Was verbindet eigentlich den Stummfilmstar Pola Negri mit dem „Kosakenmädchen“ Marina Yurlowa? Was hat der Kommunist und Spanienkämpfer Hans Beimler mit dem SS-Schergen und Auschwitz-Kommandanten Rudolf Höß zu tun?

Alle waren bei Kriegsende 1918 um die 20 Jahre alt, alle suchten nach neuen Perspektiven – und alle sind Protagonisten des Doku-Dramas „Krieg der Träume“. Beimler kämpft in der Marine für das Ende des Kriegs, Höß und Yurlowa hätten gern weitergekämpft und Pola Negri will eine „Carmen“ ohne Sterbeszene spielen, denn „gestorben wurde genug“.

13 Figuren begleitet „Krieg der Träume“ zwischen den beiden Weltkriegen − es ist eines der ambitioniertesten TV-Historienprojekte. Beeindruckend ist schon die Länge: Acht Folgen ergeben fast sieben Stunden Spielzeit bei Arte, die dreiteilige ARD-Fassung kommt auf viereinhalb Stunden. Ungewöhnlich ist auch die Kooperation mit dreißig Partnern in ganz Europa. In 15 Ländern wird der „Krieg der Träume“ ausgestrahlt. 120 Schauspieler und 700 Komparsen standen an 23 Schauplätzen vor den Kameras.

Alte Bekannte

Die Idee, Geschichte aus der Sicht der damals Handelnden zu erzählen, hatten Autor und Regisseur Jan Peter sowie Produzent Gunnar Dedio bereits im Vorgängerprojekt „14 – Tagebücher des Ersten Weltkriegs“ umgesetzt. Die Doku-Serie gewann zahlreiche internationale Preise.

Zwei Helden daraus tauchen in „Krieg der Träume“ wieder auf: ein englischer Presseoffizier und besagte Marina Yurlowa. Fortgeführt wird auch das Prinzip, dass alle Figuren in der Originalsprache reden und von Schauspielern des Herkunftslandes gespielt werden. Doch „Krieg der Träume“ umfasst nicht mehr nur vier Jahre in einem festen Thema, sondern mehr als zwanzig Jahre einer Zeit, in der Landkarten neu gezeichnet wurden, Utopien und Ideologien um die Menschen warben.

13 Helden - sechs davon Frauen

Die Wahl, welche Biografien repräsentativ für die Zwischenkriegszeit stehen, konnte viel weiter gefasst werden, wurde aber zwangsläufig auch willkürlicher und subjektiver. Dabei sollte aus möglichst vielen verschiedenen Ländern und Perspektiven erzählt werden: Die 13 Helden stammen aus zehn Ländern, sechs von ihnen sind Frauen. Damit hebt sich „Krieg der Träume“ schon mal deutlich von der traditionellen, national-männlichen Geschichtsschreibung ab.

Die Quellenlage aber wirkt diesmal problematischer. Denn kaum ein Protagonist hat über zwanzig Jahre Tagebuch geschrieben. Häufiger als bei „14“ mussten sich die Macher auf Memoiren stützen, die die Gefahr bergen, nachträglich zu rechtfertigen oder zu heroisieren. So basieren die Höß-Szenen offenbar auf Erinnerungen, die er 1946 in alliierter Gefangenschaft schrieb.

Der Mann (gespielt von Joel Basman) wird 1918 eingeführt als „jüngster Unteroffizier des Heeres“, der in Syrien gekämpft habe und mit Tapferkeitsmedaillen ausgezeichnet worden sei. Doch eine nach Abschluss der Dreharbeiten publizierte Forschungsarbeit zeigt auf, dass Höß diese Angaben erfunden und sich damals älter gemacht hatte. Sein Jahrgang 1901 war noch gar nicht eingezogen worden.

„multinationales und multiperspektivisches Kaleidoskop“

Gelungen ist in jedem Fall die Verzahnung von Inszeniertem mit Dokumentiertem, die schnell einen echten Bilderfluss erzeugt. Wie elegant Spielszenen in Wochenschaubilder übergehen, darin haben die Macher inzwischen eine echte Meisterschaft entwickelt. Auch die Grafik, die Bilder und Porträts wie in einem Kaleidoskop schüttelt, dabei immer mehr splittern lässt, wirkt passend.

Als „multinationales und multiperspektivisches Kaleidoskop“ beschreiben die Autoren selbst ihr Projekt. Schauspielerisch bietet der „Krieg der Träume“ Entdeckungen, etwa Solene Rigot als junge Französin, die mit den Anarchisten flirtet und 1936 nach Moskau reist, oder Roxane Duran als junge Wiener Frauenärztin, die nach dem Anschluss Österreichs emigriert.

Probleme entstehen, wenn sich die Serie zu nah an historische Figuren heran wagt. So spielt Charlotte Merriam das englische Hitler-Groupie Unity Mitford – doch die Szenen mit Hitler wirken wie Guido-Knopp-Fernsehen, Marke „Hitler und die Frauen“.

Fortsetzung folgt

Auch wenn man unterwegs mitunter den Eindruck hat, dass die Macher sich diesmal etwas verhoben haben und dass das permanente Gegeneinandersetzen von Stalinismus und Faschismus zu deutlich den Blick von heute verrät, so liefert der „Krieg der Träume“ doch immer wieder überraschende Assoziationen und Querverbindungen, die über die Geschichte ganz Europas bis heute nachdenken lassen.

Wohin die ideologische Polarisierung, die Überbetonung des Nationalen führen kann, weiß jeder – die Serie endet mit Kriegsausbruch im September 1939. Fortsetzung folgt bestimmt.

Krieg der Träume: Acht Folgen je 52 Minuten: Di–Do, 20.15 Uhr (Arte); drei Folgen je 90 Minuten: 17., 18., 24.9.2018, 22.45 Uhr (ARD)