Jetzt sind auch die Sitzsäcke aus der Volksbühne geräumt. Weit und leer ist der asphaltierte Bert-Neumann-Raum, kaltfarbiges Werbebannerlicht erzeugt Glimmerreflexe auf dem schwarzen Lametta, das die Wände der Halle bedeckt. Am leeren Horizont prangt in roten Buchstaben der Schriftzug „NO SERVICE“. Selbstbedienungstheater? Die Zuschauer lassen sich voller Vertrauen auf einen herkömmlichen Pollesch-Abend, der es diesmal immerhin auf 90 Minuten bringt, auf der Steinfläche nieder. Es ist ein bisschen wie damals nach der Wende am Kollwitzplatz, als man draußen auf den Bürgersteigen fläzte und Kommandatur-Bier trank. Stundenlang. Wieso hat damals eigentlich der Hintern und der Rücken nicht wehgetan? Vermutlich, weil der Fläzende ein Vierteljahrhundert jünger war.

René Polleschs neues Stück „Service/No Service“ bedient umstandslos die Erwartungen seiner Fans, seine Tiraden freilich werden immer weniger angriffslustig und immer resignativer, die traditionell zwischen die Tiefsinn-Schleifen geschalteten Clips driften in Richtung ausgeruht-bombastisches Pathos. Aber hat eigentlich jemals Kathrin Angerer bei Pollesch mitgespielt? Viele Stufen der Verzweiflung und des Überdrusses musste Pollesch hinabschreiten, viele ironische Reflexionsebenen durchbrechen, bevor sein Theater reif wurde für diesen, ihren unverwechselbaren Nöl-Diven-Ton.

Sie spielt eine Schauspielerin, die aufgehört hat zu sprechen. Dabei spricht sie seitenlange Monologe darüber, dass man da jetzt mal nicht immer so drauf rumreiten muss, nur weil sie die Bühne zu früh verlassen hat. „Ich dachte das Stück wäre schon zu Ende... Mir ist der Sinn fürs Ganze verloren gegangen. Ich weiß auch nicht, warum. Mein individuelles Leben ist von dem Schicksal der Welt abgekoppelt... Ich bin eben nicht immer in Geberlaune.“ Das Verständnis der Kollegen ist dennoch schon ein wenig angefressen, weil es ihr nun schon zum zwölften Mal passiert ist. „Du hättest wenigstens bis zum Stückschluss warten können. Die Zuschauer dachten alle, du wärst tot.“

Sind wir das schon? Tot? Oder denken alle, wir wären es? Wäre das ein Unterschied? Nur weil wir unsere Rolle nicht mehr spielen wollen, wir den Sinn für Ganze verloren und unser Leben vom Weltschicksal abgetrennt haben? Sind wir abgenutzten Fläzer gemeint, oder ist es doch vor allem ein Theaterselbstporträt, wofür zahlreiche Anspielungen auf den bevorstehenden Rauswurf der Truppe (sie üben schon mal Straßentheater) und die Umwandlung der Volksbühne zu einem Kulturdienstleistungs-Cluster mit „volksbühne berlin“-Label? Sind es die letzten Zuckungen der Abgemeldeten? Die Diva wehrt sich: „Dauernd wird man hier angepflaumt, nur weil man einmal auf die Bühne gegangen ist und nichts gesagt hat. Die Scheiße ist eh übertitelt!“ Kann man seine Ersetzbarkeit wohl schöner auf den Punkt bringen?

Der Regisseur ist auch auf der Bühne, in Gestalt eines infarktgefährdeten Sechzehn-junge-Männer-Chors mit „Don’t look back“-Pullovern. Die vier in farbenfrohe Lederklüfte gequetschten Individualspieler, neben der Angerer sind das Franz Beil, Maximilian Bauer und Daniel Zillmann, werden von dem ahnungslosen Alles-neu-und-besser-wisser-Pulk herumgescheucht: „Ich hab keine Ideen mehr. Los, ausprobieren!“ Insgesamt nehmen sie ihr Schicksal mit ziemlicher Tapferkeit und Professionalität hin, mucken mal auf „Wir sind doch nicht bei Arianne Mnouchkine!“, tun aber im Großen und Ganzen, was man ihnen sagt.

Es ist postapokalyptisches Berapplungstheater und hierin nobelste Dienstleistung. Theater, das bei null anzufangen versucht, sich selbst erklärt und die Welt, um irgendwo den Strukturfehler zu finden. Dafür werden Thespiskarren herumgewuchtet, dafür fliegt ein riesiger Meteorit durch den Saal (ein mit Millionen LED-Glühwürmchen bestückter regelmäßiger Pentagondodekaeder), dafür wirft der Liegendspieler Daniel Zillmann seine Locken (er laboriert offenbar an einer Beinverletzung), dafür bedient Franz Beil als Superman einschwebend höchstselbst das Hubpodest, dafür büßt auch ein Lebensbäumchen seinen Kugelrundschnitt ein.

Maximilian Bauer rückt ihm mit der Heckenschere zu Leibe – selten sah man die Dienstleistungsgesellschaftskritik auf grausamere Weise dargestellt: Ein zerpflücktes, erschrockenes Stämmchen bleibt übrig, und der grausam-servile Friseur kommentiert: „Er ist ja nicht tot. Er sieht einfach nicht mehr so gut aus, das ist alles. Warum nicht über das Altern sprechen?“

Der, weil es um alles geht, naturgemäß etwas zerfransende Abend, ist in einem sehr konkret. Als Hommage an den im Sommer gestorbenen Chefdesigner der Volksbühne Bert Neumann. Er habe eine Adonis-Statue, die einzige der Kulturgeschichte, unterm Asphalt vergraben, heißt es. Und man kann sogar einen dieser stapelbaren Monoblockstühle ersteigern, die Neumann zum Artefakt der Volksbühnenästhetik erhob – mit dem Hinweis, dass es bei Manufactum sicher hübschere Gartenmöbel gebe.

„Geht es jetzt immer so weiter?“, heißt es fast zum Schluss, „Ja, vielleicht, aber es gibt einen Unterschied. Und der besteht darin, dass es immer so weitergegangen ist plus die Hoffnung, dass es vielleicht veränderbar ist. Und nun geht es eben weiter, ohne diese Hoffnung.“ Davon kann man allerdings nicht genug kriegen.