Für ihr zweites Album geben Shabazz Palaces die Anonymität auf. Zwar ist auch das Cover von „Lese Majesty“ wie der Vorgänger „Black Up“ von 2011 in Schwarz gehalten und gibt außer einer rätselhaften architektonischen Skizze mit den Songtiteln keine weiteren sachdienlichen Produktionshinweise. Aber man weiß immerhin, dass Palaceer Lazaro in Wirklichkeit Ishmael Butler heißt und in den frühen 1990er-Jahren im locker afrozentrischen HipHop-Trio Digable Planets rappte. Und dass er Shabazz Palaces als Duo mit dem Simbabwe-stämmigen Percussionisten und Produzenten Tendai Maraire betreibt.

Und nun gibt es sogar ein erstes Promo-Foto. Darauf posiert Butler wie für ein Selfie mit zwei dicken Pythonschlangen an Goldketten, während in dem schäbigen Raum ein ramponiertes Schaukelpferd, ein Münzfernsprecher und ein Fernseher aus den 1950ern herumstehen. Mit der Musik der beiden hat die bizarr aus Kirmes, Nostalgie und 80er-HipHop komponierte Aufnahme so wenig zu tun wie das Grunge-Label Sub Pop, auf dem sie erscheint. Aber einen gewissen Hinweis auf die Majestätsbeleidigung, die der Albumtitel verspricht, gibt sie doch.

Klanglicher Eigensinn

Man hat es hier mit aller-avanciertestem, experimentellem HipHop zu tun. „Lese Majesty“ brummt hoch elektronisch, neblig und geräuschvoll; die Beats öffnen sich nach allen möglichen Seiten zwischen sturem Elektro, jazzig-afrikanischer Komplexität und Genre-Funk. Die Texte schwimmen oft mehr im Spoken-Word-Strom als im Rap-Flow. Die 18 Tracks wirken noch ein wenig loser gestaltet als auf dem Vorgänger, oft sind sie keine zwei Minuten kurz, und sie werden zu sieben nicht unbedingt zwangsläufigen Suiten zusammengefasst.

Dafür verteilen sie sich jedoch über die Albumstrecke wie kleine Asteroiden zu einem nebligen Klanguniversum. Shabazz Palaces vermeiden dabei die manifestartige, Industrial-nahe Grimmigkeit von frühexperimentellen Crews wie Cannibal Ox oder Anti-Pop Consortium ebenso, wie sie die formalistischen Fallen von jungen Genrezwirblern wie Flying Lotus umgehen. Ihr klanglicher Eigensinn folgt ganz leichthändig, positiv und ohne Abgrenzungsabsicht dem Afrofuturismus von Sun Ra bis zu Elektrohoppern wie Rammellzee oder Divine Styler. In diesem weiten Bogen fallen dann auch ein paar allzu essayistische Miniaturen nicht auf. Sie wirken eher wie Nachgedanken zu den ausgearbeiteten Stücken.

Es blinken und schimmern wie auf „Ishmael“ warme Harmonien, ächzen kalte Sounds und mechanische Handclaps, während man versucht, den zickig verschleppten Beats zu folgen. Es schubbert wie auf „Motion Sickness“ zu perkussivem wie melodischem Klackern und Klickern ein komisch invertierter, dünner Orgel-Groove – dessen An- und Abschwellen sich so fein verschiebt, dass man tatsächlich ein wenig bewegungskrank wird. Das selbstbewusste „New Black Wave“ funktioniert mit hoppelndem, bauchigen Bass, moduliertem Gluckern und leisen Blechechos, obwohl es von scheinbar zufälligen Effekten und freien Kometenschweif-Harmonien durchstreift wird.

Ein Spiel mit dem Zeichensalat

Natürlich verhalten sich die freundlichen Texten kongenial uneindeutig – bis zur reinen Wortinstallation. Sie sind gleichermaßen von der Freude am Sound wie von assoziativen und majestätsskeptischen Gedanken geprägt: vielleicht „blackophilic peodolistic catastrophic hymns“, wie sie einmal genannt werden. Jedenfalls ziehen sehr elegant und eher gut gelaunt Assoziationsketten vorüber, deren Motive vom alten Ägypten über kommunale Entwertungen zur Facebook-Unverbindlichkeit reichen, die Black-Panthers-Vergangenheit, Präsident „Blahblahma“-Gegenwart und alle bekannten HipHop-Klischees zitieren. Im Kern, so Butler, gehe es um die Frage nach individueller Identität, wenn statt Geschichte nur noch ein kleiner Satz von Filtern die Profile bestimmt. So enträtselt sich auch ein bisschen Butlers eigentümliches Promo-Foto: als amüsiertes, aber auch cooles Spiel mit dem Zeichensalat.

Shabazz Palaces: Lese Majesty

(Sub Pop/ Cargo)