Tom Holland in einer Szene aus dem Netflix-Film „The Devil all the time“, der vom 16. September an zu sehen ist.
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Wann platzt die Serienblase? Das fragte Anfang des Jahres – noch vor der Corona-Krise – die „New York Times“. Marktforscher hatten soeben für 2019 allein für die USA die Höchstzahl von mehr als 500 neuen Serienproduktionen bekannt gegeben. Die Antwort auf die Frage ist komplex. Doch sicher ist: 2020 ist für die Serienproduktion ein schwieriges Jahr. Wegen der Corona-Beschränkungen wurden viele Drehs monatelang unterbrochen. Serienfans könnten 2021 einer Durststrecke entgegensehen, weil sich vieles verzögert hat. Steht der Hype gar vor dem Aus?

In Deutschland prophezeite Ufa-Chef Nico Hofmann vergangenes Jahr in einem DWDL.de-Interview: „Irgendwann wird diese Serienblase platzen – auch in puncto Wirtschaftlichkeit.“ Das ergebe sich aus natürlichen Begrenzungen von Produktionskapazitäten, verfügbarem Talent und Budget. Er sage schon heute: „Es ist zu viel Programm auf dem Markt. Die Zuschauer konsumieren gleichzeitig selektiver, und das erhöht den Druck auf jede einzelne Produktion, hervorzustechen.“

 Hat die Kunstform Serie ihren Zenit überschritten? Timo Gößler, Dozent für Dramaturgie und Serielles Erzählen an der Filmuniversität Babelsberg Konrad Wolf in Potsdam, gibt eine differenzierte Antwort: „Möglicherweise ist es wahr, dass aus den USA, dem Mutterland der modernen Serie, immer weniger Bahnbrechendes kommt“, sagt der 42-Jährige. Doch wer seit Jahren Hunderte Serien auf den Markt werfe, habe irgendwann fast alles gemacht. „Neue und frische Impulse kommen – Plattformen sei Dank – immer häufiger auch aus Europa.“

„Nur für eine sehr kleine, spezifische Publikumsgruppe zu erzählen, kann sich auch finanziell auszahlen, wenn eine Serie überall dieses kleine Publikum bekommt und daraus dann global ein großes wird.“ Das beweise zum Beispiel die deutsche Netflix-Serie „Dark“, die weltweit Kult sei und keineswegs dem Mainstream-Geschmack folge, meint Gößler.

„Was alle anderen Länder außer den USA betrifft, halte ich den Zenit noch längst nicht für überschritten“, sagt Gößler. „So viele Themen, Spielfelder, Perspektiven und Narrative sind gerade auch in Deutschland noch gar nicht bearbeitet worden, in Sachen Diversität haben wir zum Beispiel noch gewaltig Luft nach oben.“

Auch die Hamburger Medienwissenschaftlerin Joan K. Bleicher sieht trotz Corona noch lange kein Ende der Serien: „Die durch eine starke Ausdifferenzierung entstandene Angebotskomplexität zeugt von der konstant bleibenden Bedeutung des seriellen Erzählens im Fernsehen und den Videostream-Plattformen.“ Gerade auch während der Pandemie gedrehte Webserien wie „Ausgebremst“ mit Maria Furtwängler zeugten vom nach wie vor vorhandenen Potenzial des seriellen Erzählens.