Auf der Senats-Baustelle in meiner Nachbarschaft herrscht Eile mit Weile. Der gelbe Kran steht seit letztem Jahr, wird selten mal bewegt, um Lasten von vorne nach hinten in den Schulhof der Charlotte-Pfeffer-Schule zu hieven. Jetzt hat die Natur sich des arbeitslosen Krans bemächtigt. Dessen Schwenkarm-Gelenk, in 30 Metern Höhe, erkor sich ein Rabenpärchen zum windigen Brutplatz. Das Nest sieht liederlich aus, gleicht jenen struppigen Reisigbündeln, wie sie einst der Turiner Arte-Povera-Pionier Mario Merz zu Naturkunstwerken erhob. Die konnten wir vor einigen Jahren noch in der Sammlung Marx im Museum Hamburger Bahnhof sehen.

Die Rabennest-Zweige staken in alle Richtungen der Windrose, werden vom Aprilsturm gezaust. Wahrscheinlich hatte das Paar in dieser windigen Höhe keine Lust, auf Ästhetik der zeitweiligen Unterkunft zu achten. Hauptsache Distanz zu Fressfeinden, denen aus der eigenen Community und den aggressiven Möwen von der nahen Spree.

Unlängst sah ich das Paar noch gemeinsam fliegen. Synchron sozusagen. Raben sind ja laut Vogelkundlern nicht nur klug und partnertreu, sondern auch anspruchsvoll, denn nur wenn sie und er im gleichen Rhythmus fliegen, wird der Bund fürs Leben besiegelt. Und dann klappt es nicht nur in der Luft, sondern auch bei der Brutpflege, also mit dem Familiensinn. Der schlechte Ruf der „Rabeneltern“ ist eine Verleumdung. Auch der uralte Aberglaube, Raben seien Boten von Unglück und Tod. Morgens und wenn mal die Sonne scheint, kann ich bei offenem Fenster ihren Gesang hören, ihr helles und sein dunkles Krächzen. Raben zählen ja zu den Singvögeln.

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Das Naturwunder von Kirchheim: Natur entert Technikfragmente – und die Botschaft der sozialen Plastik: Es ist Platz genug für alle!

Noch wird geduldig gebrütet. Bis zu sechs Küken sitzen vielleicht im Mai da oben im Nest. Gewiss ist nur, dass die Rabenkinder nach 40 Tagen flügge werden. Aber huch!, bei dieser Höhe dürfte die Landung nach den ersten Flugversuchen nicht ganz ohne sein, denn auf der Baustelle schleicht schon seit längerem ein Fuchspärchen herum. Der Rabenvater holt Essen. Gerne auch Brotkrumen und Sonnenblumenkörner von meiner Fensterbank. Von wegen eklige Aasfresser. Zudem sind meine Raben Stoiker. Gerade wurde mal wieder der Kran betätigt, um ein paar Säcke mit Erde zu transportieren. Unbeirrt saß das Pärchen die ganze Schüttel-Prozedur über im Nest, um die Eier zu schützen. Als wieder Ruhe war, schaffte der Vater neue Zweige heran, weil das Nest ein Loch bekommen hatte. Die Rabenfrau saß derweil wie festgetackert auf ihrer künftigen Nachkommenschaft.

Diese Robustheit und Unverdrossenheit in der überlebensgeübten Vogelwelt hat spektakuläre Vorbilder, wie im Netz zu lesen ist: Im schwäbischen Kirchheim nisten fünf Storchenpaare auf einem alten Kran. Den ließen die Bauleute stehen, um die Brütenden nicht zu stören. Der Naturschutzbund Nabu dankt begeistert. Denn diese Geste der Baufirma ermöglicht ein seltenes Naturschauspiel: Normalerweise verteidigen Storchenpaare ihr Brutrevier, schließlich wird rundum genügend Nahrung für den gefräßigen Nachwuchs benötigt. Nun aber entstand auf dem alten Kran eine friedliche Gemeinschaft, eine „soziale Plastik“, um mit Joseph Beuys zu sprechen.