Aber jetzt! Raus aus dem Auto, rein in das erste Geschäft, in das zweite. Hier nichts, da nichts. Irgendwas kaufen. Zeit läuft! Schuhe fehlen, eine Tasche, Schmuck! Halbe Lösungen sind besser als gar keine. Schneller! Zum Friseur, der soll in den Restminuten aus einer erschöpften Frau eine attraktive machen. Das Kamerateam rennt immer hinterher, bei sportlichen Frauen fällt es auch mal zurück. Vier Stunden darf das Einkaufen dauern, vier Stunden sind kurz, wenn eine Kandidatin ein bestimmtes Outfit finden muss. 500 Euro hat sie als Budget in der Tüte – das Startgeschenk von Vox.

Am Ende des Tages wird sich die Kandidatin auf einem Laufsteg den vier Konkurrentinnen präsentieren, die mit derselben Themen-, Geld- und Zeitvorgabe, aber an einem anderen Wochentag antreten. Die Siegerin bekommt 1000 Euro. Das ist das Gerippe einer Sendung, die seit dem 30. Januar wochentags um 15 Uhr auf Vox läuft.

Frauen von 18 bis 65 Jahren und mit kleinen bis stattlichen Konfektionsgrößen können mitmachen. Die Berufstätigen, das sind bei „Shopping Queen“ fast alle, müssen eine Woche Urlaub nehmen und erhalten 150 Euro Aufwandsentschädigung, die gekauften Sachen können sie behalten, das Restgeld auch. Jede Staffel wird in einer anderen Stadt gedreht, für jede bewerben sich etwa 300 Kandidatinnen.

Mancher denkt, dass alle Frauen gern einkaufen, aber das stimmt nicht. Eine Freundin hasst es, für ihre Bekleidung zu sorgen, das erledigt seit Jahren ihr gutherziger Ehemann, sogar die Unterwäsche besorgt er für sie. Eine andere Freundin lässt nichts an sich heran, was irgendwie in Mode sein könnte. Mode hält sie für etwas Oberflächliches. Als sie etwas zum Anziehen für einen öffentlichen Auftritt brauchte, überredete ich sie zum Kauf eines weißen Kostüms. Sie sah damit großartig aus. Während der Zugfahrt zu ihrem Auftritt ging sie auf die Toilette und zog die Jacke aus. Sie biss mit ihren Zähnen vier Zierknöpfe ab – zu stylish in ihren Augen – und riss dabei Löcher. Die Jacke war zum Wegschmeißen, den Rock trägt sie selten. Ich kenne Frauen, die sich bei Hitze was Leichtes und bei Kälte was Warmes überwerfen, Farbe egal, Gesamteindruck egal. Solchen Frauen reicht auch der kleine Spiegel über dem Waschbecken.

„Shopping Queen“ ist für die anderen.

"Shopping Queen" lebt von kleinen Selbstironien

„15 Uhr? Um diese Zeit sehe ich doch nicht fern! Schon gar nicht solchen Mist!“, empört sich eine Bekannte. Aber man kann im Internet bei Vox Now alle Sendungen zu einem passenden Zeitpunkt nachholen. Außerdem ist nicht alles Mist, was vornehme Menschen ignorieren.

Die Sendung lebt von kleinen Selbstironien, das ist schon mal gut. Thorsten Schorn – das ist der Mann, der bei „Spiegel-TV“ ahnungslose Bürger in schwierige Lagen bringt – erscheint hier als Stimme aus dem Off. Wie eine Miniaturausgabe des Chors im Drama der Antike begleitet er durch alle Prüfungen und verweist auf die rasende Zeit. Und dann kommt Zeus als Kommentator: An einem anonymen Ort – es könnte der Olymp sein – herrscht der Designer Guido Maria Kretschmer, Jahrgang 1965, über den Ton, der die Musik macht. Wer jemals seine Abendkleider sah, hält ihn für einen Meister und Frauenfreund. Er fasst seine Empfindungen in Worte, wenn er die Frauen einkaufen sieht. Er hofft und bangt und kann nichts machen. Die Frauen folgen ihrem Geschmack.

Viele sind hysterisch und ohne Plan. Sie vergessen das Wochenmotto oder können es sich nicht vorstellen – zum Beispiel Picknick, Roter Teppich, erstes Date, Strandparty, Klassentreffen, Trauzeugin, Vorstellungsgespräch. Im Zweifelsfall nehmen sie etwas, das sie für sexy halten. Guido lobt gerne, aber manchmal geht es eben nicht. Seine Sprüche sammeln seine Fans im Internet: „Da ist ganz schön was los auf der Brust.“ „Sie nimmt es nicht – Gottseidank!“ „Das Ganze schreit: Nutte!“ „Textiles Verhütungsmittel: Wer so was anhat, wird nicht schwanger.“ „Bitte nein! Bitte nicht!“ „Geh sofort raus aus diesem schrecklichen Laden!“ Und als eine zu blass geschminkte Kandidatin eine Boutique betritt: „Mein Name ist Tod. Ich möchte hier einkaufen.“

„Ich hätte ihn gern als besten Freund,“ schreibt eine Frau.

Jeden Montag verkündet Guido Maria Kretschmer seinen Schicksalsspruch – das Motto. Jeden Freitag steigt er leibhaftig herab und verteilt Punkte, die mit den Punkten zusammengezählt werden, die sich die Konkurrentinnen gegeben haben. Fast immer bewerten welche die Beste zu niedrig, um selbst hervorzustechen. Guido, der Gerechte, hat eine Stimme, die Frauen haben fünf. In den Blogs und Foren beginnt das Wehklagen: Wie ungerecht! Die Sendung setzt sich als Meinungsbild in tausenden Kommentaren fort.

Billige Parallelhandlung

In „Shopping-Queen“-Foren beteiligen sich fast nur junge Frauen, sie beginnen vorfreudig: „Ich startloch sitz.“ Sie regen sich auf: „Macht die Show nicht mit doofen Kandidatinnen kaputt!“ Sie zeigen Modeverstand und entdecken Schwachstellen. Die dümmste ist das Hin und Her zwischen Einkaufstour und Wohnung.

Das Format räumt dem Shoppen viel zu wenig Zeit ein, indem es diese billige Parallelhandlung erfindet: Sie zieht sich hin mit Klingeln, Begrüßungen, Herumsitzen. Die Kandidaten treffen sich bei der Frau, die an diesem Tag auf die Jagd geht. Kaum ist sie weg, beginnen ihre Gäste, Schränke, Schubladen, Kartons durchzuschnüffeln. Sie lästern und benehmen sich schlecht. Hüpft ein Gast aus eigenem Entschluss auf dem Ehebett oder folgt er dem Wunsch des Fernsehteams? Reden viele Frauen so hinterhältig übereinander oder hat man sie dazu überredet?

Der Sender sagt, dass alles aus der Situation entstünde – bis auf die Vorgaben: Shoppingzeit und Budget. Aber im Privatfernsehen ist das Manipulieren verbreitet. Dann wird man eben misstrauisch.