Berlin - Jedes Klischee nutzt sich irgendwann ab. Es tut noch Jahrhunderte brav seinen Dienst, reicht aber nicht mehr aus, um damit in die vorderste Linie der öffentlichen Aufmerksamkeit vorzustoßen. Robert Rodriguez will das nicht einsehen. Der Regisseur arbeitet wie ein Berserker gegen das Gesetz der Gewöhnung an. Er ist ein ästhetische Wiederkäuer. Sein vor neun Jahren wegen der sensationellen grafischen Effekte gefeiertes Werk „Sin City“ war die Verfilmung eines Comics, der von Filmen inspiriert war, die ihrerseits auf Romanen basierten.

Die hardboiled novels von Raymond Chandler, Dashiell Hammett und Mickey Spillane aus den 40er-Jahren des vergangenen Jahrhunderts gebaren die films noirs von John Huston oder Howard Hawks, die wiederum unzählige Nachkommen hatten, darunter eben jene Comicserie über die Sin City namens Basin von Frank Miller aus den Jahren 1991 bis ’92. Einzelne Episoden daraus werden nun zum zweiten Mal verfilmt, wieder von Rodriguez und wieder unter aktiver Mithilfe von Miller selbst. Es ist ein schier unendliches Verdauen, wobei im Unterschied zur wiederkäuenden Kuh das Endprodukt nicht weich wird, sondern immer härter, hardboiled eben, hartgekocht bis zur Unverdaulichkeit.

Noch eins drauf

Rodriguez’ Strategie lautet, der Abnutzung des Klischees entgegenzutreten durch Überbietung. Die Annahme, die Verwendung von Klischees hätte eine natürliche Grenze in der Glaubwürdigkeit, ist schon lange widerlegt. Miller und Rodriguez hingegen glauben, die Grenze liege im realistisch gerade noch Zeichenbaren.

Nehmen wir zum Beispiel Marvs Gesicht, einer der Hauptfiguren aus Sin City vom Schlage des ramponierten Helden. Seine Visage ist das Äußerste, was man sich unter dem Attribut „kantig“ vorstellen kann. Wenn es eine Hackfresse gibt, dann hat sie Marv. Mit seiner narbigen Haut, seiner Falkennase, seinem knolligen Kinn in einem Schädel groß wie ein Wandschrank markiert er die denkbar radikalste Ausführung dieses Typs. Ein Schritt weiter, und die Sache würde lächerlich.

Man kann natürlich sagen: Sie ist auch so schon lächerlich. Tatsache aber ist: Mit Marv, dem notorisch Verdatterten, der aus dem Suff so desorientiert aufwacht wie ein Gladiator, den es aus dem Kollosseum per Zeitmaschine in die verruchteste Stadt des 20. Jahrhunderts verschlagen hat, mit diesem Marv also kann man einigermaßen mitleiden, so zum Beispiel, wenn er von seinem roboterhaften Gegenspieler, einem schwarzen Hünen in Chauffeursuniform, noch mehr aus der Form geprügelt wird.

Dass unter Marvs Maske Mickey Rourke steckt, ist auch diesmal kaum zu erkennen. Die Schauspieler, darunter Stars wie Jessica Alba, Eva Green, Bruce Willis oder Josh Brolin spielten wieder vor dem Greenscreen, aus dem sie in den gezeichneten Hintergrund hineinkopiert wurden. Die Integration der Figuren in den animierten Film gelingt durch ein extrem hartes Schwarz-Weiß, das bisweilen in einem schroffen Scherenschnittkontrast geradezu explodiert. Das passt dann hübsch zu der forcierten Rohheit der Geschichten.