Joseph Haydn hat 104 Sinfonien geschrieben. Eine stolze Zahl, die ganz nebenbei auch Raum schafft für Experimente, die in der Literatur seiner Zeit, denkt man an Lawrence Sterne oder Jean Paul, möglich waren, in der Musik jedoch kaum: eine Selbstreflexion der Kunst, die das Musikmachen selbst, ja sogar das Musikhören zum Thema macht.

So bricht Haydn in seiner Nr. 60 das gerade losstürmende Prestissimo wieder ab, um die Geigen nachstimmen zu lassen. Da knirscht und kracht es an diesem Abend bei den Philharmonikern zum Erbarmen. In der berühmten Abschiedssinfonie verlassen die dienstmüden Musiker nacheinander das Podium, bis sich die Musik ermattend auf eine einsame Geige und Bratsche ausdünnt. Und in den letzten Satz der Nr. 90, einen wirbelnden Rausschmeißer in C-Dur mit Pauken und Trompeten, hat Haydn zwei Klatschfallen eingebaut, die so unwiderstehlich sind, dass es beim Zuhören keinen Spaß machen würde, nicht an der falschen Stelle zu klatschen. Jedenfalls, wenn Simon Rattle und die Philharmoniker am Werk sind. Beim ersten Mal winkt er den Beifall lässig ab, beim zweiten Mal tut er einfach gar nichts und lässt das genarrte Publikum so lange klatschen, bis es selber merkt, dass es noch einmal losgehen soll.

Das Finale zum Finale

Nachdem die letzten Musiker, das Pultlicht ausknipsend, abgegangen sind, schlägt an diesem Abend in der Philharmonie die Stunde der Musikautomaten, verwandelt sich der Saal in einen Alptraumraum auf Schloss Esterhazy, wo durcheinander spielende Flötenuhren mit Haydns Musik auf Walzen das Regiment übernehmen. Aber natürlich geht dann noch einmal alles richtig los, als Finale zum Finale. Und nach der totalen Entfremdung weckt nun die totale Identifikation mit der Musik erst recht Glücksgefühle.

Dass solch ein fragwürdiges Werk, wie Rattles imaginäre Reise durch Haydns Musik solche Begeisterung auslösen konnte, musste überraschen. Oder auch nicht, wenn man im Vorhinein der Haydn-Liebe des Dirigenten vertraute. Das aus zehn Stücken zusammengestellte „Pasticcio“ bot nämlich weit mehr als eine beliebige Nummernfolge. Es variierte auf geistreiche Weise, mehrfach verschachtelt und potenziert, das Modell einer Sinfonie. Es zog durch Räume und Zeiten, durch die Zyklen des Tages und des Jahres, und es fand in seinen Clownerien zu Melancholie und zu Freude über das In-die-Welt-Setzen von Klang. Das funktionierte, weil das, was Rattle mit dieser Aufführung wollte, sich mit dem potenzierte, was in der ausgewählten Musik steckte. Dass sich Esko Laine am Kontrabass in der Abschiedssinfonie so vorbildlich abrackerte, gewann seine melancholische Komik erst als Erinnerung an das Basssolo im Trio der Sinfonie „Le Matin“.

Unter den Zuhörern fand sich in dieser zweiten Konzerthälfte auch die Pianistin Mitsuko Uchida. Gleichermaßen fesselnd hatte sie zuvor die elementar rituelle Rhythmik von Olivier Messiaens „Oiseaux exotiques“ in den Raum gestemmt, wie die fein gesponnenen Phrasen von Mozarts Klavierkonzert KV 456 ausgesungen. Ein Abend von abgründiger Schönheit.