viele Arschlöcher kennengelernt, die kamen aus meiner unmittelbaren Umgebung. Die größten Antidemokraten haben Glatzen und tragen Springerstiefel. Das ist nicht zu bemessen nach Pass und Herkunft.“

Foto: privat
Die Autorin

Anne Röhrborn ist Literaturwissenschaftlerin. Sie hat an der Harvard University in den USA zu Political-Correctness-Diskursen promoviert. Ein Kapitel behandelt auch die Satire von Serdar Somuncu. Anne Röhrborn lebt heute in Berlin.

Oder aber er veralbert Muslime. Das Publikum reagiert lachend und applaudiert. Doch Somuncu grätscht ironisch dazwischen, sodass dem Publikum das Lachen im Halse stecken bleibt: „Nazis! Nazis! Habt ihr schon die sechs Millionen Juden vergessen, dass ihr wieder so selbstbewusst sein könnt, einfach wahllos mitzumachen, wenn euch irgendein dahergelaufener Kabarettist vorgaukelt, Spaß zu machen?”

Somuncu nimmt Missverständnisse in Kauf

Trotzdem ist es oft schwer, einzuschätzen, wo Somuncu die Rolle fallen lässt und in die Position des Kommentators schlüpft. Mal hasst er, dann gibt er sich wieder humanistisch. Das Publikum soll selbst entscheiden, welche Sätze und Anläufe mit dem eigenen Wertesystem vereinbar sind. Er stellt die Hörer auf die moralische Probe. Somuncu versteht das als aufklärerisches Konzept, eine Art Erziehung zur Mündigkeit. Er will seinem Publikum nicht demagogisch vorgeben, was es glauben soll. Diese Uneindeutigkeit wird sogar noch größer, wenn Somuncu Formate bespielt, die nicht eindeutig der Satire zugeordnet werden.

Das Podcast-Format wäre so ein Beispiel. Wenn Somuncu in einem Podcast des RBB-Radiosenders Radioeins flapsig daherredet und mit dem Satiriker Florian Schroeder über Gott und die Welt philosophiert, werden die Grenzen zwischen Satire und Kommentar porös, die Sprecherhaltung uneindeutig. Man fragt sich also zu Recht: Ist das jetzt noch Somuncu, der da spricht, oder ist das schon wieder der Hassprediger, also Satire? Man weiß es nicht. Somuncu nimmt diese Missverständnisse in Kauf.

Antisemitisch und absurd

Ähnlich uneindeutig wie Somuncu operiert Lisa Eckhart. Nehmen wir als Beispiel ihren skandalträchtigen Auftritt bei der Sendung „Mitternachtsspitzen“ im WDR, der sie ihre Lesung beim Harbour Front Literaturfestival in Hamburg gekostet hat. Auch diesen Fernsehauftritt kann man als den Versuch einer Rassismuskritik verstehen.

Die Ausgangslage ist Folgende: Drei jüdische Männer, Harvey Weinstein, Roman Polanski und Woody Allen, sind im Rahmen der MeToo-Bewegung angeklagt, sich an Frauen vergriffen zu haben. Aus diesem männlichen Fehlverhalten baut Eckhart ein Vorurteil gegen Juden. „Da haben wir immer gegen diesen dummen Vorwurf gewettert, den Juden ginge es nur ums Geld und jetzt stellt sich heraus: Denen geht es wirklich nicht ums Geld. Denen geht es um die Weiber und deshalb brauchen sie das Geld.“

Natürlich ist das antisemitisch, aber auch absurd. Die meisten Menschen würden nicht ernsthaft auf den Gedanken kommen, aus dem Verhalten dieser drei Personen auf alle Juden zu schließen. Vor allem ist Satire ein Spiel mit dem Wissen des Publikums und man kann davon ausgehen, dass Eckharts Publikum sehr genau weiß, wie viel Leid solche plumpen Vorurteile in der Vergangenheit verursacht haben.

Eckharts Vorurteil gegen Juden ist der Spiegel eines weitverbreiteten Vorurteils gegen Flüchtlinge. Das Klischee lautet: Da es Übergriffe von Flüchtlingen gegen Frauen gab, sind Flüchtlinge generell abzulehnen. So die Vorstellung, die Eckharts Satire karikieren will. Im Grunde lautet die Botschaft der Nummer: Menschen können sich falsch verhalten, ganze Menschengruppen dagegen nicht. Die antisemitischen Klischees funktionieren dann als somuncueske Mahnung: Wollt ihr den gleichen Fehler noch einmal machen? Habt ihr nichts aus der Vergangenheit gelernt? – Zumindest kann man das alles so lesen, denn zugegeben: Eindeutig auszulegen ist bei Eckhart kaum etwas.

Die Nummer kann weg, die Satiriker nicht

Somuncus Hasstirade im RBB-Podcast bei Radioeins ist dagegen etwas anders zu bewerten, nämlich ganz einfach: als schlechte Satire. Nicht jeder hat verstanden, dass Somuncu satirisch gesprochen hat. Zudem kann man die Meta-Botschaft hinter der Hasstirade selbst mit Wohlwollen nicht als besonders subversiv bezeichnen.

Eckharts Auftritt war zwar klar als Satire gekennzeichnet, aber die Botschaft ging unter. Man kann also in diesen Fällen den beiden Satirikern fehlgeschlagene Satire vorwerfen, aber bestimmt keinen ernst gemeinten Rassismus. Daher ist es richtig, dass der Somuncu-Podcast gekürzt wurde, und falsch, dass Eckhart vom Literaturfestival ausgeladen wurde. Die Nummern selbst können vielleicht weg, die ganzen Satiriker aber sicher nicht.

Obwohl sie nicht wörtlich gemeint waren, wurden die Äußerungen Eckharts und Somuncus von vielen Menschen wörtlich genommen. Missverstanden und dafür abgestraft zu werden ist für Satiriker und Satirikerinnen im Prinzip nichts Neues. Dieses Risiko müssen sie schon seit dem Mittelalter einkalkulieren und nicht erst, seit die sogenannte „Cancel Culture“ angeblich ihr Unwesen treibt.

Die Aufmerksamkeitsspannen werden kürzer

Das Satiremagazin „Titanic“ bringt schon seit ihren Anfängen die Massen gegen sich auf und musste bislang in ihrem 40-jährigen Bestehen etwa 40 Hefte nach der Veröffentlichung zurückrufen. Der Satiriker war schon immer der Märtyrer unter den Quatschköpfen. Und trotzdem: Haben sich nicht die Kommunikationsbedingungen geändert und muss die Satire nicht auf diese Änderung reagieren? Schließlich ist das Bewusstsein für Diskriminierung größer geworden, wie auch der Artikel von Joane Studnik zeigt, die Aufmerksamkeitsspanne des Einzelnen dafür aber umso kürzer.

Kann man also noch davon ausgehen, dass sich jemand die Zeit nimmt, eine komplexe Rolle zu durchschauen? Oder muss man vielleicht sogar einkalkulieren, dass einzelne Clips und Sätze aus dem Kontext gerissen und in den sozialen Medien verbreitet werden? Muss die Satire eindeutiger werden? Oder müssen wir ihr wieder mehr Zeit und Wohlwollen einräumen?

Vielleicht müssen auch beide einen Schritt aufeinander zugehen. Die kritischen Stimmen müssen verstehen, dass die Satire aus guten Gründen Tabus bricht, und die Satire muss anerkennen, dass sie ihren satirischen Rahmen klar stecken muss, wenn sie nicht missverstanden werden will. Eines sollten wir uns jedenfalls immer vor Augen halten: Im Regelfall ist die Satire eine Waffe der Antidiskriminierung und nicht ihr Gegner. Auch wenn sie manchmal nicht den richtigen Ton trifft.