Das Publikum lässt sich mit Paella erschreckend leicht abfüttern.
Foto: Dorothea Tuch

BerlinWer in den vergangenen 15 Jahren den ein oder anderen Abend in den HAUs verbrachte, wird die vier Freunde von Showcase Beat le Mot nicht übersehen haben: eine der eigentümlichsten Truppen aus der Hexenküche der Gießener Performanceschule und mit ihren 23 Dienstjahren mittlerweile eine ihrer ältesten Pionierinnen.

Was die Showcaseler so besonders macht, ist, wie sie Requisiten, Geräusche, Musik, vor allem den Raum selbst mit ihren labyrinthisch verrätselten Bauten sprechen lassen. Aber was heißt sprechen? Man müsste ihre Abende verzweigte Komplexkommunikationen nennen, in der sie sich in schweißtreibende Kämpfe mit ihren seltsamen Konstrukten, Objekten, Symbolen verstricken und die Zuschauer dieses betrachtend nachvollziehen lassen. Ein Entschlüsselungsspiel.

Im Gehirn des Knappen 

Das muntere Enträtseln ihrer neuen Arbeit im HAU3 nun dauert eine gute Viertelstunde – jedenfalls für die, die sich das Muntere an dem sich ächzend heranwanzenden weißen Riesenetwas nicht nehmen lassen, das sich langsam vom Bühnenrand in die Mitte arbeitet. Ist es ein losgeeister Gletscher auf Talfahrt? Ein Riesenqallenstück? Irgendein Fettdings vom letzten Wal seiner Art oder das Coronavirus in Reinform? Bald begleiten auch horneske Pustelaute das sich quälende Weiße im Dunklen, bis plötzlich in seinem Innern Blitze aufleuchten und zwei Stimmen hörbar werden: Sancho Panza ist es und sein Herr Quijote.

Natürlich! Hier schwabbelt das Gehirn des treuen Knappen höchstselbst ein. Und in ihm sitzen die beiden legendären Abenteurer aus dem „goldenen Jahrhundert“ der spanischen Conquistadores und erzählen von ihren Eroberungsgeschichten, von denen niemand genau weiß, was daran ausgedacht ist, was wirklich.

Sangria gegen Solipsismus

In dieser kleinen, bombastisch leerlaufenden Hirn-Performance namens „Don Quijote/ Dokney Shot/ Done Quiche Hot …“, wissen es die beiden Stimmen aber doch genau. Dem Cervantes-Roman zufolge soll Don Quijote Windmühlen für Riesen gehalten haben. Im Innern des Hirns aber stellt er klar, dass er nie gesagt habe, die Windmühlen seien Riesen. Er wisse, dass es nicht so ist. Diejenigen aber, die nur Windmühlen sehen, behaupten erst die Riesen.

Hört sich verwirrend an, ist aber eine schöne, klare Macht- und Ideologiekritik an allen, die meinen, die Realität und die Wahrheit mit Löffeln gefressen zu haben, indem sie sich die Welt und deren Realismus zurechtdefinieren. Leider nur versinken diese scharfen Hirn-Dialoge zwischen Sancho und Quijote in den zwei Leerstunden, über deren Zynismus man sich nur die Augen reiben kann. Da wird erst eine Massenportion „Conquistadoren“-Paella gebrutzelt, mit der sich das Publikum erschütternd leicht abfüttern lässt. Und während es noch Sangria schlürfend verdaut, spielen die Performer solipsistisch mit sich selbst. Auch eine Lektion in Desillusion.

Im HAU3 bis 1. 2., 19 Uhr, Tel: 25900427 oder: hebbel-am-ufer.de