Serdar Somuncu
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BerlinIn der Ausgabe der Berliner Zeitung vom 17. September publizierte die Feuilleton-Redaktion  die „mutwillige Verteidigung“ einer kontroversen Podcast-Folge von Serdar Somuncu. Hier kommt eine Replik von unserer Feuilleton-Volontärin Maxi Beigang und Neues vom weiteren Verlauf des Skandals.

Soziale Netzwerke gelten gewöhnlich als rasante Nachrichtenüberbringer. Nun hat es aber doch eine ganze Woche gedauert, bis eine neue Podcast-Folge von radioeins für einen Shitstorm sorgte. Bereits am 7. September veröffentlichte der Berliner Radiosender die erste Folge von „Schroeder & Somuncu“, ein Podcast der beiden Satiriker Florian Schroeder und Serdar Somuncu. Der Inhalt sorgte für eine heftige Kontroverse.

Somuncu regt sich in dem Podcast über die sogenannte Cancel Culture auf und plädiert für absolute Meinungsfreiheit, selbst wenn sie Gefühle verletze: „Ist mir scheißegal. Geht mir am Arsch vorbei, ob das Zigeunerschnitzel heißt oder Mohrenwirt. Ist mir scheißegal. Die Leute sollen sich ficken.“ Dann polemisiert er gegen Frauen, sagt das N*-Wort und behauptet, dass nur „schlecht gebumste, miese, hässliche Schabracken“ sich für politische Korrektheit engagierten und anschließend ihren Zorn in Kolumnen ausgießen würden. Somuncu hätte nicht ahnen können, dass er auch mich damit meint. Immerhin nehme ich mir jetzt das Recht heraus, seiner Tirade die Satirefähigkeit abzusprechen. 

Ich finde den satirischen Kontext nicht

Mittlerweile hat der RBB eine redaktionell geänderte Version der Podcast-Folge publiziert und zugesichert, dass der Sender an der Zusammenarbeit mit Somuncu und auch am Podcast festhält. Die radioeins-Redaktion schreibt: „Dies ist die Folge in der redaktionell bearbeiteten Version, wie sie eigentlich hätte online gehen sollen. Der Originalpodcast ist in Abstimmung mit den Künstlern nicht mehr zugänglich, weil sich viele Menschen durch einzelne Passagen beleidigt und herabgewürdigt sahen.“ 

Zuvor hatte die Stellungnahme von radioeins noch für absolute Satirefreiheit plädiert. Man sieht also: Auch der öffentlich-rechtliche Rundfunk streitet über die Grenzen des Sagbaren. Auch die Feuilleton-Redaktion der Berliner Zeitung hat bei der Bewertung des zensierten Ausschnitts unterschiedliche Lesarten diskutiert. Vielleicht liegt es an meinem Alter oder an meinem Geschlecht. Jedenfalls zweifle ich als 1990 geborene Journalistin am satirischen Gehalt der Somuncu-Aktion. Ich habe mir die Folge in ganzer Länge angehört (inklusive der herausredigierten Passagen) und finde den Kontext nicht, der die rassistischen und frauenverachtenden Äußerungen rechtfertigen würde.

Auch der Medienjournalist Stefan Niggemeier (Mann, exakt 50 Jahre alt) kritisierte bei radioeins den Podcast und legte eine kritische Lesart nahe. Muss man sich wirklich die ganzen drei Stunden anhören, um mitreden und die kritisierten Passagen bewerten zu dürfen? Niggemeier widerspricht: „Das ist absolut unrealistisch. Es kann auch nicht die Voraussetzung sein, um eine Passage richtig zu verstehen. Und schließlich gibt es gute Argumente dafür, zum Beispiel das N-Wort gar nicht begeistert zu reproduzieren, egal in welchem Kontext.“

Und braucht es überhaupt einen Kontext? Es ist doch so, dass gute Satire sich gegen die Mächtigen richtet, immer einen cleveren Twist hat und im besten Fall nicht nach unten tritt. Andernfalls könnte man jeden noch so brutalen Verbal-Angriff gegen die Menschenwürde als Satire verkaufen, jeglichen rassistischen Mist verbreiten und im Nachhinein (feige) behaupten: „Beruhigt euch mal, war ja alles nur Satire.“ Will Somuncu das wirklich?

Beide Männer behaupten jetzt, dass sie die Empörung schon in der Folge vorausgesagt hätten und jetzt, wo sie da ist, sollen sich alle mal schön entspannen. Komische Logik. Wer rassistische und frauenverachtende „Kunst“ macht, muss sich doch wenigstens anschließend der Diskussion stellen. Ein bisschen mehr Mut, die Herren!

Dass Somuncu in einen Anfall über „hysterische, ungebumste“ Journalistinnen verfällt, dabei aber selbst nicht merkt, wie hysterisch seine Hasstiraden bei den Zuhörerinnen ankommen, ist eigentlich selbst schon eine Form von Realsatire. Dass Männern oft nichts anderes einfällt, meinungsstarke Frauen schlicht als „ungebumst“ zu bezeichnen, zeigt, wie wenig Witz sie vertragen. Diese Unfähigkeit zur Selbstkritik lässt doch tief blicken.

Ja, Satire darf alles. Aber nicht alles ist gute Satire. Am Ende ist Somuncu, der sich für einen provokanten Philosophen hält, ein selbstverliebter Entertainer auf der Suche nach Klicks. Ich wäre fast geneigt, zornig in die Tasten zu tippen und zu schreiben:„Herr Somuncu, Sie sind ein Arschloch!“ Aber ich bin ja keine Satirikerin, die das darf. Ich bin bloß eine „ungebumste“ Journalistin.