Vergangene Zeiten: die Silly Musiker Uwe Hassbecker, Jäcki Reznicek, Ritchie Barton (v.l.) mit Anna Loos.
Universal Music/Jonny Soares

BerlinDas Silly-Porträt im Spiegel aus dem Jahr 2010 ging über fünf Seiten, und die Schlagzeile hieß: „Die erste deutsche Band“. Donnerwetter, das war mal eine steile These. Silly sollte demnach ein gesamtdeutsches Produkt werden, dabei die Puhdys, Karat, City, Pankow und all die anderen alten Bands im Osten zurücklassen. Zum Aufbruch, fein und spitz beobachtet von Jochen Martin Gutsch, gehörte damals die Sängerin und Schauspielerin Anna Loos als neuer Motor. Sie kam 2006 zur Band, zehn Jahre nach dem frühen Tod der Silly-Legende Tamara Danz, das erste von drei gemeinsamen Alben hieß „Alles Rot“. Eine schöne Platte, 380.000 Mal verkauft und mit Platin dekoriert. Silly sah man fortan überall, sie spielten in einem ZDF-Krimi, traten in Talkshows auf, wurden Gegenstand einer Doku, zeigten nicht nur musikalisch Präsenz.

Im Dezember 2018 trennten sich Silly und Anna Loos. Ein Knall, der leise bebte, aber bis heute grob nachhallt. In wenigen Wochen beginnt die nächste Silly-Tournee mit den Gast-Sängerinnen AnNa R. von Rosenstolz und Julia Neigel: „Zehn“ – zehn Städte, zehn Alben, zehn Konzerte. Sie umfasst die gesamte Band-Biografie von der ersten bis zur letzten Platte. Aber acht Tournee-Städte liegen im Osten. Sind sie doch eine Ost-Band geblieben? Oder wieder geworden?

„Anna war plötzlich ihr Solo-Album wichtiger. Kein Kompromiss, keine Einigung möglich“

Uwe Hassbecker, Silly

Wir sitzen in der herrlichen Wohnung von Uwe Hassbecker mit den großen Fenstern zum Französischen Dom am Gendarmenmarkt, und am Küchentisch schaukelt der Gedanke ein bisschen von Tasse zu Tasse. Die Musiker Uwe Hassbecker, 58, und Ritchie Barton, 65, beide rank und schlank, wach und frisch, immer noch blond, sind an diesem Herbstmorgen in bester Stimmung und durch nichts zu verunsichern. Hassbecker sagt: „Ost-Tour? Weil nur Mainz und Hamburg dabei sind? Ja, aber das passierte durch die überstürzte Planung. Wir hatten weniger als ein Jahr Vorlauf, völlig unüblich in dem Geschäft. Wir nahmen die Konzerthallen, die unsere Tour-Manager vorschlugen und die passten. Wir wollten auch keine besonderen Risiken eingehen, immerhin wird es ein Neustart. Wir sind ja selbst die Veranstalter. So kamen diese zehn Städte zustande.“

Die Planung hat also mit der plötzlichen Trennung von Silly und Anna Loos im letzten Jahr zu tun. Kurz zuvor erhielt die Band eine Einladung zu MTV-Unplugged, zu dieser berühmten intimen Konzertreihe. Musikern gilt sie seit 30 Jahren als Ritterschlag. Dylan, Clapton, Springsteen, Nirvana waren am Anfang dabei, später Grönemeyer, Lindenberg, die Ärzte und die Fantastischen Vier. Die Silly-Musiker – alle überragend an ihren Instrumenten – jubelten. Hassbecker erzählt: „Wir wollten dieses Konzert unter allen Umständen. Aber Anna war plötzlich ihr Solo-Album wichtiger. Kein Kompromiss, keine Einigung möglich.“

„Wir gehen zusammen in keinen Probenraum mehr. Und da spreche ich für die ganze Band“

Ritchie Barton, Silly

Am Ende gab es kein Unplugged-Konzert, stattdessen eine Trennung für immer. Für immer? Warum dann zuerst diese bizarr steife Presseerklärung von Silly über eine Pause und verschiedene Bedürfnisse? Anna Loos erzählt bis heute, sie sei als Frontfrau sofort wieder zur Stelle, wenn es nur mal Ideen gäbe, wenn die Band bereit wäre, sich weiterzuentwickeln. Als Sängerin wolle sie allerdings keinesfalls das Bisherige „aufwärmen“.

Ritchie Barton: „Ja ja, wir haben das auch alles gelesen! Sie stellt uns hin wie die alten Säcke, die nicht aus dem Knick kommen. Schon unverschämt. Aber anfangs wollten wir keine Schlammschlacht in den Medien. Die war zu befürchten, wenn wir gleich verkündet hätten: Aus und vorbei. Heute sage ich – mit Anna gibt es keine Zukunft. Wir gehen zusammen in keinen Probenraum mehr. Und da spreche ich für die ganze Band.“ Hassbecker nickt unbewegt.

„Die Bekanntheit von Anna hat uns Türen geöffnet“

Uwe Hassbecker, Silly

Die Konzerte von Silly sind lange ausverkauft, jedenfalls die im Osten. Ist sie denn obsolet, die Idee von der „ersten deutschen Band“? Uwe Hassbecker: „Also ehrlich, die große Aufmerksamkeit am Anfang war schon toll! Klar wollten wir auch im Westen spielen. Die Bekanntheit von Anna hat uns Türen geöffnet. Wir haben voneinander profitiert, tolle Alben gemacht, sind miteinander gewachsen. Und wir hatten volle Konzerthallen, letztlich mehr Zuschauer als früher – 8.000 allein in der Zitadelle Spandau.“ Barton: „Kritiker monieren, dass das letzte Album zu glatt klingt, zu poppig. Vielleicht. Andererseits haben uns gerade jüngere Hörer damit zum ersten Mal wahrgenommen. Nicht zu vergessen: Wenn man nur im Osten „Zigtausend Platten verkauft, gilt das als regional und zählt nicht für die Charts. So sind die Regularien. Aber wir schafften es mit ,Alles Rot‘ auf Platz zwei.“

Anna Loos, Frau des Schauspielers Jan Josef Liefers, erwies sich anfangs als überraschend zauberhafte Sängerin. Unangestrengt, stimmsicher, dabei sympathisch zurückhaltend – alles passte. Später trat sie vor allem vordergründig auf. Manchmal, als wäre Silly ihre Begleitband. Doch nie drang ein Krach nach außen, höchstens leise Knirsch-Geräusche. Beim Album „Wutfänger“ 2016 schmetterte Anna Loos die Text-Angebote von Werner Karma ab. Der angesehene Dichter hatte mit genialen Texten den frühen Silly-Ruhm mitbegründet und war später mühsam zurück zur Band geholt worden. Zuletzt markierte Anna Loos einige Zeilen in seinen Texten. Karma dachte, diese Stellen würde sie beanstanden. Doch nein, es waren die einzigen, die Anna Loos interessant fand, erzählte Karma später. Sie schrieb dann eigene Texte – und so klingen sie auch.

Anna Loos: Die Silly-Sängerin mit dem klirrenden Ego

Wie ist sie denn so, die Sängerin? Nun, sie ist kraftvoll, entschlossen, ehrlich, leidenschaftlich, verträumt, sinnlich, zerbrechlich, melancholisch, authentisch und – ein Kraftwerk. Diese Göttinnen-gleichen Eigenschaften schreibt ihr nicht ein ergebener Bewunderer zu, so sieht sich Anna Loos selbst. Steht auf ihrer Website. Irgendwann harmonieren sie offenbar nicht mehr, die Sängerin mit dem klirrenden Ego und die Silly-Musiker mit der entspannten Lässigkeit. Kein Drama.

Nach Drama klingen allenfalls Schlagzeilen wie die: Zerbricht jetzt Silly? Ach, zerbrechen. Wie sollte das aussehen bei dieser 40 Jahre alten Band? Von den Gründern ist keiner mehr dabei, aber das heutige Kern-Trio Ritchie Barton (Keyboard), Uwe Hassbecker (Gitarre) und Jäckie Reznicek (Bass) bestimmt den Sound seit den Achtzigern. Die Band muss sich für unkaputtbar halten, so viel hat sie zusammen erlebt.

Gehen wir zurück in den September 1989. Tamara Danz erzählte mir in dieser Wohnung, dass Silly gerade eine Resolution mit verfassten. Darin benannten Rockbands und Liedermacher die Zustände in der DDR, forderten Meinungsfreiheit und die Anerkennung des Neuen Forums. Abends in den Konzerten trug die Sängerin die Resolution ihrem Publikum vor. Es war klar, dass kein Wort davon in der damals staatstragenden Berliner Zeitung stehen würde.

„Unter den Musikern herrschte Einigkeit, dass es so nicht weiter gehen konnte“

Uwe Hassbecker, Silly

Künstler zeigten den größten Mut zum Widerstand, nicht erst, als sie die Demonstration auf dem Alexanderplatz am 4. November organisieren, auch vorher, als der Ausgang der sich anbahnenden Revolution noch unabsehbar war. Hassbecker erinnert sich: „Es war unerträglich geworden, selbst wenn man wie wir gerade in West-Berlin eine Platte aufnehmen konnte, darum die Resolution. Aber wir waren auch geschützt durch unsere Popularität, unser Publikum. Unter den Musikern herrschte Einigkeit, dass es so nicht weiter gehen konnte.“

Die Silly-Platte „Februar“ von 1989 lieferte dabei den Soundtrack zu einer Gesellschaft in Agonie und Resignation, als den rasanten Untergang des Landes noch keiner auf dem Schirm hatte.

Man fragte sich, wer denn solche Titel erlaubt hatte – über ein „Gespenst in der Mitropa“, den Untergang eines Schiffes, eine Selbstmörderin, erfroren zwischen den Menschen, und über „Verlorene Kinder“: „Die verlornen Kinder / in den Straßen von Berlin / In die warmen Länder / würden sie so gerne fliehn“. Lauter verbotene Vokabeln – Sehnsucht, Flucht, Erfrieren, Untergang. Durfte es alles nicht geben in der DDR. Einige Zeitungen entblödeten sich nicht zu poltern, dass diese Kinder doch klarer hätten verortet werden müssen – in Kreuzberg nämlich. Als gäbe es da etwas misszuverstehen.

Silly erlebte einen Karriereknick, brachte vier Jahre keine Platte heraus

Solche Metaphern bestimmten den Stellenwert, der Texten im Osten zukam. Uwe Hassbecker: „Wir sahen die Kinder natürlich in Marzahn vor uns. Die Platte entstand in Kooperation mit BMG Ariola. Eher durch diverse Zufälle ging sie letztlich völlig an der Zensur vorbei. Als sich die Amiga-Chefs auf die Texte stürzten, war die Platte im Westen schon gepresst.“

Nach dem Mauerfall wollte dann erst mal kein Mensch mehr Trabant fahren oder die alten Bands hören. Auch Silly erlebte einen Karriereknick, brachte vier Jahre keine Platte heraus. Als sie 1996 mit „Paradies“ wieder durchstarten wollten, starb ihre Sängerin an Krebs, 43, jung und schön, mitten im Leben. Der Mythos um sie begann sofort zu wachsen. Die erschütterten Musiker ließen Silly zehn Jahre ruhen. Reznicek wurde Dozent an der Musikhochschule Dresden, Hassbecker und Barton betrieben ihr Danzmusik Studio, hinterließen Kompositionen bei zahllosen Bands, Musik- und Filmprojekten.

„Insgesamt sind 60 Titel einzustudieren, eine völlig unterschätzte Arbeit, auf die wir uns da eingelassen haben“

Uwe Hassbecker, Silly

Das Erstaunliche aber war nicht die lange Ruhezeit, sondern dass Barton und Hassbecker es überhaupt so lange miteinander aushielten. Dass sie Freunde blieben und nie mit Dolchen aufeinander losgingen. Barton nämlich verlor zwei Mal eine geliebte Frau an seinen Freund, erst Tamara, dann Uta. Als die Musiker Silly wieder zum Leben erweckten, sagte Hassbecker: „Aber ich habe ihm nichts weggenommen, beide sind keine Frauen, die man jemandem ausspannen könnte. Ritchies Beziehungen waren zweimal einfach am Ende.“ Und Ritchie überlegte: „Vielleicht hat er nicht ganz Unrecht. Schlimm war es trotzdem.“ Barton gilt als der Tolerante und Sensible, Hassbecker als der Ehrgeizige und Pragmatische. Umgekehrt hätte der Tausch nicht geklappt. Aber schließlich nistete sich Beständigkeit ein in ihren Beziehungen, beide bekamen 2006 Töchter, die heute dasselbe Musik-Gymnasium besuchen.

Und hier am Küchentisch herrscht tiefes Einvernehmen über die nächste Tournee. Darüber, dass Silly in Konzerten wieder größeren Wert legen will auf die Vergangenheit, die zuletzt vernachlässigt wurde. Schon vor Wochen begannen die Proben, denn in jedem Konzert steht ein anderes Album im Mittelpunkt, von „Tanzt keiner Boogie“ bis „Wutfänger“. Hassbecker: „Insgesamt sind 60 Titel einzustudieren, eine völlig unterschätzte Arbeit, auf die wir uns da eingelassen haben. Denn wir wollen auch mit den neuen Instrumenten den alten Ton treffen.“

Silly - eine Band mit Kulturgeschichte

Der alte Ton, die vertrauten Texte. Einer der ersten West-Manager hatte sich mit Silly-Musik eingeschlossen und war danach sicher, einen Schatz entdeckt zu haben – eine Band mit Kulturgeschichte. Sicher, nicht umsonst liebt jeder, der Silly wirklich kennt, die Wucht dieses flirrenden Kunstrocks, die sinfonisch ausladenden Melodiebögen und kapriziösen Crescendi von Geigen und Gitarren, die man gleich wiedererkennt.

Im vergangenen Sommer präsentierte RadioEins die Top 100 der Ost-Musik und staunte über die irre Resonanz. Jetzt erscheint eine CD-Box mit allen Songs. Unter den ersten zehn Titeln behaupten sich je einer von City, Pankow, Karat – und drei von Silly. Was für ein Geschenk, dass vier Jahrzehnte nach Gründung der Band auf die Anhänglichkeit und Erinnerungskraft einer ewigen Fangemeinde Verlass ist.

Die Klasse von Musik bemisst sich schließlich nicht danach, ob man sie auch im Westen kennt. Eine deutsche Band bleibt Silly allemal.