Endlich ist er da: Der Roman der Generation der Endzwanziger. Endlich hat ein Autor einen Ton für jene zwischen Saturiertheit und Utopiesehnsucht driftenden Sinnsucher gefunden. Simon Strauß, Sohn von Botho Strauß und junger Nachfolger des FAZ-Theaterredakteurs Gerhard Stadelmaier, weiß um die Widersprüche und Hoffnungen seiner Altersgenossen, die er in seinem essayistisch gefärbten Roman „Sieben Nächte“ verarbeitet.

Es geht um die jungen Aufsteiger, die in Überfluss und Wohlstandsblase aufgewachsenen Braven und Angepassten. Sie haben „alle Abschlüsse gemacht, alle Termine eingehalten, viel gelächelt, wenig geweint“, beginnen die Arbeitswelt zu erobern.

Faustischer Pakt

Und doch fehlt ihnen inmitten der reichen Medien- und Konsumgesellschaft so etwas wie das echte Gefühl: „Ich will wieder den Wunsch nach Wirklichkeit spüren, nicht nur den nach Verwirklichung. Ich will Mut zum Zusammenhang, zur ganzen Erzählung.“ Mut – so lautet das programmatische Schlüsselwort dieses aufwühlenden Textes. Da ihn der Ich-Erzähler für sich zurückgewinnen will, geht er einen faustischen Pakt mit einem nur vage greifbaren, mephistophelischen Gefährten ein.

Die sieben Todsünden einmal zu durchleben, soll den Protagonisten, der biografische Parallelen zu seinem Autor offenbart, stark machen. Nachdem er im Kapitel zum Hochmut beschließt, die Welt in ihren Grundfesten durch die Gründung einer Akademie der Sinnlichkeit oder die Utopie durchmischten Wohnens zu erneuern, landet er auf einer Party, wo er von der Geschichte eines tragischen Flüchtlingsschicksals erfährt.

Erotischer Maskenball 

Ausschweifende Dekadenz erwartet den Leser in den Passagen zur Habgier und Wollust: Als ginge es um alles, fiebert der Libertin mit Pferden beim Trabrennen mit. Dass er zuletzt auf einem erotischen Maskenball à la Stanley Kubricks „Eyes Wide Shut“ landet, gibt dieser Reise durch die Abgründe des menschlichen Seins einen gelungen Abschluss voller Fantasie und Spannung.

Was bleibt danach? „Sieben Nächte mit den Sünden waren sieben Nächte gegen die Zeit“. Mögen andere Mutproben nutzen, um erwachsen zu werden, sieht der Ich-Erzähler darin die Möglichkeit des Aufschubs. Sich noch nicht entscheiden zu müssen, sich trotz der drohenden 30 Zeit zu lassen bei den wichtigen Fragen zu Familiengründung und Berufsfestigung – davon erzählt der Roman, der Schwermut in einsamen Nächten wie den antreibenden Wunsch nach Visionen von einer anderen Welt gleichermaßen einschließt.

Pionier müsste man sein

Das Bekenntnis des Ich-Erzählers „Ein Pionier zu sein, das wäre was“ appelliert an den Mut zum Widerständigsein, zur Individualität, zu Gestaltung und Haltung, zur Rückgewinnung einer Zukunft, die verbaut und ohnehin vorgegeben zu sein scheint. Strauß ist mit diesem literarischen Aufruf ein überaus großer Wurf gelungen.

Mit gewaltiger Immersionskraft reißt uns seine Sprache mit. Wir geraten in einen Fluss aus Stromschnellen und immer wieder kleinen Inseln zum Nachdenken. Sein Ziel hat dieses formidable Debüt damit jedenfalls nicht verfehlt. Es ist nah an den Emotionen seiner Leser, wirkt wie ein gestochen scharfer Spiegel all der Herausforderungen und Potenziale, mit denen die Heranwachsenden heute konfrontiert sind.

Seid widerständig!

Da sie daran zu erstarren drohen und als „Sympathiesüchtige“, die den sicheren Weg nach oben verfolgen, ihre Ecken und Kanten verlieren können, braucht es ein Wachrütteln, bedarf es eines Rucks, wie wir ihn in diesem Werk verspüren. Das Buch soll „eine Spur hinterlassen für alle, die noch erschütterbar sind“. Lasst euch nicht von einem vampirhaften Anpassungskapitalismus aufsaugen, seid widerständig und habt das nötige Selbstbewusstsein, eure Positionen zu verteidigen oder zu erkämpfen – so der Imperativ dieses funkensprühenden Pamphlets.

In ihm wohnt der Blues einer Zeit ohne Visionen. Strauß setzt ihm die Emphase der Hoffnung entgegen. Die Zukunft gibt er nicht verloren. Sie beginnt erst noch, vielleicht endlich mit diesem Roman.