Originalfassade eines 17-Geschossers, wie er in der DDR Ende der Siebziger gebaut wurde. Vorbilder dieser Bauweise lagen da schon ein halbes Jahrhundert zurück.
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BerlinIn Berlin-Marzahn steht die größte Plattenbausiedlung Deutschlands, kurz Platte genannt. Aber in Lichtenberg am Tierpark zwischen Sewanstraße und Bahndamm befindet sich die erste und älteste. Sie stammt nicht etwa aus der DDR, sondern aus der Weimarer Republik. Es ist die Splanemannsiedlung, benannt nach dem 1945 ermordeten Widerstandskämpfer Herbert Splanemann, und sie wurde schon 1926 bis 1927 als Kriegsversehrtensiedlung erbaut.

Eigentlich scheinen die roten und grauen Gebäudezeilen mit 27 Häusern im südlichen Friedrichsfelde an der Grenze zu Karlshorst noch älter zu sein. Ihre Gärten, ihre Satteldächer, ihre gotisch wirkenden Giebel erinnern eher an die Architektur vor dem Ersten Weltkrieg. Immerhin sieht man bei den in 45 Grad eingewinkelten Treppenhäusern Anklänge an den Expressionismus. Um zu erkennen, dass es sich um die erste Platte handelt, muss man auf die durchgehenden Putzkanten zwischen den Geschossen achten.

Geplant wurde die Siedlung von dem Architekten Wilhelm Primke mit traditionellen Mauern aus Ziegeln. Wegen der Finanzierung mit öffentlichen Geldern konnte der Stadtbaurat Martin Wagner darauf bestehen, dass die Entwürfe für Plattenbauweise umgearbeitet wurden. Damit war der Sozialdemokrat Wagner zweifellos ein Vorreiter in Deutschland, seine Vorbilder waren englische Bauten und das niederländische Betondorp in Amsterdam, wo schon 1923 die ersten Holländer in ein Betondorf ziehen konnten.

Der Stadtplaner, Architekt und Stadttheoretiker Wagner hat unter anderem den Ausbau der U-Bahn angeregt, den Umbau des Alexanderplatzes, das Messegelände in Charlottenburg sowie die Strandbäder Wannsee und Müggelsee. Um das Neue Bauen hat er sich große Verdienste erworben, so geht auf ihn die Hufeisensiedlung in Britz zurück. Auch die Großsiedlung Siemensstadt im nördlichen Charlottenburg war sein Werk, und bis 1931 wurden 144.000 Wohnungen in Berlin gebaut, damit es eine „Stätte glücklicher Arbeit und glücklicher Muße“ werde, wie in Wagners Zeitschrift „Das neue Berlin“ zu lesen war.

Das damals hochmoderne, neuartige Verfahren aus den Niederlanden namens „Bron“ hatte sich beim Betondorp in Amsterdam bewährt. Mit der verordneten Plattenbauweise in Berlin leistete Wagner ihr aber einen Bärendienst. Trotz Betonplatten kann bei der Berliner Siedlung von industriellem Bauen keine Rede sein. Anstatt Stein auf Stein zu mauern, wie geplant, wurden ohne Ersparnis bei Arbeitszeit oder Kosten Betonplatten vor Ort gegossen. Das lag einerseits an der langen Trocknungszeit der 7,50 Meter breiten Platten, andererseits auch an den viel zu kleinen Häusern mit ihren unruhigen, vor- und zurückspringenden Außenwänden.

Erst nach dem Zweiten Weltkrieg wurden in Deutschland wieder Häuser aus Betonplatten errichtet. In der Hauptstadt der DDR wurde 1953 der erste Bau eines Hauses mit Großplatten versucht, nicht in Lichtenberg oder Marzahn, sondern in Johannisthal.

Benedikt Hotze schrieb in „Der Architekt“ im Mai 2019, „dass die Plattenbauweise keine austauschbare Bautechnik unter vielen ist, sondern von vornherein nach einer spezifischen konzeptionell-gestalterischen Vorstellung verlangt.“ Nur dann könnten die Ergebnisse ansprechend werden sowie Geld und Zeit sparen. Die Splanemannsiedlung zeige, dass es umgekehrt jedenfalls nicht gehe.