Der Fußboden des bis auf den letzten Platz besetzten Audimax der Alice-Salomon-Hochschule (ASH) in Hellersdorf ist rot. Das war nicht immer so. Darauf wies am Dienstagabend bei einer Podiumsdiskussion über das Gedicht „Avenidas“ von Eugen Gomringer die Prorektorin der Fachhochschule Bettina Völter hin.

Der Architekt habe ein grau-blaues Farbkonzept für das Haus gehabt, es  sollte nichts verändert werden. Sie haben es trotzdem gemacht. „Wir sind ein Haus, das sich weiterentwickelt und das seine Studenten einbezieht“, sagte sie. Eine Gebärdendolmetscherin übersetzte ihre Worte. Hier soll niemand ausgeschlossen werden.

Kein bloßes Umdekorieren

An der ASH, Ausbildungsstätte für Sozialarbeiter, Kinderpädagogen und Pflegemanager, beginnt in der kommenden Woche eine Online-Abstimmung darüber, ob das Gedicht, das seit 2011 riesengroß an der Fassade des Hauses steht, möglicherweise entfernt und durch ein anderes Gedicht ersetzt werden soll.

Doch Völters Fußbodenvergleich hinkt, denn es geht dabei nicht um bloßes Umdekorieren. Seit Monaten gibt es eine heftige Debatte um den kleinen Text, der übersetzt lautet: Alleen/ Alleen und Blumen/ Blumen/ Blumen und Frauen/ Alleen/ Alleen und Frauen/ Alleen und Blumen und Frauen / und ein Bewunderer.

Studenten und, wie während der Diskussion zu merken war, auch Lehrende der Fachhochschule werfen dem Gedicht vor, patriarchalische Traditionen zu reproduzieren, in denen Frauen zu Objekten reduziert werden. Eine der beiden Frauenbeauftragten der ASH sagte, seit 2013 gebe es Beschwerden darüber. Studenten klagten über „Unwohlsein“.

Hat das Gedicht Diskriminierungspotenzial?

Hier wurde tatsächlich über ein Gedicht gesprochen, man freute sich kurz, denn wann passiert das schon mal außerhalb von Klassenzimmern und Seminarräumen? Thomas Wohlfahrt, der Leiter des Hauses für Poesie, das mit der ASH bei der Vergabe des Poetikpreises kooperiert, den die Hochschule seit zehn Jahren vergibt, und mit dem auch Gomringer ausgezeichnet wurde, versuchte es sogar mit einem Crashkurs in Hermeneutik.

Wohlfahrt verteidigte das Gedicht an der Fassade und wollte beweisen, dass es kein Diskriminierungspotenzial hat. „Es gibt kein lyrisches Ich in dem Gedicht“, sagte er. „Der Bewunderer gehört ebenso zu dem Bild, wie die Alleen, die Blumen und die Frauen.“ Er erntete spöttische Lacher im Publikum.

Die Prorektorin neben ihm auf dem Podium zog die Augenbrauen nach oben. Später berief sich die Frauenbeauftragte, was die diskriminierende Lesart angeht, auf ihr eigenes Expertentum.

Der Asta, der den Prozess zur Fassadenneugestaltung angestoßen hat, meldete sich gar nicht zu Wort. Bettina Völter sagte, sie warte auf das Kind aus dem Märchen „Des Kaisers neue  Kleider“, das sage: „So toll ist das Gedicht auch wieder nicht.“ Als ob es darum ginge.

Zensur und Barbarei

Eingeschüchtert durch monatelange Kritik, die der ASH Zensurbestrebungen und Barbarei vorwarf, auch von Bücherverbrennung war die Rede, wirkten die Hochschulangehörigen in keiner Weise. „Diese Begriffe werden von unserer intellektuellen Elite ohne Sinn und Verstand in die Debatte geworfen“, sagte Bettina Völter.

Den Kritikern wird auch mit dem Argument entgegentreten, es gehe hier um Hochschuldemokratie. „Was passiert, ist ein Beispiel dafür, dass demokratische Prozesse auch unter Beschuss funktionieren“, sagte eine Professorin.

Ein feiner Einwand kam da von Barbara Köhler, der jüngsten Trägerin des Poetikpreises. „Ich schenke der Hochschule ein Gedicht“, sagte sie, so wie Gomringer schon sein „Avenidas“ geschenkt hat. „Ich möchte meinen Vorschlag als etwas verstanden wissen, das neben das demokratische Prozedere die Kunst setzt.“

Zierde von Hellersdorf

Eine Annäherung fand nicht statt. Thomas Wohlfahrt mit seinem Brecht-Zitat stand auf verlorenem Posten. „Wer A sagt muss nicht B sagen, wenn er merkt, dass A falsch ist.“ Keiner der Hochschulangehörigen, die sich an diesem Abend zu Wort meldeten, findet A falsch.

Keine Chance hatte auch der ältere Hellersdorfer, der sich mit auf einem Blatt notierten Sätzen auf die Diskussion vorbereitet hatte: „Das Gedicht ist schön und würdig, das Tor von Hellersdorf zu zieren.“ Bettina Völter machte klar, wer über diesen Raum zu bestimmen hat: „Wir stehen hinter der Fassade, das Selbstverständnis der Hochschule sollte repräsentiert sein.“ 

Immerhin haben am vergangenen Sonnabend Bettina Völter, Professorinnen und Studenten der Hochschule die Gomringers im bayrischen Rehau besucht. Ein weiteres Treffen ist geplant. Mehr war nicht zu erfahren.

Sexismus in Göttingen

Aus Göttingen erreichte uns am Dienstag eine weitere Nachricht zum Thema. Dort wurde ohne lange zu fackeln eine Ausstellung in der Mensa mit Bildern von nackten Pos und Brüsten abgehängt. Studenten hatten diese als sexistisch kritisiert.

In Hellersdorf gibt es immerhin einen demokratischen Prozess. Vielleicht auch nur, weil das Gomringer-Gedicht hoch oben an der Fassade steht. Sonst wäre es vielleicht schon weg.