Die Gedenkstätte des ehemaligen Lagers von Auschwitz-Birkenau.
Foto:  imago images

Am Lagereingang stehen Neuankömmlinge: elegante französische und holländische Jüdinnen, noch gebräunt vom Skiurlaub, und sehen sich nach ihren Familien um. Die schon länger in Auschwitz sind, schauen zum Rauch aus dem Krematorium und „wissen genau, wo die Mütter ihrer Altersgenossinnen sind“. Sie wissen auch, dass die Frauen schon in wenigen Stunden, kahlgeschoren, in Häftlingskleidung, „Affenmenschen“ ähnlicher sehen werden als sich selbst.

Als Seweryna Szmaglewska, geboren 1916, 1942 nach Auschwitz verschleppt wurde, war sie eine junge Soziologin aus Warschau. „Im Jahre 1942 ist Birkenau (das sogenannte Auschwitz II) ein sumpfiges, von elektrisch geladenem Stacheldraht umzäuntes Feld. Es gibt keine Straßen oder Wege zwischen den Blocks, im ganzen Lager gibt es kein Wasser und gleichzeitig (bis zum Schluss übrigens) keine Kanalisation. Der gesamte Schmutz, Kot und Abfall, liegt da, stinkend und verfaulend.“ 

Szmaglewska nennt Auschwitz II „eine Art Warteraum vor den Krematorien“. Sie wird das Lager überleben, wo 1,5 Millionen Menschen ermordet wurden. Nach drei Jahren in Birkenau wird sie sich noch 1945 hinsetzen und schreiben: über die Frauen, die nach Arbeitstagen vom Morgengrauen bis zum Abend, blau vor Kälte, über einen Haufen dreckiger Lumpen gebeugt sitzen, die rasierten Köpfe zwischen die Schultern eingezogen, und mit ihren dünnen Fingern Läuse zerdrücken. Die sich neben immer andere abends auf den Strohsack quetschen, denn der Tod ist schnell. Im April 1943 wird „das 45. Tausend weiblicher Gefangener nach Auschwitz gebracht“. Sie alle kämpfen bis zum letzten Atemzug darum, arbeitsfähig zu bleiben, denn der Schritt in die Krankenstation – Jüdinnen nicht zugänglich – bedeutet oft zwangsläufig einen Schritt in den Tod. Es herrsche in Auschwitz „eine eigentümliche Umdeutung der Begriffe: Alles, was schwach, zerbrechlich, unbeholfen, krank ist, verdient Verfolgung, wird hinuntergestoßen und mit Füßen getreten.“

Man stirbt an Typhus oder Ruhr, wird erschlagen, erschossen oder tötet sich, verzweifelt, selbst. „Und hoch oben, über dem Lärm des Lagerlebens … bricht aus dem Schornstein des Krematoriums ein Bündel dunkelroter Feuerflammen aus … – wie eine aus menschlichen Körpern angezündete Fackel.“

Wie kann es sein, dass dies Buch, 1945 geschrieben und als „Rauch über Birkenau“ in Polen publiziert, wenige Jahre später Pflichtlektüre an polnischen Schulen, erst 2020 auf Deutsch erscheint? In ihrem Nachwort findet auch die Übersetzerin Marta Kijowska keine wirkliche Erklärung. Bei den Nürnberger Kriegsverbrecherprozessen lag es als Beweismittel vor. Szmaglewska selbst, die in den Jahrzehnten danach zur bekannten Schriftstellerin wurde, sagte dort aus.

Szmaglewskas Erzählen kriecht in die engsten und düstersten Ritzen von Auschwitz-Birkenau. Es beschreibt das „Strafkommando“, in das eine Frau kam, wenn sie – ein Beispiel – nach zwei Jahren Auschwitz plötzlich in einer Gruppe Männer ihren Mann erkannte und kurz mit ihm sprach. Danach mit einem roten Kreis auf dem Rücken markiert, musste sie noch bei sintflutartigem Regen und ohne jede Pause Steine, Kies, Sand tragen, Gräben ausheben, von SS-Männern gejagt, fast verhungert und erfroren.

Die Frauen „organisierten“ sich, um einander beim Überleben zu helfen – aber es gab auch die Spione, die sich bei den Aufsehern einschmeichelten, um zu bevorzugten „Funktionsgefangenen“ zu werden. Szmaglewska nennt die Täter beim Namen, die Kapo Drechsler oder Mandl, die SS-Männer König und Kraus; sie würdigt liebevoll etliche ihrer jungen ermordeten Leidensgefährtinnen.

Es ist kein Buch denkbar, das man im Blick auf den erstarkten Rechtsradikalismus, den wachsenden Antisemitismus so dringend lesen müsste wie dieses. Denn nüchtern und zugleich hochliterarisch führt uns Szmaglewska durch die tausend Momente, aus denen ein Tag und eine Nacht unter SS-Herrschaft bestand, sie verzeichnet die Details der Perversion und erlaubt beim Weg durch die Jahreszeiten dieser nicht vergehenden Jahre keine Abkürzung.

Es ist kein Buch über Auschwitz, sondern kommt direkt von dort – als Gelegenheit, vielleicht momentweise eine Anmutung dessen zu erfahren, was man sich nie wird vorstellen können. „Es ist besser, keine andere Luft als die der Krematorien zu atmen und kein anderes Leben als das einer Gefangenen zu führen … Um vom Reiz des Lebens, das ringsherum in der Natur pulsiert, nicht verrückt zu werden, ist es besser, in das Lager wie ein Stein hineinzuwachsen.“

Seweryna Szmaglewska: Die Frauen von Birkenau. Aus dem Polnischen und mit einem Nachwort von Marta Kijowska. Schöffling & Co., Frankfurt a. M. 2020. 450 S., 28 Euro.