BerlinDie Fuge „Libera me“ für vier Stimmen zum Ende des Verdi-Requiems dauert knapp sechs Minuten, es geht um Leben und Tod. Die Angst vor dem Jüngsten Gericht soll schon hörbar werden, aber bitte, ohne das hohe Fis da oben im Alt so angestrengt knattern zu lassen. Also: Leichtigkeit, schwebende Töne, Crescendo nicht vergessen! Mein Chor studiosi cantandi Berlin hat diese Fuge wohl hundert Mal geprobt, vom unsicheren Gestolper bis zum geschmeidigen Durchsingen, er beherrscht sie jetzt.

Als würde es nicht reichen, wenn ein Laienchor in Corona-Zeiten eine 70-Minuten-Messe in Latein bis zur Aufführungsreife bringt, soll das Publikum im Konzert jetzt auch noch mit einem Multi-Video über das Üben der Fuge beglückt werden. Dafür soll nun jeder allein zu Haus den Schlusssatz einsingen und mit dem Handy in Bild und Ton aufnehmen. Ein Solo also – weit tückischer als vermutet. Es fördert jeden vernuschelten Konsonanten zutage, jedes falsche Atmen und eine Stimme, die bei mir klingt wie ein bröselnder Radiergummi. Hilfe, wenn das einer hört, bist du draußen, denke ich beim 13. Versuch. Also noch einmal.

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