Berlin - Das Prachtexemplar des politischen Skandals in Deutschland fand am im Februar 2008 nach kontroverser Debatte im Braunschweiger Stadtrat mit der Verleihung einer Ehrenbürgerschaft seine verdiente Würdigung.

Geehrt wurde das ehemalige Mitglied der Aufsichtsräte der Volkswagen AG, der Norddeutschen Landesbank, der Öffentlichen Versicherung Braunschweig, der Stahlwerke Peine-Salzgitter, der Stadtwerke Braunschweig, der Niedersächsischen Verfrachtungsgesellschaft, der Braunschweigischen Kohlenbergwerke, des Beirates der Salzgitter AG, der Ehrenpräsident und ehemalige Präsident des Fußballvereins Eintracht Braunschweig, der langjährige Landtagsabgeordnete, frühere Innenminister und ehemalige Ministerpräsident des Landes Niedersachsen: Gerhard Glogowski (SPD).

Schon wenige Monate nach Beginn seiner Landesvaterschaft war allerdings ihr Ende dramatisch in Sichtweite gekommen, nachdem immer mehr Informationen über die zurückhaltende Zahlungsbereitschaft Glogowskis in die Öffentlichkeit gelangt waren.

Eine Ersparnis von 2000 Mark

Dank der Großzügigkeit zweier lokaler Brauereien und eines Kaffeerösters war es Glogowski, der mit einem Jahresgehalt von 300.000 Mark (ca.150.000 Euro) auskommen musste, gelungen, die Kosten seiner Hochzeitsfeier um immerhin 2000 Mark zu drücken.

Fast wäre ihm ein ähnlicher Erfolg auch bei den Ausgaben für seine Hochzeitsreise nach Ägypten beschieden gewesen, wäre nicht bekannt geworden, dass der in Hannover ansässige Reiseveranstalter im Prinzip die Bezahlung der Flugkosten in Höhe von 1.654 Mark beanspruchen könnte.

Die Nachrichten über die private Sparpolitik des niedersächsischen Ministerpräsidenten hatten sich innerhalb nur weniger Monate derart gehäuft, dass sein Vorgänger – der damalige Bundeskanzler Gerhard Schröder (SPD) – ihn zum Rücktritt gedrängt und Sigmar Gabriel als Nachfolger empfohlen hatte, einen vertrauten Genossen Glogowskis und wie dieser Mitglied des SPD-Bezirks Braunschweig.

Bescheidene Täter

Kritiker hatten Glogowski schon in seiner achtjährigen Amtszeit als Innenminister vorgehalten, er habe – neben seiner eigenen Person – vor allem die Interessen der Stadt Braunschweig im Blick.

Tatsächlich war es Glogowski gelungen, die von ihm beaufsichtigten Volkswagen AG und Norddeutsche Landesbank zu einer großzügigen Beteiligung an den Investitionskosten für die neue Veranstaltungshalle am Europaplatz in Braunschweig zu bewegen, eine Leistung, die – wenn auch erst viele Jahre später und nicht ohne Widerspruch der Opposition – mit der Verleihung der Ehrenbürgerschaft der Stadt am 11. Februar 2008 gewürdigt wurde.

Eine Soziologie des politischen Skandals in Deutschland ist noch nicht geschrieben worden. Das ist erstaunlich. Eine fundierte sozial- und kulturwissenschaftliche Einführung in die Skandalforschung dürfte einem engagierten Doktoranden kaum schwerfallen, sofern er die Tageszeitung liest, über ein gutes Gedächtnis verfügt und über die Bereitschaft, der Langeweile unbedingt zu widerstehen.

Denn die Langeweile, die sich selbst bei nur oberflächlicher Beschäftigung mit diesem Thema einstellt, wäre bereits der erste wichtige Befund der Studie. Sie entsteht durch den Vergleich der politischen Skandale, genauer durch die unausweichliche Erkenntnis, dass fast alle Skandale der deutschen Politik – von wenigen originellen Ausnahmen abgesehen – bis in die Einzelheiten ihres Ursprungs, der Motive ihrer Urheber und der Bedeutung und Schwere der skandalisierten Taten einem gemeinsamen Muster folgen.

Großzügigkeit ist hierzulande kaum anzutreffen

Zu den Eigenheiten gehören die verblüffende Bescheidenheit der Täter und der geringe Wert ihrer Beute. Die glamouröse Großzügigkeit, mit der führende Politiker anderer europäischer Staaten – es genügt ein Blick nach Frankreich, Italien oder Griechenland – sich selbst und ihren Freunden und Verwandten bedenkenlos die Taschen füllen, ist hierzulande kaum je anzutreffen.

Das Verhalten, das die zur rechtlich fragwürdigen Aufbesserung ihrer persönlichen Vermögensverhältnisse entschlossenen Politiker in Deutschland an den Tag legen, erinnert eher an das verdruckste Lügen eines Versicherungsbetrügers, an den verlegenen Blick des protestantischen Kirchgängers , der sich an der sonntäglichen Kollekte vergreift, und an die hämische Schadenfreude, mit der ein Gast die Kellnerin um ihr Trinkgeld behumst.

Der Skandal kommt kleinbürgerlich und verschwitzt daher

Entsprechend kommt als Tatort des politischen Skandals in Deutschland eine luxuriöse Villa nicht in Betracht, schon gar nicht ein Schloss oder eine exotische Insel. Sein natürliches Biotop ist das unscheinbare Reihenhaus in Berlin, Bonn, München und Magdeburg oder ein verklinkerter Einfamilienbunker mit Krüppelwalmdach in Großburgwedel nordöstlich von Hannover.

Der politische Skandal in Deutschland hat nichts vom großen Coup mit fein gesponnenen Intrigen in dunklen Limousinen und finsteren Verbindungen ins Ausland, nichts vom gemeinen Verbrechen, das nicht nur Entsetzen verbreitet, sondern sogar Bewunderung erregt. Er kommt so gewöhnlich, so kleinbürgerlich und verschwitzt daher wie eine sepiafarbene Karikatur des Spießers.