Wir sind mitten im Dry January, viele verzichten auf Alkohol. Gut! Die Leber ist langsam entfettet, neue Routinen der Abendgestaltung sind etabliert, Schlafqualität und Herzkreislauf haben sich verbessert und mithin Laune, Wohlergehen und sexuelle Leistungsfähigkeit. Aber der Humor. Der scheint mit dem Blutdruck zu sinken.

Mag inzwischen auch jeglicher gesundheitliche Vorteil, den der Genuss auch nur geringer Mengen von Alkohol haben sollte, widerlegt sein, so verdanken wir dem Rausch doch kulturelle und geistige Hervorbringungen, die uns vielleicht überhaupt erst Menschen werden ließen. Und das Schöne ist, auf diese muss man auch im Dry January nicht verzichten.

Nehmen wir zum Beispiel das Werk des entenköpfigen Sängers Ingo ohne Flamingo, welches ursprünglich auf Mallorca gesungen wurde und dann auf allen feuchten Partys Verbreitung fand. Hier ein Ausschnitt aus dem Refrain: „Saufen, morgens, mittags, abends, ich will saufen ... Der Hahn muss laufen ... Hauptsache Alkohol! ... Saufen, morgens, mittags, abends ich will saufen.“ etc. Der bestechend klare Text ist in der dazugehörigen, auch bei 2,8 Promille noch kantablen, also mitlall- und -grölbaren Musik bestens aufgehoben. Was will man mehr?

Dem Komponist Simon Mack ist es nun gelungen, dem Text mit Mitteln des klassischen Formsatzes transzendente und seelische Dimensionen abzugewinnen, indem er den Text als Kammerkantate à la Bach vertonte. Es gibt eine hinreißende, auf YouTube zugängliche Aufnahme mit dem Tenor Magnus Dietrich, der gut geföhnt und mit dem Blick eines Poeten von seinem Begehr kündet, und Anna Gebhardt, die sich am Flügel mit tapferer Unverdrossenheit auf das Schmachten einschwingt.

Schön, wie der Hahn in schäumenden Springbrunnenkoloraturen „laufen“ muss oder wie sich die Silben von „Alkohol“ bewusstseinserweiternd ausdehnen. Und weit mehr als nur lustig ist es, wenn Dietrich bei der dritten Wiederholung der Zeile „Ich kann schon wieder laufen“ zarten Fußes in die Höhe steigt, mit gestalteter Unsicherheit zu entschweben scheint und, noch bevor er auf den Boden der Nüchternheit stürzt, die kaum wiedergewonnene Motorik zum schnellen Nachladen aufwendet. Was als Ballermannhit abspringt, landet als seelenkundige Elegie der Weltflucht, Einsamkeit und systematische Selbstzerstörung. Darauf ein Glas Buttermilch!