Demonstrieren für (modische) Selbstbestimmung: „Das Bildungsministerium nährt die Vergewalitungskultur“ steht auf diesem Plakat bei einer Demo vor einer Genfer Schule.
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Die Schweiz fällt eher selten durch progressive Frauenpolitik auf. Erst 1971 führte sie als eines der letzten europäischen Länder das Frauenwahlrecht ein, wirksam in allen Kantonen wurde dies aber erst vor 30 Jahren, als in Appenzell Innerrhoden das Wahlrecht für Frauen auch auf kantonaler Ebene rechtskräftig wurde. Seit 2004 ist häusliche Gewalt in der Ehe auch von Amts wegen strafbar, erst ein Jahr später wurden 14 Wochen Mutterschutz bezahlt. Bei vielen Zusatzversicherungen der Krankenkassen zahlen junge Schweizerinnen drauf, die Kosten für Geburt und Wochenbett werden allein ihnen angerechnet. Kurzum: Die Schweiz gilt nicht gerade als ein Kernland des Feminismus.

Daher überrascht es kaum, dass Schulen im Kanton Waadt, indem auch die Metropolregion Genf-Lausanne liegt, derzeit mit einer mehr als fragwürdigen Kleiderordnung für Aufsehen sorgen. Scheinbar unangemessene Kleidung wie zu kurze Hosen und Röcke, bauch- oder schulterfreie Oberteile, T-Shirts mit „anstößiger“ Botschaft gelten als Klamotte non grata, sind unerwünscht im anständigen Schulalltag. Die Reglementierung der jugendlichen Mode ist im Nachbarland nicht neu, Kleidervorschriften werden immer mal wieder diskutiert. 2006 wurde ein Pilotversuch für einheitliche Schulkleidung nach nur einem halben Jahr eingestellt, weil die Schüler sich schlicht weigerten, weiter mitzumachen. 2017 führten einige Schulen in der Deutschschweiz sogenannte „Schlabbershirts“ ein. Eine Schule in St. Gallen begründete das etwa so: „Die Schule ist ein Arbeits- und Ausbildungsplatz für Schülerinnen, Schüler und Lehrpersonen. Die Kleidung sollte dieser Ausrichtung entsprechen“. Im selben Infobrief gab es auch eine Zeichnung, die konkret zeigt, was ‚angemessen‘ sei und was nicht. Einige Hinweise gelten dabei nur für Mädchen („Der Ausschnitt ist kein Guckkasten!“).

Kleidervorschriften richten sich vor allem an Schülerinnen

Schüler, die sich an diese Durchreglementierung nicht halten und dennoch mit frivoler Mode zum Lernen erscheinen, bekommen also auch 2020 noch ein neues Shirt vom Vaterland geschenkt: In Einheitsgröße XXL reicht es bis zu den Knien, macht alles Sichtbare unsichtbar. Eine Schule in Genf hat es obendrein bedrucken lassen, „Ich bin angemessen gekleidet“, steht da jetzt drauf.

Gegen dieses „T-Shirt der Schande“ hat sich in den vergangen Wochen Protest gerührt. Mehrere Dutzend Schülerinnen blieben dem Unterricht fern, organisierten kleinere Demonstrationen. Auf Plakaten war unter anderem zu lesen: „Demütigung ist keine Erziehungsform.“ Der Protest zeigte Wirkung: Der Kanton Waadt hat das schambehaftete Shirt vergangene Woche wieder verboten. Auch die Zentralpräsidentin des Lehrerinnen- und Lehrerverbandes der Schweiz, Dagmar Rösler, kritisiert im Gespräch mit dem Schweizer Radio und Fernsehen (SRF) die Maßnahme und glaubt, dass Jugendliche auf diese Weise bloßgestellt werden. Sexistisch sei das T-Shirt für sie aber nicht: „Ich empfinde die Maßnahme nicht als erniedrigend oder sexistisch – ein Bloßstellen ist es aber allemal.“ Rösler glaubt außerdem, dass „bauch- und schulterfreie Kleidung in jeder Schule ein No-Go“ seien.

Warum eigentlich? Kleidervorschriften richten sich – explizit oder implizit – zumeist an Mädchen. Auch in Deutschland fallen Schulen immer wieder durch sexistische Kleiderordnungen negativ auf. Dabei ist es nicht die bequeme Bermuda-Short, die stört, sondern der Minirock, der nicht eine Handbreit überm Knie aufhört. Das trägerlose Oberteil, das sogenannte „Crop Top“ mit dem womöglich sichtbaren Bauchnabelpiercing. Auch sichtbare BH-Träger gelten bei heranwachsenden Mädchen als unpassend. Niemand solle schließlich erahnen, was frau (oder mädchen) drunter trägt. Außer natürlich in sexy Werbespots, in denen sich junge Frauen, hier gewünscht-aufreizend, in Unterwäsche räkeln – oft, um Werbung für alles außer Unterwäsche zu machen. Da sind frivole Nackedeis ein Must-Go, so scheint es.

Lesart für Frauen: Es ist deine Schuld

Kleidervorschriften in der Schule werden so zum besonders fragwürdigen Beispiel einer Gesellschaft, die weibliche Körper durchreguliert und zeigen, dass deren Hypersexualisierung nicht früh genug beginnen kann. Wenn Mädchen sich angemessen kleiden sollen, dann heißt das auch immer: nicht zu aufreizend. Denn das könne andere, Jungs und Männer, eben zu sehr reizen. So sehr, dass sie sich – Beispiel Schule – eben nicht mehr auf den Unterricht konzentrieren könnten. Die Lesart für Mädchen und Frauen ist dann folgende: Wenn Jungs und Männer sich durch weibliches Verhalten, durch weibliche Körper, nicht konzentrieren können, müssen die Frauen sich eben ändern. Niemals die Jungs.

Das ist klassisches Victim Blaming, also Täter-Opfer-Umkehr. Nicht die Gesellschaft wird als Problem identifiziert, sondern Mädchen mit scheinbar reizvoller Kleidung, die Schuld haben an den unzüchtigen Gedanken ihrer Mitschüler. Dieselbe Argumentationskette greift auch bei Vergewaltigungen: Was haben Sie getragen? Waren Sie allein unterwegs? War es dunkel? Der (zu) kurze Rock, das (zu) tiefe Dekolleté – wer sich anzüglich anzieht, solle sich über sexuelle Avancen, sexuelle Übergriffe bitte nicht wundern. So der gesellschaftliche Tenor. Dabei schwingt auch immer mit: Der Mann, dieses wilde Tier, hat sich und seine animalischen Instinkte nicht im Griff. Sieht er zu viel nackte Haut, ist es um ihn geschehen, und er wechselt in den Angriffsmodus.

Victim Blaming geht dabei Hand in Hand mit einer sogenannten Rape Culture, einer Un-Kultur, in der sexualisierte Gewalt als etwas angesehen wird, das ,eben passiert‘. Frauen  wird früh beigebracht, sich in bestimmten Situationen auf bestimmte Weise zu verhalten, generell mit Übergriffen zu rechnen und dass Pfefferspray schützt. Dass diese Art von Gewaltprävention ‚normal‘ sei, zeigt, dass wir tatsächlich in einer ‚Rape Culture‘ leben.

Diese strukturelle Asymmetrie, dass nur Frauen und Mädchen sich anpassen sollen, Jungs und Männer ihr Verhalten aber nicht überdenken brauchen, muss beendet werden. Ein übergroßes T-Shirt löst dabei das grundlegende Problem nicht, es ist weitaus anstrengender und komplizierter, Männern und Jungs zu erklären, was erlaubt ist und was nicht. Dass etwa nur ein Ja auch eine Einwilligung ist.

Wenn sich Jungs im Unterricht nicht mehr auf Mathe oder Deutsch konzentrieren können und nur noch auf die nackte Schulter der Nachbarin starren, dann ist jede Regel, die sich um just diese Schulter kümmert, das eigentliche Problem im Klassenraum.