Eine junge Japanerin in Tokyo.
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Das erste Kapitel des neuen Romans von Sayaka Murata beschreibt das Holzhaus mit dem „Seidenraupenzimmer“ in den Bergen von Nagano. Eine steile, kurvenreiche Straße führt dorthin, die funkelnden Sterne erscheinen nah. Natsuki trifft hier einmal im Jahr, zum Ahnenfest, ihren Lieblingscousin Yu. Nur ihm hat sie erzählt, dass sie sich für ein weltrettendes Magical Girl hält. Yu meint, er sei ein Außerirdischer und werde eines Tages ins Weltall entschwinden.

Was mit heiteren Familientreffen, Manga-Motiven und einer innigen Kinderfreundschaft beginnt, entwickelt sich zu einer unerbittlichen Geschichte: Wieder zu Hause wird Natsuki von einem Lehrer zum Oralsex gezwungen, ihre Mutter schlägt und verhöhnt sie, als sie Hilfe sucht. Um sich zu retten, tötet sie den Vergewaltiger. Um Trost zu finden, schläft sie mit ihrem Cousin, natürlich werden die beiden 13-Jährigen von der überaus entsetzten Verwandtschaft ertappt.

Traumatisiert und nach Jahren der familiären Kontrolle rettet sich Natsuki in eine platonische Zweckehe, und die Handlung wird immer düsterer und surrealer, es kommt zu weiteren Morden und Kannibalismus, Natsukis Kochversuche mit Menschenfleisch werden genau beschrieben. Das führt zu einer grotesken, irren Erlösungsfantasie oder einem todunglücklichen Ende, je nachdem, wie man das Finale versteht.

Der Rückzug junger Menschen

Sayaka Murata ist eine sehr erfolgreiche japanische Autorin, ihr preisgekröntes Debüt veröffentlichte sie 2003. International bekannt wurde sie mit dem Roman „Die Ladenhüterin“ (2018), in dem eine Frau ihren Seelenfrieden in einem Automatensupermarkt findet und eine Kultur vorführt, deren Leistungsdruck und Konformismus schwer auszuhalten ist.

Immer mehr junge Menschen in Japan reagieren mit Rückzug, meiden Sozialkontakte und Sex, ja schließen sich für Jahre in ihre Kinderzimmer ein. Sie verweigern ein Leben, das Natsuki so beschreibt: „Ich lebte in einer Fabrik, in der Menschen produziert werden (…) Meine Gebärmutter war Teil dieser Fabrik und würde in Verbindung mit jemandes Hoden, die auch Teil der Fabrik waren, Kinder hervorbringen.“

Ihr Alltag spielt sich in einem grauen Vorort ab, in einer Umgebung, die keine eigenen Entscheidungen erlaubt und sie stillschweigend den Übergriffen eines Erwachsenen überlässt. Die Antwort ist radikal: Natsuki betrachtet sich zusehends als Außerirdische, verschanzt sich mit Mann und Cousin im einsamen Berghaus aus Kapitel 1 wie in einer verwahrlosten Höhle. Zwischen den dreien gibt es Geborgenheit und Wärme, aber sie lutschen an Knochen. Erzählt wird das alles in nüchternem, fast unbeteiligtem Ton.

Einige Kritiker stellen Sayaka Murata in eine Reihe junger ostasiatischer Autorinnen wie Han Kang oder Mieko Kawakami, die den starren, sexistischen Normen ihrer Länder literarische Absagen erteilen. „Das Seidenraupenzimmer“ ist ein seltsames und rabiates Beispiel für diesen Trend. Wer sich für radikale Literatur und die japanische Gegenwart interessiert, sollte es lesen. Ein Vergnügen ist es aber nicht.

Sayaka Murata: Das Seidenraupenzimmer. Roman. Aus dem Japanischen von Ursula Gräfe. Aufbau, Berlin 2020. 253 S., 20 Euro.