Die Autorin Christine Wunnicke. 
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Es ist der nach Seitenzahl schmalste Roman auf der Auswahlliste zum Deutschen Buchpreis 2020. Er ist sorgfältig ausgestattet in Halbleinen, trägt historische Stiche auf dem Einband. Doch dass er äußerlich ein Kleinod ist, sollte seine große innere Qualität nicht überstrahlen. Christine Wunnickes Roman „Die Dame mit der bemalten Hand“ verdient alle Aufmerksamkeit.

Die Geschichte ist angesiedelt in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts, nicht lange nachdem 1758 der Halleysche Komet mal wieder gesichtet worden war. Sämtliche Orte und mehrere handelnde Personen sind historisch verbürgt. Der persische Himmelsforscher Musa al-Lahuri und der deutsche Mathematiker Carsten Niebuhr aus der Gegend um Bremen begegnen sich auf einer Insel vor der indischen Küste. Sie sind gestrandet, der eine war auf Handlungs-, der andere auf Forschungsreise. Elephanta, damals noch Gharapuri, heißt die Insel wegen ihrer Skulpturen und Höhlen, die dem Gott Shiva gewidmet sind. Sie liegt so dicht vor Mumbai, dass man sie heute der Riesenstadt zurechnet. Zur Handlungszeit aber musste man schon warten, bis jemand auf dem Wasserwege vorbeikommt. Dass schließlich Engländer die beiden einsammeln, deutet auf den Fortgang in der Realität: 1774 übernahm die britische Kolonialmacht die Insel.

Niebuhr, dem die Autorin im Nachsatz für dessen „Beschreibung von Arabien“ (1772) dankt, ist der einzige Überlebende einer sechsköpfigen Forscher-Delegation aus Europa, die der dänische König finanziert hatte. Er wird fiebergeschüttelt aufgefunden und versorgt von Musa al-Lahuri, der als Entwickler und Verkäufer von Astrolabien zu Ruhm und Geld gekommen ist. Mit seinem Rechen- und Messinstrument kann man die Positionen der Sterne am Himmel bestimmen.

Ihr Aufeinandertreffen klingt exotisch und fern unserer Lebenswelt. Aber in seinem detailgeschmückten, dialogreichen Aufbau, mit seiner situativ passenden, pointierten, zuweilen satirischen Sprache passt der Roman hervorragend in die Gegenwart. Zumal er nur vordergründig diese Begegnung nacherzählt, die womöglich gar nicht stattgefunden hat. Im Kern des Romans liegen viele Varianten wohlmeinenden Missverstehens, hier streiten unterschiedliche Kulturen und Denkweisen miteinander oder bewegen sich munter aneinander vorbei. Darauf deutet schon der Titel, mit dem die Autorin ironisch winkt: Bei gemeinsamer Betrachtung des Firmaments sieht Musa die „Dame mit der bemalten Hand“, während Niebuhr gerade mal ein Detail des riesigen Sternbilds deuten kann, die Kassiopeia.

Diese kleine Szene kann man gut benutzen, um die Kunst der Autorin vorzuführen: „Niebuhr blickte die Sterne an. Er spreizte die Finger der Rechten und blickte auch diese an und dann Meister Musa. Seine Gereiztheit schien verflogen. Etwas wie Kummer schlich sich in seine Miene. Er ballte die Hände zu Fäusten und öffnete sie wieder. Dann formulierte er mit Sorgfalt: ,Wir glotzen alle in denselben Himmel und sehen verschiedene Bilder.‘“

Glotzen ist kein schönes Wort. Ich meine glotzen!

Sie, liebe Leserin, lieber Leser, werden sich fragen, warum hier gerade noch das Sprachgefühl Wunnickes gelobt wurde? Weil die Autorin das Spiel weitertreibt: „,Glotzen ist kein schönes Wort‘, rügte Musa. ,Ich meine glotzen! Ich meine hilflos, blöd und hoffnungslos schauen! Ich meine Affen des Mundes zu Markte tragen! Wir glotzen nach oben und erfinden große Gestalten und hängen sie in den Himmel. Ich eine Frau und du eine Hand und was weiß ich, was andere sehen. Und dann gibt es Streit. Es ist zum Erbarmen.‘“ Daran knüpft sich die nächste Frage, die sich der Perser auch stellt, was denn „Affen des Mundes“ sein sollen. So fein gearbeitet und doch mit Bedeutung aufgeladen sind die Unterschiede, die Christine Wunnicke an vielen Stellen ihres lehrreichen und munteren Romans darstellt. Niebuhr schnaubt, dies sei ein Ausdruck aus seiner Heimat „und er übersetzt sich schlecht! Mein Arabisch ist nicht gut!“

Direkt anschließend wird er von dem anderen zwar aus Höflichkeit für seine Sprachkenntnisse gelobt, zuvor aber – und das weiß der Leser ja – schätzte Musa sie so ein: „Sein Arabisch war reichhaltig, falsch und lustig. Man verstand jedes Wort.“ Die beiden beschäftigen sich mit ähnlichen Dingen, gehen sie jedoch von verschiedenen Seiten an. Im Fachlichen treffen sie sich manchmal, wenn sie über Augengläser und Teleskope reden, über Galilei und Kepler.

Niebuhr ist der Pedant, im Auftrag der Wissenschaft unterwegs, erpicht eines Tages seine Erkenntnisse aufzuschreiben. Musa fühlt sich seiner selbst sicher, er hat den anderen auch durch Erzählungen am Leben gehalten, als dem die Sinne schwanden. Am lustigsten wird es, da sie sich gegenseitig Geschichten erzählen. In diesen köstlichen Legenden und Märchen von Orient und Okzident finden sich nur ein paar trockene Körnchen Wahrheit.

Jahre später, als Musa al-Lahuri in Jaipur mit seiner Tochter streitet, welches „das dümmste Buch“ sei, nennt er Niebuhrs Werk. Aber auch das ist nur ein Missverständnis. Er verrät ihr den Hintergrund: „Er trat mir auf den Lebensweg und setzte sich dort tagelang fest.“ Was tut sie derweilen? Malt sich mit Henna Muster auf die Hand. Christine Wunnickes kluger, gewitzter Roman bereitet großes Vergnügen.

Christine Wunnicke:  Die Dame mit der bemalten Hand. Roman. Berenberg, Berlin 2020. 168 S., 22 Euro