Übergroß schaut die Frau herab in „Hexploitation“ von She She Pop.
Foto: She She Pop

BerlinMöglicherweise kommt sich der eine oder andere Zuschauer an diesem radikal-anatomischen Frauenabend etwas bedrängt vor. Übergroß projizierte Vulven vibrieren im Surround-Effekt von allen Wänden des HAU2 auf die kleine Zuschauerschar herab, die sich, so in die Ameisenperspektive versetzt, schlagartig etwas unterentwickelt vorkommen muss.

Die Vulven sind groß, sie sind mächtig und sie sind einem fremd. Aber sie sind auch ganz schön hässlich: haarig schrumpelige Schichten von Hautfalten, die sich in ein dunkles Nichts öffnen lassen – Nahaufnahmen zeigen es –, was bei den Unerschrockenen unter den Zuschauern aber auch gleich wieder den unverschämten Blick des Kolonisten wecken mag. Und im Handumdrehen verschiebt sich das Bild raumflutender weiblicher Machtergreifung schon wieder zum Objekt fremdbestimmter Ohnmacht.

Auf der Bühne liegt Johanna Freiburg, Beine gespreizt, das Kameraauge schonungslos direkt ins Zentrum ihrer biologischen Weiblichkeit gerichtet, und ihre Kollegin Berit Stumpf steckt ihre Nase noch hinterher: Kommt Blut? Wann kommt es? Ach, in der Menopause kommt doch keins mehr. Wer noch nicht auf Du und Du steht mit den weiblichen Geschlechtsorganen, der kann das an diesem stückchenhaft verschraubten Spukabend über Furcht, Zittern und die tiefere Bedeutung des weiblichen Alterns lernen. Vorausgesetzt er oder sie lernt den schillernden Blick auf das Wechselspiel dieser Lerneinheit mit, für die das Performance-Kollektiv She She Pop gleich auch das Genre der „Hexploitation“ miterfunden hat. Es ist die dem B-Movie-Geschäft entliehene Art, durch überzeichnete Aneignung eine Sache, hier das weibliche Altern, exorzistisch emanzipativ umzudeuten.

Gerade das Umdeuten ist den Performerinnen, die selbst gerade die 50 überschreiten, bitter nötig. Denn der weibliche Körper, so ihre These, ist aus dem mittelalterlichen Selektionszwang und Verfügbarkeitsgefängnis bis heute nicht entscheidend hinausgekommen. Als kleinen Beleg dafür zitiert Johanna Freiburg die WHO-Definition für „Wechseljahre“, die von Hormonmangel und Defiziten spricht, was einer Krankheit näherkommt als einem natürlichen Verlauf.

Ein Körper ist eben nie nur ein Körper, am wenigsten ein weiblicher, weshalb der eigentliche Hauptparcours von „Hexploitation“ darin besteht, sich durch das Geflecht männlich dominierter Fremderzählungen, Mythen und Manipulationen vorzuarbeiten, die den weiblichen Körper erst kategorisierbar und verfügbar halten. Der hartnäckigen Diagnose von emotionaler Gereiztheit im Klimakterium etwa, die Mieke Matzke im Dozententon vorträgt, setzen die Performerinnen einfach den radikal emotionslosen, kalten Blick auf ihre genitale Anatomie entgegen. Gegen das spukhafte „Gaslighting“ männlicher Welterklärer – ironischerweise ein psychologischer Fachbegriff, der sich aus dem George-Cukor-Film „Gaslight“ (1944) ableitet, in dem eine Frau durch die gezielten Spukgeschichten ihres Ehemanns den eigenen Wahrnehmungen nicht mehr traut – blenden die She-She-Popler klare Großaufnahmen ihrer Augen.

Überhaupt dient die Filmgeschichte Hollywoods, die von wahnhaft alternden Diven nur so wimmelt, den vier Performerinnen als ästhetische Leitplanke ihrer Austreibung. Billy Wilders „Sunset Boulevard“ von 1950 ist so ein Film, in dem die einstige Stummfilmdiva Norma Desmond unbeirrt an ihrem großen Comeback als Salome arbeitet und dafür über Leichen geht. Im HAU nun sitzen die Performerinnen nur mit glitzernden Norma-Desmond-Negligees über der nackten Haut und betrachten desillusioniert ihre welkende Weiblichkeit zwischen den Beinen.

Dann werfen sie, eine nach der anderen, mit melodramatischer Geste das Negligee ab und konterkarieren Normas exaltierte große Schlussszene, in der sie, ganz dem Jugendwahn der Salome verfallen, in die letzte große Kamera-Illusion zu schreiten meint. Im nüchtern realistischen Kontrast dazu stolzieren die She-She-Popler splitternackt ein, zwei Stufen hinab, begleitet von schonungslosen Kommentaren zu sich selbst, über ihre taillenlose Tonnenhaftigkeit und den Hängebauch! „Ich bin bereit für die Nahaufnahme!“, rufen sie dennoch mit Verve, während der Po im Großbild schwabbelt.

Erst vor zwei Jahren feierte das Kollektiv She She Pop sein 25. Jubiläum mit einer Gala, in der die Performerinnen das Schamgefühl als Dreh- und Angelpunkt ihrer gewitzten kommunikativen Spiele zwischen sich selbst und der Öffentlichkeit fokussierten. „Hexploitation“ nun überrascht durch seine gänzlich schamfreie Radikalität. Die sezierende Schonungslosigkeit aber, die sie ihren Körpern verpassen, bleibt den mythisch politischen Spuks um sie herum doch weitgehend erspart. Inhaltlich bleibt es eindimensional. Doch auch ein so abgerissener She-She-Pop-Abend gehört noch zu den sehenswertesten der Stadt.

HAU2, weitere Vorstellungen 22.–24. 9., 20 Uhr, Tel:  (030)25900427