In seinem großen Essay „Die Verklärung des Gewöhnlichen“ (Suhrkamp Verlag) interpretiert der amerikanische Philosoph Arthur C. Danto ein und dasselbe fiktive Kunstwerk auf fünf verschiedene Arten. Ändert sich der Titel oder der Bezugsrahmen, in dem es erscheint, so ändert sich auch dessen Bedeutung. Kein Kunstwerk, so legt Danto nahe, steht für sich allein. Ohne Kontext keine Kunst.

Auf eindrucksvolle Weise wurde diese theoretische Annahme gerade auf der Wiesbaden Biennale bestätigt, wo eine übergroße, goldfarbene Statue des türkischen Ministerpräsidenten Recep Tayyip Erdogan die Gemüter erhitzte. Das monumentale Stück zeigt Erdogan mit erhobenem Arm und Zeigefinger. Je nach Lesart konnte man das als Drohung, gar als Bedrohung verstehen. Oder zeigte die Skulptur bloß jemanden, der weiß, wo es langgeht?

Wie auch immer: Anhänger und Gegner Erdogans lieferten sich derart erregte Wortgefechte, die Schlimmeres erahnen ließen, so dass die Wiesbadener Polizei das auf dem Platz der Deutschen Einheit im Zentrum der hessischen Landeshauptstadt platzierte Monument am Dienstagabend unter Verweis auf Sicherheitsaspekte wieder abbaute. Dieses Vorgehen, so teilte die Stadt Wiesbaden mit, deckte sich mit dem Ergebnis der Magistratsberatungen am Vormittag. Man befürchtete eine Eskalation der Situation. Erdogan war irgendwie aus dem Kunstrahmen gefallen. Am Abend meldete die Polizei Westhessen via Twitter, dass der Einsatz aus ihrer Sicht friedlich verlaufen sei. Gegen 22.45 Uhr war der Vorgang für die Polizei abgeschlossen.

Selfies mit Erdogan

Unklar blieben indes die Debattenverläufe, die sich zuvor an der ca. vier Meter hohe Skulptur entzündeten. Sie war mit Eiern beworfen, außerdem war der Schriftzug „Fuck You“ aufgetragen worden. Das lässt den Gedanken zu, dass die aufbrandenden Proteste auch entstanden, weil Erdogan-Gegner eine unangemessene Verehrung des Autokraten kritisierten. Möglich ist aber auch, dass die Erdogan-Anhänger witterten, dass die Skulptur in dieser Umgebung wohl eher zu dem Zweck platziert worden war, den türkischen Präsidenten lächerlich zu machen. Das sahen indes nicht alle so. Manch ein Passant nutzte die Gelegenheit, seine Kinder davor zu postieren und mit dem Handy ein Foto zu machen.

Aber wie und warum kam die Skulptur überhaupt dorthin? Der Wiesbadener Koloss ist das Replikat eines Werks des Künstlers Nuh Açn, das dieser im Auftrag einer türkischen Gemeinde angefertigt hatte. Als sie fertig war, verweigerte die Gemeinde die Annahme und Açn blieb auf dem guten Stück zunächst sitzen. Später stellte er es an den Straßenrand. Folgt man der Theorie Arthur C. Dantos, wird aus dem derart abgestellten Erdogan gleich wieder ein ganz anderes Kunstwerk.