Berlin - Es gibt ein Stück von ihnen, das nie zu hören sein wird. Sein Text handelt von einem jungen Mann, der sich in eine Frau verliebt, Aids bekommt, ins Krankenhaus muss und sich dort nach ihr sehnt. „Das haben sie verboten“, sagt Darko C, der Sänger und Gitarrist der Band Side Effect, der den Text geschrieben hat. „Dabei hab ich nicht mal das Wort HIV benutzt.“

Es gibt nicht mehr viele Länder auf der Welt, die eine Zensurbehörde haben. Aber Side Effect sind eine Punkband aus Myanmar, und dort herrscht ein autoritäres Regime, das jeden Text sehen wollte, bevor er veröffentlicht wurde, wenigstens bis vor kurzem. Manchmal hätten die Zensoren nur ein einzelnes Wort beanstandet, sagt Darko C. Das Wort Schwarzmarkt-Kinoticket etwa, das in einem anderen Stück vorkommt. Dabei kaufen alle in Myanmar die Kinokarten bei Straßenhändlern. Die kaufen die Karten an der Kinokasse auf und und bieten sie dann zum doppelten Preis an.

Side Effect – das sind Darko C (31) sein kleiner Bruder Jozeff K (25), der Bassist der Band, und der Schlagzeuger Tser Htoo. Die Punkszene in Myanmar umfasst hundert, vielleicht 200 Leute.Manche von ihnen tragen Irokesenfrisuren und Lederjacken mit Nieten. Man kann sie in der Dokumentation „Yangon Calling“ der deutschen Filmemacher Alexander Dluzak und Carsten Piefke sehen.

Darko C ist nicht sonderlich punkmäßig gestylt, er hat nur ein bisschen Gel in seinen kurzen Haaren. „Uns geht es um die Musik, nicht um Mode“, sagt er. Side Effect seien auch keine politische Band. „Wir singen über unser Leben, den Alltag.“ Das Wort, das am häufigsten fällt, wenn die drei von diesem Leben in Myanmars Hauptstadt Yangon erzählen, ist „langweilig“. „Yangon ist tot nach zehn Uhr abends“, sagt Jozeff K. „Es gibt kein Nachtleben, es ist nichts los.“

Die drei führen kein Leben, wie man es sich vielleicht von Punkmusikern vorstellt. Tser Htoo und Jozeff K wohnen bei den Eltern, das ist in Myanmar üblich, selbst wenn man verheiratet ist wie Tser Htoo. Er arbeitet als Tontechniker bei einem Radiosender. Nur Darko C hat eine eigene Wohnung. Das hat er seiner Frau zu verdanken, deren Familie eine Schneiderei hat. Die Wohnung ist ein Treffpunkt. „Wir hängen da rum, weil wir einfach nirgends hinkönnen“, sagt Darko C. „Jeder Tag ist gleich.“ Immerhin proben sie zwei, drei Mal in der Woche. Sie mieten von anderen Musikern einen Raum, das kostet vier Dollar pro Stunde, dort stehen die Instrumente. Tser Htoo hat kein Schlagzeug zuhause.

Einen Auftritt haben sie höchstens alle zwei Monate. Dann stehen sie mit selbstgemachten Flyern in den Straßen um die Sule-Pagode im Zentrum Yangons, sie mieten die Instrumente, die Verstärker, die Lichtanlage, und sie sind froh, wenn sie am Ende kein Minus machen. Die Konzerte finden an Orten statt, die sich als Karaokebars ausgeben. Seit kurzem gibt es auch eine kleine Bar, die ein Amerikaner aufgemacht hatt. Mehr als 200 Leute kommen selten. Mindestens die Hälfte sind Expats und Touristen.

Für die meisten Jugendlichen in Myanmar ist eine Band eine Gruppe von Musikern, die Hits von Britney Spears, Lady Gaga oder Justin Bieber nachspielt. Ansonsten gibt es noch ein paar Metal- und Hip Hop-Bands. „Was wir machen, ist total neu“, sagt Darko C. Von ihrer ersten CD, die im Mai erschienen ist, haben sie 1000 Stück produziert und nur 500 Stück verkauft, dabei leben in Yangon fast fünf Millionen Menschen. Zehn CDs hätten sie in der Zensurbehörde abgeben müssen. „Warum zehn?“, sagt Darko C. „Die haben sie bestimmt verkauft.“

Wie Punk ausgerechnet nach Myanmar kam, darüber gibt es eine Geschichte, die wie eine Legende klingt. Ein Birmese fand Mitte der Neunzigerjahre im Mülleimer der britischen Botschaft in Yangon eine Zeitschrift mit einem Bild von den Sex Pistols. Der Mann heißt Koh Nyan, und das Bild muss ihn elektrisiert haben. Punk bestimmte von da an sein Leben. Koh Nyan betreibt bis heute den einzigen Punkladen in einem Yangoner Einkaufszentrum. Der Laden heißt DIY, was für Do it yourself steht, und wenn die Musiker von ihm sprechen, dann hat man das Gefühl, dass Koh Nyan so etwas wie der Vater der birmesischen Punks ist. „Er hat uns alle infiziert“, sagt Darko C.

Die Musik zu dem Bild brachten dann Seeleute von ihren Reisen mit. Das ist heute nicht mehr nötig. Vergangenes Jahr haben sich die Musiker Sim-Karten für das Handy ergattert. Zweihundert Euro hat eine gekostet. Nun haben sie überall Zugriff auf das Internet, können sich Musik herunterladen. Sie sagen, dass sie die Strokes mögen, die Libertines, die Hives und Placebo.
Die Zensurbehörde gibt es seit ein paar Monaten nicht mehr, das haben sie aus der Zeitung erfahren. Schon 2010 hatte es Wahlen gegeben, die ersten nach 20 Jahren, die Oppositionsführerin Aung San Suu Kyi, die jahrelang unter Hausarrest stand, sitzt nun im Parlament, in den Zeitungen werden manchmal Missstände angeprangert. Das war früher undenkbar. Doch die Musiker von Side Effect trauen der neuen Freiheit nicht. „Wir müssen immer noch sehr vorsichtig sein“, sagt Darko C. „Wer weiß, was sonst passiert.“

Es geschieht nun immer häufiger, dass Ausländer, die nach Yangon kommen, über Facebook mit ihnen Kontakt aufnehmen, sie treffen möchten, die fragen, ob sie Zeit haben. Darko C rollt mit den Augen. Was für wunderliche Vorstellungen diese Ausländer von ihrem Leben haben! „Natürlich haben wir Zeit.“

Dank der Filmemacher Carsten Piefke und Alexander Dluzak sowie dem Goethe Institut sind Side Effect nun zum ersten Mal in Europa aufgetreten. Sie waren in Berlin, haben den ersten Schnee ihres Lebens gesehen und das erste Stagediving. Anfang Dezember spielten sie vor 300 ausgelassen tanzenden Konzertbesuchern im Festsaal Kreuzberg in Berlin. „Ich träume“, sagte Darko C an diesem Abend auf der Bühne. „Bitte weckt mich nicht auf aus meinem Traum.“

Kurz vor Weihnachten sind sie zurück nach Myanmar geflogen. Jozeff K, der sich übrigens nach der Hauptfigur in Franz Kafkas Roman „Der Prozess“ genannt hat, von dem es eine burmesische Übersetzung gibt, wird nun vielleicht nie mehr auf der Bühne stehen. Seine Eltern möchten, dass er zur See fährt wie sein Vater. Seemänner werden gut bezahlt, und Jozeff K soll sich um die Eltern kümmern. „Ich wohne zuhause“, sagt er. „Wenn mein Vater will, dass ich die Band verlasse, dann muss ich ihm gehorchen.“ Das ist in Myanmar so, selbst wenn man in einer Punkband spielt.