Es wäre eine Mär, den Berliner Bildhauer Michael Beutler in dieser verstörenden Zeit massenhafter Flucht und Vertreibung als vorausschauenden Erbauer einer Asylunterkunft zu bezeichnen. Trotzdem hat seine schon im Frühling aufgestellte Haus-Installation am Rosa-Luxemburg-Platz etwas von Zuflucht.

Die Skulptur, die der aus Oldenburg stammende Wahlberliner, unterstützt vom Verein Kunst am Rosa-Luxemburg-Platz e.V. nahe der Volksbühne aufbaute, gleicht tatsächlich einem fragilen Schutzdach. Freilich sind die pavillonartigen Hütten nach vielen Seiten offen. Dennoch liegen da jetzt bei Tag und bei Nacht, in ein paar Planen und Decken gehüllte junge Männer: Obdachlose, Flüchtlinge, durchs Lageso-Raster gerutscht, dort weggelaufen, vielleicht auch überhaupt nicht erfasst und ziellos gestrandet.

Ein Schutz vor dem Regen

Während die einen sich schlafend stellen, gibt einer, ein Afrikaner, leidlich Auskunft, Englisch, ein paar Brocken nur, die man sich zusammenpuzzeln muss: Leute hätten Decken gebracht, Tee und Essen. Ja, es ist kalt, aber wenigstens ist es ein Schutz vor dem Regen der letzten Tage, vor dem feuchten Laub. Ein paar Stunden ausruhen, dann geht es weiter. Bloß wohin?

Der Bildhauer Beutler, geboren 1976, hatte den Pavillon – gleich nach seiner großen Schau „Moby Dick“ im Hamburger Bahnhof, benannt nach dem weißen Wal, der im Roman von Herman Melville seinen paranoiden Jäger Ahab in die Meerestiefe reißt, aufgestellt. Wie sehr dieses Stadtmobilar nun einen grotesk-humanen Zweck erfüllen würde, konnte der Künstler wohl kaum ahnen.

Aus dem Material, aus dem er fürs Museum den Killerwal Moby Dick formte, entstand quasi jener biblische Walfisch, der den Propheten Jona verschlungen hatte, der in dem Bauch betete und nach drei Tagen und drei Nächten wieder an Land ausgespien wurde.

In diesem nicht eben wirtlichen „Bauch“ schlafen nun Flüchtlinge. Auf einmal fragt diese Stadt-Skulptur als Notquartier nach Potenzial, Sinn, Zweck von Kunst und nach den Folgen von Krieg und Gewalt. Beutler wollte mit seiner Kunst immer auch „Reaktion auf Raum, Zeit – und die Bedingungen eines Ortes“. Jetzt hat er diese Reaktionen – wenn auch ganz anders, als gedacht.