Kindergeburtstag im Uneinholbaren.
Foto:  HAU

BerlinSich ans Theater zu erinnern heißt, dem eigenen Altern zu begegnen. Weil es keine Konserven überliefert, die den Geist von damals wieder aus der Flasche zaubern könnten, bleibt seine Vergegenwärtigung eine trügerische Sache. Was uns wie gestern erscheint, ist oft schon fünfzehn Jahre her.

Genau deshalb ist das Reden vom Gestern eine Lieblingsbeschäftigung unter Fans: Wo den Jüngeren kein materielles Erbe vorliegt, das sie selbst wiegen und prüfen könnten, da wird im Theater eben kanonisch, worüber lange gesprochen wird. Als kompetent gilt, wer viel zu erzählen hat.

Das schönste Theatererlebnis aller Zeiten

So gesehen haben She She Pop, längst selbst Säulenheilige unter den Performance-Kollektiven, mit „Kanon“ den perfekten Abend fürs erinnernde Foyer-Gespräch geliefert. Tatsächlich wird dieses schon gegen Ende dieser kurzen zwei Stunden auf den Weg gebracht, wenn Sebastian Bark das Publikum auffordert, die Köpfe zusammenzustecken und sich gegenseitig vom schönsten Theatererlebnis aller Zeiten zu erzählen.

Nur nennt sich das hier anders und ein bisschen beflissener: Das Unvergessliche soll heraufbeschworen werden, der geniale Moment, jene Arbeiten, die unbedingt „auf die Liste“ des Kanons gehören. Kostümbildnerin Lea Søvsø hat den Spielerinnen und Spielern dafür die Werke der Performance-Mütter und -Väter auf den Leib geschneidert. Getragen werden ikonische Arbeiten von Joseph Beuys, Isadora Duncan, Yoko Ono oder Valie Export – alles liebevoll gebastelt aus wallenden Roben und Pappmaché-Utensilien.

Das warme Herz des Performativen

Das Spiel, das „Kanon“ dann nicht mehr verlässt, geht so: Reihum berichten die Performenden von vergangenen Theatermomenten, die sie seither unter der Haut tragen; vage Erinnerungen ziehen herauf, Beschreibungen von Licht und Dunkelheit, Menschen und Gerätschaften. Emsig wird unterdessen im Hintergrund gewerkelt. Mit allem, was ihnen zu Händen ist, soll die beschriebene Szene so genau wie möglich nachgestellt werden.

Am Schluss kommt mit der Frage „Wo waren wir?“ die Auflösung. Bei Christoph Schlingensief zum Beispiel, bei der Natural-Theatre-Company, Johann Kresnik oder Susanne Kennedy.

Es ist ein Familienalbum, in dem She She Pop und die ihnen Verschworenen blättern. Gemütlich wie ein Pub-Quiz zum postdramatischen Theater, dessen Begriffsprägung vor 20 Jahren durch den Theaterwissenschaftler Hans-Thies Lehmann das HAU gerade mit einem Festival ehrt. Erkennbar geht es der Gruppe um das warme Herz des Performativen, das in seiner Offenlegung von Material und Konstruktion, Machern und Gemachtem, oft mehr Identifikationspotenzial liefert als die bruchlosen Repräsentationstechniken klassischen Schauspiels.  

Schön ist das, wenn Sebastian Bark die gastierende Tänzerin Brigitte Cuvelier fragt, ob er wirklich seinen blanken Hintern zur Rasur hergeben muss, wie es die zitierte Szene aus Kresniks „Mörder Woyzeck“ verlangt. Er muss. Anderes dagegen, wie Schlingensiefs „100 Jahre CDU“, ersäuft in seiner Wiederbelebung als Kindergeburtstag im Uneinholbaren. Es fehlt an der Ambition, der Erinnerung mehr als einen Augenblick zu entreißen, das private Plaudern zu verlassen.

Einmal nur, wenn Ilia Papatheodorou „Cinderella“ von Radikalperformerin Ann Liv Young nachgespielt haben will, wird es unbequem. Da muss der von der Gob Squad ausgeliehene Sean Patten in einen Eimer pinkeln. Sein Urin wird anschließend, wie damals die Ausscheidung Youngs, im Publikum feilgeboten. Das leicht entschärfte Reenactment aber löst rasch die Fesseln, die Youngs Performance ihren Zuschauern damals anlegte. Der doppelte Boden des Spiels ist wieder eingezogen. Erinnern heißt eben nicht Erleben.

Kanon 25., 26. November, 20 Uhr,  Hebbel am Ufer (HAU 2), Karten unter Tel.: 25900427 oder hebbel-am-ufer.de