Wenn sich Robert Schneider eine Geschichte für die Super-Illu wünschen dürfte, in der alles so zusammenpasst, wie er sich das gern vorstellt, könnte er gleich bei sich selber anfangen. Schneider ist jung, sympathisch, fotogen, er ist erfolgreich und kommt aus dem Osten. Besser geht’s eigentlich gar nicht. Und dann sitzt er an diesem Freitag mit dem Layouter Roy Grabowski vor dem Monitor und sagt einen Satz, von dem er nie gedacht hätte, dass er ihn einmal sagen würde: „Mach mir doch mal die Dagmar groß.“

Die Dagmar. Zwanzig Jahre Super-Illu in einem Wort. Für viele, selbst in der eigenen Redaktion, ist es ein Wort des Grauens. Zwanzig Jahre lang spielte die DDR-Schlagersängerin Dagmar Frederic das Maskottchen der Super-Illu, ungezählt sind ihre Titelbilder, der frühere Chefredakteur war ihr Trauzeuge. Nun, da es eine neue Entwicklung in dem bizarren Erbschaftsstreit gibt, in den sie verwickelt ist, müsse man sie noch mal groß machen, findet sein Nachfolger Schneider. Als dann das Bild der Frau auf dem Schirm erscheint, stöhnt Grabowski nur: Oh Gott. Er dachte, das hätten sie hinter sich.

„Das ist mein erster Frederic-Titel, seit ich hier bin“, verteidigt sich Schneider. „Sie hat mir aber auch nicht gefehlt.“ Er schnellt mit seinem Bürostuhl zurück und überrollt dabei um ein Haar Dolly, den Chihuahua-Mischling seiner Freundin Leyla Piedayesh, auf den er heute aufpassen muss, weil das Frauchen, die Chefin des Labels Lala Berlin, für ein paar Tage zu einer Modenschau nach Paris geflogen ist. In der Mittagspause bringt er rasch noch deren Tochter zum Kindergeburtstag. Iranische Freundin, Patchworkfamilie, Paris – das klingt nicht nach dem Fluidum der guten alten Suppen-Illu, wie das Blatt mitunter auch genannt wird.

Warten aufs Konzept

Als Robert Schneider im April 2011 die Redaktion der Super-Illu übernahm, war er ein Versprechen auf die Zukunft, und das ist er geblieben. Während sein bayerischer Vorgänger Jochen Wolff schon mal im Trachtenjanker in der Redaktion in Berlin-Mitte erschien, trägt Schneider bei der Arbeit ein verschossenes T-Shirt, allerdings mit einem eleganten Schal kombiniert. Das Blattmachen bei einer Boulevardzeitung hat er im Springer-Verlag gelernt, wo er zuletzt als Stellvertretender Chefredakteur für die Bild am Sonntag zuständig war. Seine Mitarbeiter sagen, er sei lockerer als Wolff, aber auch chaotischer. Entscheidungen treffe er oft aus dem Bauch heraus.

Doch Spontaneität, so komisch das klingt, mögen Journalisten nicht gern. Am liebsten haben sie Konzepte. Und auf das Konzept, wie es mit der Super-Illu weitergehen soll, warten sie noch immer. Schneider hat am Layout gewerkelt, Schriften verändert, Rubriken eingeführt, den Politikteil aktualisiert. Er kann am Heft so viel herumdoktern, wie er will, er wird die Frage beantworten müssen, wie zeitgemäß eine Illustrierte ist, die sich exklusiv den Ostdeutschen verpflichtet fühlt, da längst eine Generation herangewachsen ist, die sich nicht mehr so einfach nach Ost und West unterscheiden lässt. Seine Generation. Schneider war dreizehn, als die Mauer fiel.

„Mit 2,9 Millionen Lesern ist die Super-Illu die meistgelesene Zeitschrift in Ostdeutschland.“ Wie ein Mantra wird dieser Satz in jeder Ausgabe auf der Aufschlagseite rechts oben wiederholt. Die Leser sind das eine, die verkaufte Auflage ist das andere. Und die geht dramatisch zurück. Allein in den letzten fünf Jahren ist sie um ein Viertel gesunken. Derzeit beträgt sie circa 337000 Exemplare. In den Anfangsjahren waren es fast dreimal so viel. Andere verlieren auch, aber die Super-Illu, die seit 1990 im Burda-Verlag erscheint, hat ein spezielles Problem: Was wird aus der Zeitschrift, die die Ostdeutschen praktisch erfunden hat, wenn es keine Ostdeutschen mehr gibt?

Das kann einem Robert Schneider auf die Schnelle auch nicht sagen. Jedenfalls will er nicht der Mann von morgen sein, der die Zeitung von gestern macht, selbst wenn es manchmal danach aussieht. Er hat schon Ideen, die Super-Illu zu modernisieren. „Nach 25 Jahren ist es klar, dass wir die Leute nicht mehr allein mit Erwin Geschonneck und Dagmar Frederic unterhalten können“, sagt er mit diesem leichten Akzent, der bei jedem assimilierten Sachsen durchklingt. „Wir müssen nicht dauernd erzählen, wie es früher war. Genauso interessant ist doch, was heute passiert. Es gibt großartige Leute, die aus unserer Region kommen und tolle Sachen machen.“

Die Schauspielerin Karoline Herfurth aus dem Kinohit „Fack ju Göhte“ fällt ihm dazu ein, Tom Schilling, der Sänger Tim Bendzko. Sein Traum sei es, Schriftsteller wie die Leipziger Buchpreisgewinner Clemens Meyer und Eugen Ruge für die Illustrierte zu gewinnen. Er ist sehr stolz darauf, dass die Autorin Jana Simon bei ihm einen Text über ihre Großeltern Christa und Gerhard Wolf veröffentlicht hat. Als „Hort der Erinnerung und Reflexion“ schwebt ihm die Super-Illu vor, „als Debattenplattform“. Und wenn er aufwacht aus seinem Traum, sieht er die Volksmusikanten Marianne und Michael auf dem Titelbild und dazu die Schlagzeile „Unsere Lebensbeichte“.

Dazu muss man wissen, dass Schneider während der Schulzeit Sänger in einer Band gewesen ist, sie haben damals Britpop gespielt, Oasis, die Charlatans. Paul Weller ist sein Held. Er verpasst kein Konzert von ihm. Bevor er bei der Super-Illu angefangen hat, kannte er nicht einmal Frank Schöbel.

Bevor er bei der Super-Illu angefangen hat, kannte er ja nicht einmal die Super-Illu. Sie hatte bis dahin für ihn keine Rolle gespielt. Seine Eltern lesen sie bis heute nicht. Und so muss sich Robert Schneider nun als Chefredakteur Gedanken darüber machen, warum eigentlich jemand wie er seine eigene Zeitschrift lesen sollte. Einerseits ist das zum Verrücktwerden, andererseits aber auch interessant. Er habe in den drei Jahren bei der Super-Illu mehr über sich und das Land, aus dem er kommt, erfahren als in den drei Jahrzehnten zuvor, sagt Schneider.

Geboren wurde er 1976 in Leipzig, seine ersten Lebensjahre war er in Magdeborn zu Hause, einem südlich der Stadt gelegenen Dorf, das alsbald für die Braunkohle weggebaggert wurde. „Als ich vier war, sind viele Leute nach Leipzig ins Neubaugebiet gezogen. Meine Eltern haben ein kleines Grundstück in Wachau gekauft, einem Dorf in der Nähe, und dort über drei Jahre mit Freunden Stein auf Stein ein Haus gebaut. Die typische DDR-Häuslebauergeschichte.“ Sein Vater hatte Maurer mit Abitur gelernt, seine Mutter ist Kindergärtnerin von Beruf. Mit dem Wartburg sei die Familie fast jedes Jahr ins Ausland gefahren.

Tschechien, Ungarn, Polen, einmal ging es über Rumänien bis nach Bulgarien. Das Ersparte investierten die Schneiders in den Urlaub, dafür hatten sie bis 1988 keinen Fernseher. Mit sechzehn ist er bei den Eltern ausgezogen, hat Abitur gemacht, wenn auch kein besonders gutes. Journalist wollte er werden, weil er schon als Kind gerne Zeitung las, sagt er. Seine damalige Freundin, „eine Rockerbraut mit hellblauem Käfer“, war zu der Zeit Volontärin bei der Bildzeitung in Leipzig, seltsamerweise, wie er heute findet. Eigentlich fühlten sie sich eher in der alternativen Szene wohl. „Zur Bildzeitung bin ich gegangen, nicht weil es die Bildzeitung war, sondern um mit meiner Freundin zusammen zu sein. Mit ihr war dann relativ schnell Schluss, aber der Job hat mir Spaß gemacht.“

Zum Studieren ist er nicht gekommen, es ging auch so. Kollegen wie Kai Diekmann und Franz Josef Wagner zeigten ihm, wie’s geht. „Ich war immer so eine Art Chefredakteurslehrling. Mich hat interessiert, wie man eine Geschichte spannend erzählt.“

In den 25 Jahren seit dem Mauerfall hat er zwanzig Jahre als Journalist gearbeitet und das in einem Dutzend Redaktionen, er war zweimal verheiratet, wurde zweimal geschieden, hat einen siebjährigen Sohn und ist allein in Berlin bisher achtmal umgezogen. Zurzeit wohnt er im Wedding, auch mal schön, „richtig fett Straße“, wie er sagt. Er sucht aber schon wieder was Neues. Man kann sagen, dass er seine Zeit genutzt hat.

Als Robert Schneider von den Leipziger Tagen erzählt, fällt er ab und zu ins schönste Sächsisch zurück. Er sagt, das passiere ihm eigentlich nur, wenn er mit Ostdeutschen zu tun habe. „Ich lasse mich dann eher fallen, bin nicht so kontrolliert.“ Es sieht so aus, als sei das mit den verschwindenden Identitäten doch nicht so einfach. Vielleicht sitzt der Ossi-Code, von dem er spricht, wenn er an seine Leser denkt, auch bei ihm tiefer als er das wahrhaben möchte.

Jemand, der sich mit den Ostdeutschen so gut auskennt wie kaum ein anderer, ist der Psychotherapeut Hans-Joachim Maaz aus Halle. In seinem Buch „Der Gefühlsstau. Ein Psychogramm der DDR“ untersucht er, welchen Einfluss familiäre Beziehungen und staatliche Strukturen auf die Entwicklungspsychologie der Menschen in der DDR gehabt haben. Erschienen ist es 1990, im selben Jahr wie die erste Ausgabe der Super-Illu. Wenn man auch sagen muss, dass sie sich von zwei sehr verschiedenen Seiten der ostdeutschen Seele widmen, kommen sie doch zu überraschend ähnlichen Befunden.

Hans-Joachim Maaz sagt, dass er nur zur Super-Illu greife, wenn sie zufällig irgendwo liege. Aber ihm imponiere durchaus deren Idee. Er nennt das nicht Ostalgie, sondern Rückbesinnung. „Dass es dort ein Bemühen gibt, den Alltag in der DDR zu würdigen, hat für mich einen therapeutischen Wert.“

„Ostdeutsche ticken anders“, lautet etwas verkürzt das Fazit des Psychotherapeuten, der viele Jahre Chefarzt im Diakoniewerk Halle gewesen ist und seit seiner Pensionierung in einer Gründerzeitvilla gleich nebenan praktiziert. Die äußerliche Transformation zum Westdeutschen, wenn man es so nennen wolle, sei vor allem bei den Jüngeren vollzogen, sagt Maaz. In der Ausbildung und den Chancen gebe es keine Unterschiede mehr. „Aber sie merken, dass sie von ihren ostdeutschen Eltern etwas mitbekommen haben, das sie in die westlich geprägte Welt einbringen können.“ Er denke an Werte wie Bescheidenheit, soziale Auskömmlichkeit, die Fähigkeit, Schwächen einzugestehen, auch Peinliches anzusprechen. Seine Hoffnung ist es, dass sich diese eher östlichen Beziehungsqualitäten in den folgenden Generationen mit westlicher Durchsetzungskraft verbinden und dem Willen, Verantwortung zu übernehmen. Das wäre dann so etwas wie der neue Mensch.

Der schüchterne Blick

Bei Jochen Wolff, der die Super-Illu einst miterfunden hat, klingt das so: „Die jüngere Generation hat eine dünne Schale. Wenn du da dran klopfst, kommt sofort wieder der Osten zum Vorschein. Es ist inzwischen ein gewisser Stolz auf die Heritage Ost da.“ Das ostdeutsche Erbe. Ab und zu schaut Wolff noch in der Redaktion vorbei, um einen Blick auf jenes Erbe zu werfen, das ja irgendwie auch sein Erbe ist. Er strahlt die Gelassenheit eines Menschen aus, der zufrieden mit seinem Werk ist. Eine kleine Galerie in der Redaktion zeigt Fotografien mit Prominenten. Auf einem Dutzend ist Jochen Wolff zu sehen, mit Kohl, mit Steinmeier, mit Thierse, mit Angela Merkel. Die Politiker haben immer sehr gern mit der Super-Illu gesprochen. Für sie ist die Zeitschrift der Draht in den Osten, und allzu unbequeme Fragen müssen sie nicht befürchten.

Vor ein paar Wochen wurde das Blatt sogar im Plenum des Bundestags erwähnt. Bei der Aussprache zum Stand der deutschen Einheit sagte Roland Claus von der Linkspartei: „Ich habe natürlich keinen Grund, hier Werbung für die Super-Illu zu machen, aber sie wird deshalb im Osten gelesen, weil sich die Leute dort mit ihrem Lebensgefühl wiederfinden.“ Darauf rief ein Thüringer CDU-Mann: „Sehr gute Zeitung, Herr Claus!“ Schneider konnte sein Glück kaum fassen und hat auf der Leserbriefseite gleich das ganze Redeprotokoll abgedruckt.

Bei der Frederic-Ausgabe haben sie sich inzwischen weiter ins Heft vorgearbeitet. Robert Schneider sitzt die ganze Zeit mit dem Grafiker zusammen, stundenlang. Er kontrolliert die Fotoqualität, prüft den Zeilenabstand, greift auch mal selbst zur Maus, wenn ihm was nicht schnell genug geht, was jeden Layouter wahnsinnig machen würde, nur Roy Grabowski nicht. Es gibt fast keine der 85 Seiten, die der Chefredakteur nicht persönlich betreut. Die Fotos zu einem Interview mit dem Schauspieler Thomas Kretschmann lässt er komplett auswechseln. Sie sind ihm alle zu männlich. „Komm, nimm das“, sagt er zu Grabowski. „Das ist so ein schüchterner Ossi-Blick.“ Grabowski, selbst Ostler, weiß nicht, was das sein soll, ein schüchterner Ossi-Blick, aber wenn der Chef es so will. Er ist ja hier nicht nur der Geschichtenerzähler, er verkauft mit jedem Heft auch ein bisschen ostdeutsche Seele.

Jetzt gibt es nur noch ein akutes Problem, den Hals von Dagmar Frederic. „Soll ich Daggi glätten“, fragt die Bildbearbeiterin in Schneiders Richtung. „Früher musste ich sie glatt ziehen wie Sau.“ Der Chefredakteur schaut sich das Bild an. Er sagt, er wolle so natürlich wie nur möglich bleiben. Bei der Super-Illu sind neue Zeiten angebrochen.

In der nächsten Folge lesen Sie: Wie Andrea von Malottki zur Stasi-Unterlagen-Behörde kam