Das Silent Green in Berlin-Wedding.
Foto: Tomasz Kurianowicz

BerlinSelbst während einer Pandemie gibt es diese kleinen Momente des existentiellen Glücks, auf die man als Mensch nicht verzichten will. Zu einem ganz besonderen Glücksmoment ist es am Freitagabend im Silent Green gekommen, dem Veranstaltungsort in Wedding, wo der italienische Pianist Frederico Albanese aufgetreten ist. Dort haben sich die Veranstalter nach einer längeren Pause ein neues Konzept überlegt, wie man in Zeiten von Hygienemaßnahmen und Abstandsregeln auf das Live-Konzerterlebnis nicht verzichten muss. So viel kann man jetzt sagen: Die Rechnung ist voll aufgegangen.

Es war der Auftakt zu den sogenannten Picknickkonzerten. Schon beim Reingehen nimmt man eine Veränderung auf dem Rasenplatz vor dem alten Krematorium wahr: Die große Grasfläche ist mit weißen Kreidestreifen in Parzellen markiert. Jeder Besucher muss am Eingang seinen Namen eintragen, bekommt Kopfhörer und ein veganes Picknickpaket des Restaurants Mars in die Hand gedrückt. Anschließend sucht man sich eine Parzelle aus, wo man sich mit seinem Deckchen ausbreiten darf. Die weißen Kreidelinien auf dem Gras sichern den Abstand zur nächsten Zuhörergruppe. Vor oder während des Konzerts darf man essen, sich einen Apérol-Spritz, einen Wein oder ein Bier gönnen, unter dem Himmel liegend die vorbeiziehenden Vögel beobachten und ausgestreckt so tun, als wäre alles ganz normal, als wäre die Welt wieder schwerelos in Ordnung. Mit einem Unterschied: dem Abstand, den Masken, den Kopfhörern.

Frederico Albanese spielt das Lied Disclosed.

Quelle: YouTube

So erträgt man jede Pandemie

Was es mit den Kopfhörern auf sich hat, klärt sich auf, als Federico Albanese die grün beleuchtete Bühne auf der Rasenfläche betritt. Weil die Nachbarn nicht zu viel mitbekommen sollen, haben sich die Veranstalter für die Kopfhörer-Lösung entschieden. Und es funktioniert! Niemand hört mit, nur die Silent-Green-Besucher. Als der Italiener Federico Albanese die ersten Töne spielt, merkt man sofort, was für einen Sog seine minimalistische, melancholische Klaviermusik ausübt. Das liegt nicht nur an der verträumten Architektur seiner langen Instrumentalketten, sondern auch an den Kopfhörern, die den Zuhörer schalldicht in einen Zustand ungeahnter Konzentration versetzen. Man ist präsent und doch in sich gekehrt; anwesend und doch entrückt-isoliert.

Die Musik passt dazu: Sie ist leicht, schwerelos, nachdenklich. Federico Albanese scherzt sogar, dass es eigentlich Herbstmusik sei. Er habe gar keine gute Sommerkleidung für Konzerte, daher habe er sich viel zu dick angezogen. Seine Stücke erinnern an Philipp Glass und verbinden den Einsatz elektronischer Loops mit einfachen, klassischen Klavierläufen. Man denkt an Filmmusik und malt sich Bilder im Kopf, während die Sonne langsam untergeht, ohne dass die Hitze abnehmen würde. Albanese verdoppelt seine Klänge mit dem Synthesizer, träumt sich in andere Sphären hinein, schwitzt bei sommerlichen 30 Grad auf die Tasten, während die Zuhörer auf der Rasenfläche in ein Paralleluniversum entschwinden. Ach, was hat man solche Momente doch vermisst! Auch Federico Albanese genießt den Augenblick und spielt seine nächsten Zugaben, als wäre er aus einem langen Koma erwacht. Für die Psyche sind solche Kulturabende systemrelevant. So erträgt man auch die schlimmste Pandemie.

silent green Kulturquartier, Gerichtstraße 35, 13347 Berlin. Die nächsten Picknickkonzerte finden an folgenden Tagen statt: 8. August mit Lambert und 14. August mit Fortuna Ehrenfeld.