Sinéad O'Connor im Interview: Die Anti-Bono

In den frühen Neunzigerjahren war die irische Sängerin Sinéad O’Connor ein Weltstar, nicht zuletzt dank ihrer Coverversion des Prince-Songs „Nothing Compares 2 U“.

In der folgenden Zeit machte sie dann aber weniger mit Musik auf sich aufmerksam als vielmehr mit diversen Protestaktionen gegen die katholische Kirche und den dazugehörigen sexuellen Missbrauch; auch vollzog sie diverse spontane Eheschließungen und ließ sich zur Priesterin weihen.

Jetzt erscheint ihr erstes Album seit fünf Jahren, „How About I Be Me (And You Be You)“. Im April geht Sinéad O’Connor auf Deutschland-Tournee. Wir haben sie nach ihrem Londoner Bühnen-Comeback getroffen.

Auf dem Weg hierher ist mir im Aufzug eine Frau mit einer Nummer auf der Brust begegnet. Sie sah aus wie ein Häftling, stellte sich aber als Kandidatin in einer Fernseh-Talentshow heraus.

Ist ja auch dasselbe. Was mich an diesen Shows abstößt, sind immer die ersten paar Episoden, wo Leute auftreten, denen man ihre Todesangst ansieht. Manchmal können die Juroren so unglaublich respektlos zu diesen Kandidaten sein. Zum Beispiel Gary Barlow, der jetzt bei X-Factor juriert, der behandelt die Leute wie ein Stück Scheiße.

Sie bringen selbst in Irland jungen Mädchen das Singen bei.

Ja, und ich käme nicht im Traum auf die Idee, irgendetwas zu sagen, das sie entmutigt. Außerdem gefällt mir die Verehrung von Berühmtheit um ihrer selbst willen nicht. Die Jurys bei diesen Shows bestehen aus Berühmtheiten, die selbst öffentlich zusammenbrechen, weinen und über ihre verdammten Mütter reden, so als wären sie bei der Therapie. Wenn ich selbst eine Kandidatin bei einer dieser Shows wäre, würde ich mir diese Leute ansehen und mich fragen, ob es das wirklich ist, was ich von meinem Leben will.

Ich sage immer zu meinen Kindern und zu den Mädchen, die ich unterrichte: Es gibt nur einen einzigen guten Grund zu singen, nämlich dass man durchdrehen würde, wenn man’s nicht tut.

Gucken Sie sich diese Shows denn überhaupt an?

Ich gestehe Ihnen jetzt was: Eine meiner Lieblingssängerinnen aller Zeiten ist Susan Boyle. Ich liebe ihre Geschichte, liebe ihre Stimme. Nach all dem, was ich über diese Shows gesagt habe, muss ich zugeben, dass ich sonst nie von ihr gehört hätte.

In ihrem neuen Song „V.I.P.“ nehmen Sie MTV und die Bling-Kultur auf die Schippe. Aber haben Sie Ihre Berühmtheit nicht selber MTV zu verdanken?

Ja, aber MTV war schon damals, in den Neunzigerjahren, ein problematischer Fall. Die Leute, die für den Sender verantwortlich waren, sind alle Rassisten gewesen. Deswegen hat Michael Jackson sich auch für MTV zum Weißen gemacht, darüber sollte es keinen Zweifel geben.

Aber dass HipHop und schwarze Musik im Allgemeinen in den Neunzigern so populär geworden sind, haben wir doch wesentlich MTV zu verdanken.

Keine Frage, MTV war schon während der Anfänge des Rap zur Stelle, das war fantastisch. Dann jedoch haben die Mächte im Hintergrund den Rap in Beschlag genommen. Ich bin in dieser Hinsicht eine Verschwörungstheoretikerin, so wie es auch Curtis Mayfield war. Er hat ja gesagt, dass die Drogen in den 70ern absichtlich in der schwarzen Community verbreitet wurden, um ihre Widerstandskraft zu zerstören. Und ich glaube ihm das!

Auf dieselbe Art wurden in den 90er-Jahren beschissene weiße Typen wie Vanilla Ice in den HipHop eingeschleust. Plötzlich wurden Rapper gepusht, die nicht mehr zu sagen hatten als: Ich bin besser als du, ich werde dich zu Brei schlagen, du bist ein Mädchen, also lutsch meinen Schwanz, ich werde so viel Geld und so viele Pistolen haben. Man muss sich ja nur ansehen, wem damals diese Plattenfirmen gehörten: Waffenhändlern und Whiskey-Produzenten wie Seagram, und dieselben Leute standen auch hinter MTV.

Sie hatten kein Interesse an spirituellen Inhalten, nur an materiellen Gütern. Wir Künstler waren alle miteinander zu mächtig geworden, und die wahren Mächte im Hintergrund beschlossen, alles zu verblöden und zu verwässern. Mit mir machten sie dasselbe. Sie ersetzten mich durch die Cranberries. Die hatten den Sound, aber sie sagten einen Dreck.