Die ungarische Schriftstellerin Magda Szabó ist 90-jährig beim Lesen eines Buches gestorben – „eingeschlafen“, sagte man, um den friedlichen Charakter dieses Vorgangs zu betonen.

Ja, so hätten wir’s gern, mit dieser End-Aussicht ließe sich’s beruhigt leben, ohne heftige Diskussionen über Sterbehilfe in der Schweiz und anderswo. Im Rundfunk hörte ich einen Arzt sagen, die Würde des Menschen bedeute Selbstbestimmung, und es sei nicht nur Verpflichtung der Mediziner, Menschenleben zu retten und zu erhalten, sondern ebenso, ein friedliches Sterben zu ermöglichen. Regine Hildebrandt, die SPD-Politikerin, setzte sich, selbst krebskrank, in ihrer vehementen Art für Sterbehilfe ein und wurde von ihrer Partei prompt zurückgepfiffen. Wie sie selbst ein paar Tage nach einer Parteiveranstaltung, auf der sie noch unübersehbar auftrat, gestorben ist, weiß ich nicht, auf jeden Fall geschah es in der Obhut ihrer Familie. Wie gut für sie.

Wenn es genug ist

Aber auch bei ihrer Forderung ging es nur um Menschen, die, nachgewiesen, schwer krank sind. Und was ist mit denen, die ohne todbringende Krankheit, ohne depressiv zu sein, ihr Leben beenden möchten, weil sie das Empfinden haben, es ist genug für mich – und höchstwahrscheinlich nicht so enden wird wie für Szabó, Magda.

Selbstbestimmung. Da soll sie nun aufhören. Medikamente, die man nehmen könnte, wenn man nicht mehr leben will, von denen man weiß, sie bereiteten einem keine körperlichen Qualen und sind doch so sicher, dass man nicht, geschädigt, wieder aufwacht? Ärzte, die wissen, welche Medikamente in welcher Dosierung zweifels- und schmerzfrei zum Tod führen, nennen einem die Mittel nicht – verschreiben sie schon gar nicht, weil sie das nicht dürfen.
Ich würde damit ja auch nicht gleich zur Tat schreiten wollen, es wäre mir nur eine Beruhigung zu wissen: Wenn ich es möchte, könnte ich darauf zurückgreifen. Ob ich es am Ende nähme, ist nicht einmal sicher, doch die Gewissheit, ich könnte es gegebenenfalls tun, wäre eine ungeheure Erleichterung.

Am heftigsten fürchte ich mich vor Schlaganfällen, die mich in der Folge in einen Zustand versetzen würden, der mir die Möglichkeit nähme, zu Hause für mich selbst zu sorgen. Ich weiß, wovon ich spreche: Meine ältere Schwester lag zwölf Jahre in einem Pflegewohnheim; aus der Nasensonde für ihre Ernährung wurde eine, die von einer ständig arbeitenden Maschine direkt in den Magen führt, der Urin gelangte in einen Plastikbeutel, der am Bett hing, nach einer kleinen Operation ebenso durch die Bauchdecke. Selbstständig bewegen konnte sich meine Schwester längst nicht mehr. Vor ihrer Erkrankung weit von mir entfernt wohnend, hatte sie zu mir nie darüber gesprochen, unter welchen Umständen sie weiterleben möchte oder nicht; schriftlich, etwa mit einer Patientenverfügung, hat sie sich auch nicht darüber geäußert.

Hat sie es einfach verdrängt, wie die meisten Menschen? Ich konnte sie nicht mehr danach fragen, denn abgesehen von ihrem geistigen Verfall konnte sie aufgrund der Lähmungen auch nicht mehr sprechen. Ich fungierte als ihre Betreuerin; formal wurde sie von den Behörden selbst gefragt, aber ich musste entscheiden, ob ihr beispielsweise wegen eines Krebsknotens die Brust entfernt werden darf.
Nun können wir vermuten, dass ihr der beschränkte Zustand nicht mehr bewusst war, mit dieser Annahme tröste ich mich, die Pflegenden wohl auch. Sie gingen ausgesprochen liebevoll mit meiner Schwester um, und das nicht etwa nur, wenn ich zugegen war, bestätigte mir die Mitbewohnerin des Zweibettzimmers.

Diese Frau stand einmal in ihrem Rollstuhl sitzend vor der Zimmertür, als ich kam. Was ihr fehle, fragte ich sie. „Ich möchte auf die Toilette.“ Ich ging zum Personal, um ihre Bitte auszurichten. Die Antwort: Frau L. solle sich daran gewöhnen – das sei vom Arzt angeordnet –, das Wasser länger zu halten. Die Alten werden wieder wie die Kinder; man muss sie ein bisschen erziehen. Die ärztliche Anordnung wurde vermutlich auch getroffen, um Frau L.s Selbstständigkeit zu erhalten und zu fördern – für mich empfände ich es als würdelos, nicht selbst entscheiden zu dürfen, wann ich auf die Toilette gehe, und im Alter, das weiß ich aus eigener Erfahrung, nimmt der Drang zu.

Den Hippokrates zugeschriebenen Eid kenne ich im Einzelnen nicht, sicher ist aber, dass darin nicht steht, man müsse die Patienten per Maschine am Leben erhalten, unter Umständen jahrelang. Leben um jeden Preis, auch den der Missachtung des Patientenwillens? Um wen geht es hier eigentlich? Neulich hörte ich einen CDU-Politiker sagen, wenn ein Mensch dement sei, könne man doch nicht wissen, ob er in diesem Zustand noch zu dem in seiner Patientenverfügung bei klarem Verstand geäußerten Wunsch stehe, nicht künstlich ernährt zu werden. Absurd. Abwegig meiner Meinung nach auch das Argument, Menschen könnten sich bei einer Änderung der Gesetze von Nahestehenden bedrängt fühlen, sich das Leben zu nehmen, um ihnen die Pflege zu ersparen oder unter Umständen ein Erbe zu beschleunigen. Unredliche und kriminelle Handlungsweisen wird es immer geben, die gibt es auch ohne neue Gesetze.

Ich möchte meinen Kindern keine wie auch immer geartete Betreuung über längere Zeit zumuten. Durch die jahrelange Pflege eines Vaters oder einer Schwiegermutter gehen manchmal Ehen in die Brüche, was auch den Kindern schadet. Alles nicht so wichtig wie der Erhalt eines Menschen, der manchmal die, die sich um ihn kümmern, beschimpft und drangsaliert oder der womöglich gar nicht mehr mitbekommt, was um ihn herum vor sich geht – auch wenn er vorher verfügt hat, dass er das gar nicht möchte?

Denn nur darum geht es: Dass ich nicht zum Leben gezwungen werde, wenn ich es gar nicht will. Und weil meine Schwester nicht eindeutig nachweisbar bestimmt hat, dass sie im später eingetretenen Zustand nicht mehr leben möchte, konnte ich mir nicht anmaßen zu sagen, stellt die künstliche Ernährung ein. Jeder Mensch ist anders, und eine Demokratie, die wir, Menschen sei Dank, errungen haben, zeichnet aus, dass jede und jeder die Möglichkeit haben soll, nach seinem Willen zu handeln, solange er – oder sie – niemand anderem dadurch Schaden zufügt.

Auch die Begründung, wegen der verbrecherischen Euthanasie-Taten der Nazis dürfe man in Deutschland keine Sterbehilfe zulassen, halte ich für nicht gerechtfertigt; die Menschen, die künftig sterben, hatten keinen Einfluss auf diese grauenvolle Gesetzgebung. Ich nehme an, die Ursache für die Ablehnung liegt woanders, und sie ist den meisten gar nicht bewusst. Die Furcht vorm eigenen Sterben lässt viele Menschen alles abwehren, was mit dem unbegreifbaren Nicht-mehr-da-Sein zu tun hat. Manche trösten sich mit dem Glauben an eine Art Leben nach dem Tod, was auch etwas mit einer ausgleichenden Gerechtigkeit für im Leben Versäumtes, Erlittenes zu tun hat – ich glaube nichts dergleichen, ich bin überzeugt, dass mein Denken, Fühlen und Handeln mit dem Tod beendet ist, und ich meine, diese Ansicht lässt sich ebenso respektieren wie ich andere Denkweisen akzeptiere.

Grenzen des Ertragbaren

Noch sind die Einschränkungen, die im Alter unweigerlich eintreten, erträglich für mich; nicht zuletzt hält auch medizinischer Fortschritt einiges fern oder schiebt es hinaus. Doch für mich gibt es Grenzen des Ertragbaren, die für andere vielleicht nicht so wichtig sind, wie zum Beispiel die von mir gestaltete Wohn-Umgebung, so- dass ich ein Verlassen nur für eine Reise oder einen vorübergehenden Krankenhausaufenthalt ertrage. Doch auch bei mir lässt eine schmerzfreie Beweglichkeit trotz täglicher Übungen (bei begleitender physiotherapeutischer Behandlung) immer mehr nach, das Denkvermögen ermüdet rascher als früher, die Merkfähigkeit ist eingeschränkt; alles wird langsamer, und so geht es – allmählich, wenn nicht durch einen Unfall, eine Krankheit beschleunigt – immer weiter abwärts, ist nicht aufzuhalten wie in jüngeren Jahren, wenn etwa bei einem Klinikaufenthalt die Aussicht besteht, dass nach dem Verlassen alles wieder in den vorherigen Zustand kommt.

Das Traurige, Gemeine am Alters-Ende des Lebens ist: die Einschränkungen, die Schmerzen gar sind keine vorübergehenden mehr. Aber ich soll nicht bestimmen dürfen, wie weit ich das ertragen möchte.

Ich sehe nicht ein, dass mein Lebensende von Ärzten und Politikern bestimmt werden soll. Darum verlange ich, mein Leben schmerzlos beenden zu dürfen, ohne dabei diejenigen, die ich dazu um Hilfe bitte, in Gefahr zu bringen. Ich will mich nicht aus einem Hochhausfenster stürzen und andere mit meinem Anblick erschrecken, ich möchte mich aus demselben Grund nicht erhängen, und auch zum Aufschlitzen der Pulsadern fehlt mir der Mut. Ich möchte die Möglichkeit haben, friedlich zu beenden, was ich doch liebe, und von dem ich mir wünsche, es bis zum Schluss lieben zu können.

Die Schriftstellerin Charlotte Worgitzky, Jahrgang 1934, lebt in Berlin. Ihre bekanntesten Werke sind „Meine ungeborenen Kinder“ (1982) und „Heute sterben immer nur die andern“ (1986). Zuletzt erschien der Roman „Karlas Freiheit“ (2011).