Die Schriftstellerin Sigrid Damm
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Wandern, gen Horizont, Landschaft erfahren, Landschaft werden. Die Füße stapfen durch Schnee, vor uns tun sich Berge und glasklare Gewässer auf. Am Wegesrand nach vielen Kilometern einzelne Hütten, manchmal wenige Siedlungen. Dazwischen Eis, immer wieder Nebel und der auf sich gestellte Mensch. Geführt werden wir durch diese Gefilde, das schwedische Lappland, von Sigrid Damm, zu deren 80. Geburtstag nun das Buch „Wandern – ein stiller Rausch“ erschienen ist.

Anknüpfend an andere Vertreter des sogenannten Nature Writings, man denke an William Henry Hudson mit „Müßige Tage in Patagonien“ (1893) oder Henry David Thoreau mit seinem kanonischen Werk „Walden“ (1854), hat auch die 1940 in Gotha geborene Autorin die Form des Tagebuchs gewählt, um die Wirkung der Natur festzuhalten, und zwar in gleich doppelter Weise. Denn abwechselnd wird die Durchquerung des winterlichen Gebiets zum einen aus Sicht der damals noch sechzigjährigen Schriftstellerin, zum anderen aus der Perspektive ihres Sohnes erzählt, die beide – zeitversetzt – die große Reise durch den Norden wagen. Weniger die Fülle als die bewusste Reduktion verleihen den Impressionen Tiefe und Schärfe. Seen, unerschlossene Hochebenen, Rentiere. Und immer wieder „Natur – ich in ihr. Das menschliche Maß der Schritte. Wandern eine stumme Huldigung“. Sie setzt eine ganze Reihe an Metaphern frei. So werden wir abseits der Schneegebiete des „feuerfarbenen Krauts der Beeren“ sowie „intensiver melancholischer Gelbtöne“ gewahr.

Darüber hinaus kann sich die die Landschaft mal als erotischer Körper, mal als Träger von Erinnerungen präsentieren. Denn im Vertrag mit der Einsamkeit geraten mithin Versatzstücke des eigenen Lebens wieder ins Bewusstsein: eine gescheiterte Ehe, der Neuaufbruch und die frühe Vernachlässigung des eigenen Sohnes. Überdies ziehen an der Protagonistin Bildfragmente aus der Kindheit nach dem Krieg vorüber, der selbst vor Lappland nicht Halt gemacht hat. Wo einst Soldaten aufmarschierten, wurde die Idylle zum Schauplatz maskuliner Eroberung. „Der Wanderer: als Krieger […]. Eine männliche Philosophie des Wanderns“ tritt neben eine weibliche, wie sie Sigrid Damm entwickelt. Diese beruht hingegen – im durchaus nicht ganz unkritisch zu sehenden essenzialistischen Sinne – auf einer weiblichen Zurücknahme, auf einer achtsamen Beobachtung, auf Respekt insbesondere gegenüber den Samen, dem letzten und verdrängten indigenen Volk Nordeuropas.

Dabei begegnet uns jene Sigrid Damm, wie wir sie kennen und schätzen. Als Literaturwissenschaftlerin weiß sie stets Zitate, beispielsweise von Franz Fühmann oder Carl von Linné, von Goethe als einem ihrer Hausheiligen einzufügen. Als promovierte Germanistin wirkte sie mit gefeierten Studien über die Weimarer Klassik und erlangte durch Lehrtätigkeiten an internationalen Hochschulen auch außerhalb der DDR ein breites Renommee. Was sie ihr Leben lang begleitet, ist das Schreiben, das unendliche Vordringen in die Windungen des Ich und – damit verbunden – die Suche nach den geheimen Orten abseits des gemeinen Trubels.

Lässt ihre Wanderschrift nun an ihr frühes Werk „Diese Einsamkeit ohne Überfluß“ (1995) anknüpfen, so vernimmt man in ihrem zentralen Sujet, der Einsamkeit oder dem „Alleinsein als Kostbarkeit“, nicht nur einen meditativen Sound. Nein, der Text speist sich ebenso aus einem antiurbanen und fortschrittskritischen Dispositiv heraus. Die Großstadt mit ihrem Lärm dient genauso als Abgrenzungsfolie wie das Reich der Bildschirme. Gerade Damms Sohn, der zweite Ich-Erzähler und Computergrafiker, arbeitet sich an der zunehmenden Derealisierung durch die neuen Medien ab. Die allgegenwärtige Simulation, so die Argumentation, trägt dazu bei, dass die konstruierte Wirklichkeit längst die echte ersetzt hat. Jenseits klassischer Stimmen aus der Literatur kommt somit, wenn auch nicht namentlich erwähnt, der französische Kulturtheoretiker Jean Baudrillard zu Wort. Die virtuellen Topografien, die seiner Auffassung nach die spätmoderne Welt gänzlich überlagerten, sie geben in Damms Lappland die wohl letzten freien Zonen des Authentischen preis.

Dass wir sie so anschaulich entdecken können, verdanken wir einer virtuosen Stilistik. Die Landschaft erstrahlt in sprachlicher Feinheit und Eleganz. Sätze wie „Im Schlaf löst sich der Ablauf der Stunden, die Ordnung der Jahre auf“ muten wie die ersten Schneeflocken eines Winters an. Sie legen sich als Ruheschleier über den erhitzten Asphalt. Dasselbe gilt für dieses Buch. Es ist ein Gestöber, das zärtlich unseren Geist einnimmt.

Sigrid Damm: Wandern – ein stiller Rausch. Suhrkamp, Berlin 2020. 189 Seiten, 12 Euro.