Michaela Coel als "Arabella" in der Serie "I May Destroy You".
Quelle: Warner

BerlinSeit Lena Dunhams „Girls“ kann ich mich an keine Serie erinnern, die in meinem Freundeskreis für derart aufbrausende Debatten sorgte wie „I May Destroy You“. Der Vergleich liegt nahe. Denn Michaela Coel, die Macherin (und Protagonistin) macht alles richtig, was Dunham falsch machte: Nicht nur sind die Charaktere ethnisch divers. Die Erste-Welt-Probleme, mit denen sie sich herumschlagen, wirken zudem nicht wie luftige Phantasmen einer entfernten Elite, sondern wie nachvollziehbare Zeitgeist-Fußnoten: Geld gibt es in dieser Welt wenig. Dafür will jeder andauernd gesehen und konsumiert werden.

Ein Beispiel für so eine Debatte: Der beste Freund der Protagonistin Arabella, der sexsüchtige Fitnesstrainer Kwami (Paapa Essiedu), hat nach einem übergriffigen Date mit einem Mann Hemmungen, sich weiter mit Männern zu treffen. Also verabredet er sich über eine Dating-App mit einer Frau. Die wiederum macht auf dem Treffen keinen Hehl daraus, dass sie als Weiße fast ausschließlich mit Schwarzen wie ihm ausgeht. Es kommt zum Sex. Im Bett liegend bezeichnet sie Schwule beiläufig als „Schwuchteln“.

Kwami ist vor den Kopf gestoßen, eröffnet ihr, dass er selbst schwul ist, woraufhin sie sich missbraucht fühlt, oder mindestens hintergangen. War es nun legitim, es ihr nicht vorher zu sagen? Ja! – argumentierte ich im Gespräch über die Szene gegenüber einer Freundin. Er wollte sich eben ausprobieren. Möglicherweise herausfinden, dass seine Sexualität keine identitäre Einbahnstraße ist. Überhaupt: Wenn, ist es doch eher sie, die ihn missbraucht, indem sie ihn auf seine Hautfarbe reduziert.

Nein! – entgegnet meine Freundin: Unter Vortäuschung einer falschen Realität mit einer Frau zu schlafen, sei eben gar nicht okay und überhaupt, eine alte Männer-Masche, unter der viele Frauen ihrer Generation litten. Wenigstens habe sie ihn über ihre komischen Vorlieben ins Bild gesetzt. Touché?

Es sind die oft unbehaglichen Grauzonen der vermeintlich befreiten Sexualität unserer Zeit und der Debatten, die vom erhöhten Komplexitätsgrad einer post-#MeToo-, post-#BlackLivesMatter-Welt leben, die „I May Destroy You“ charmant umtänzelt wie aufmerksamkeitshungrige Singles im Club. Debatten über Dating, Übergriffigkeit, Rassismus. Um Fragen wie: Ist es Vergewaltigung, wenn ein Mann beim einvernehmlichen Sex das Kondom abzieht, ohne es der Partnerin zu sagen? Oder wenn sie einen Dreier mit zwei Männern hat, die sich scheinbar zufällig in einer Bar kennenlernen – sie aber später herausfindet, dass alles abgesprochen war?

Lässt sich sexuelles Einvernehmen zwischen Partnern, ähnlich einem Vertrag, der ja nur zustande kommt, wenn alle Beteiligten die Bedingungen anerkennen, rückwirkend revidieren? Oder ist dies eine zu schematische Weise, über Sex nachzudenken – wo Lust, Spontanität, oft auch Alkohol zusammenkommen? Was macht man mit dem Gefühl, um das sexuelle Einvernehmen betrogen worden zu sein? Wie verarbeitet man Traumata?

Michaela Coel verarbeitet eigene Erfahrungen mit sexueller Gewalt

Doch von vorn: Im Zentrum der Serie steht die offensiv-selbstbewusste Arabella, die mit ihrem Debütroman „Bekenntnisse eines genervten Millennials“ zur Stimme ihrer Generation avanciert ist. Für ihren zweiten Roman sitzen ihr die Verleger im Nacken, doch anstatt den Text abzuliefern, zieht Arabella lieber mit Freunden durch die Clubs. Bis sie nach einer durchfeierten Nacht mit einer wummenden Kopfverletzung aufwacht. 

Nach und nach springen ihr Erinnerungsfetzen ins Gedächtnis, wie ein Puzzle, dessen Gesamtbild sie zu sehen nicht bereit ist. Immer wieder sieht sie Ausschnitte eines Mannes, der schwitzend und keuchend über ihr steht. Es dauert, bis Arabella dies als Erinnerung anerkennt. Die Teile setzen sich letztlich aber doch zusammen: Jemand hat ihr eine Droge in den Drink gemischt, sie auf dem Klo vergewaltigt. Der erzählerische Bogen der Serie spannt sich daraufhin weitestgehend um Arabellas Umgang mit den Nachwirkungen der Vergewaltigung. Coel erzählt dabei auch ihre eigene Erfahrung mit sexueller Gewalt nach. 

Anfangs versucht Arabella noch, letztere herunterspielen. „Wenn ich nicht unter Leuten bin, sage ich mir dreimal folgenden Satz vor: ‚Es gibt hungrige Kinder ... ein Krieg tobt in Syrien ... nicht jeder hat ein Smartphone‘“, erzählt Arabella ihrer Therapeutin von ihren antrainierten Ablenkungsversuchen. Diverse Selbstsorge-Momente wie etwa ein Malerei-Workshop bringen Arabella letztlich aber dazu, die Erfahrung umzudefinieren, ihr Leben neu zu ordnen: Freunde, Familie, das Schreiben.

Der alltägliche Wahnsinn des Internet-Zeitalters

Das tut Arabella, anfangs vorsichtig, letztlich fanatisch, in einer selbstzerstörerischen Mimikry an den wirbelsturmartigen Social-Media-Empörungszyklus. Zwischen dem alltäglichen Wahnsinn auf Twitter und Facebook, voll flimmernder Handyscreens und verbilligter Hashtag-Solidarität, wird Arabella zur selbstermächtigten Influencerin der nicht gewollten Opferrolle. Sie wird zur Vorkämpferin eines Aktivismus, in der es letztlich weniger um Politik und Moral geht, sondern fast ausschließlich ums „Ich“.

Selten verfügte eine Serie über die psychologische Tiefenschärfe, zu zeigen, wie das Internet-Zeitalter einerseits als reales Vehikel von Emanzipation dient, uns andererseits aber auch zu kurzatmigen Narzissten macht. Wie es uns ständig dazu anhält, unsere Meinungen überzubewerten, unser Gefühl von Opposition zu maximieren und die Geste des „Wort-Ergreifens“ als revolutionären Sprechakt fetischisiert. „I May Destroy You“ mäandert so zwischen dem aufrichtigen Anliegen, von sexueller Gewalt zu sprechen, ohne dabei je didaktisch oder eindimensional zu wirken. Touché.

I May Destroy You, 12 Episoden à 30 Minuten, ab 19. Oktober auf Sky. Drehbuch/Idee/Regie: Michaela Coel.