Slavoj Zizek: Ob Russland, China oder Europa, die Debattenkultur wird barbarischer

In China wird ein ehemaliger Präsident abgeführt, in Russland wird die Kriegspropaganda brutaler, in Europa agiert die woke Linke autoritärer. Wo ist die Debattenfreiheit hin?

Slavoj Zizek
Slavoj Zizekimago

In Moskau haben die Behörden damit begonnen, den Zustand der Luftschutzbunker in Schulen zu überprüfen. Niemand hat den offiziellen Befehl gesehen. Doch die russischen Verantwortlichen berichten, dass der Befehl gekommen sei, „den Luftschutzbunker in einen funktionsfähigen Zustand zu bringen“. Ist dies nur ein theatralisches Spiel oder eine ernsthafte Vorbereitung auf einen Atomkrieg?

Letztlich ist es egal: Selbst wenn diese Maßnahme nur Teil der psychologischen Kriegsführung ist, kann sie zu einer Atmosphäre beitragen, in der alles möglich ist, da die russische Führung sich in den unbeabsichtigten Folgen ihrer eigenen Worte verfangen kann. Solche Handlungen tragen zu dem nervösen Zustand bei, in dem wir uns alle befinden. Kein Wunder, dass der Schlaftourismus („Reisen zu Zielen, an denen man gut schlafen kann“) boomt.

Der allmähliche Zerfall unseres politischen und sozialen Raums

Obwohl Touristenhotels Teil unserer Welt sind, neigen wir dazu, sie als etwas von unserer verrückten Realität Ausgeschlossenes wahrzunehmen, als einen Ort, an dem man sich einfach nur entspannen kann. Nehmen wir den Libanon: Vor Jahrzehnten war er ein Ort, an den man ging, um sich zu entspannen. Jetzt ist er ein Ort, vor dem man flieht, ein Ort, an dem in letzter Zeit eine neue Form des ehrlichen Raubes zu beobachten ist. Die Leute gehen mit einer Pistole in eine Bank und rauben sie aus, wobei sie nur ihr eigenes Geld verlangen, das sie seit dem Zusammenbruch des Finanzsystems nicht mehr auf normale Weise abheben können.

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Zur Person
Slavoj Zizek wurde am 21. März 1949 in Ljubljana, SR Slowenien, Jugoslawien, geboren. Er ist ein slowenischer Philosoph, Forscher am Institut für Philosophie der Universität Ljubljana und internationaler Direktor des Birkbeck Institute for the Humanities der Universität London. Er ist außerdem Professor für Philosophie und Psychoanalyse an der European Graduate School und Global-Distinguished-Professor für Germanistik an der New York University und arbeitet zu Themen wie Kontinentalphilosophie, Psychoanalyse, Politische Theorie, Kulturwissenschaft, Kunstkritik, Filmkritik, Marxismus, Hegelianismus und Theologie. Er gehört zu den bekanntesten lebenden Philosophen der Welt und ist Kolumnist der Berliner Zeitung.

Der allmähliche Zerfall unseres politischen und sozialen Raums schreitet auf verschiedenen Ebenen voran. Beginnen wir also mit einem aktuellen Fall aus China, wo die Ordnung des ungestörten Scheins um jeden Preis aufrechterhalten wird. Das Verfahren zur Wahl der sieben Mitglieder des Ständigen Ausschusses des Politbüros, dem eigentlichen Sitz der Macht, ist völlig undurchsichtig geworden. Die Wahl findet hinter verschlossenen Türen statt. Am Ende des Parteitags der Kommunistischen Partei werden die Namen lediglich bekannt gegeben und durch einstimmigen Beschluss bestätigt.

Hu Jintao, der das Bild vom Parteitag stört

Doch auf dem letzten Kongress im Oktober 2022 zeigte sich ein unerwarteter Riss in diesem monolithischen Gebäude: Der ehemalige chinesische Präsident Hu Jintao – Xi Jinpings Vorgänger als Parteivorsitzender – wurde kurz nach dem Eintreffen ausländischer Medien kurzerhand von der Bühne gezerrt. Er sah desorientiert aus und sprach, während ihm zwei Assistenten beim Aufstehen halfen, kurz mit Xi, neben dem er in der ersten Reihe gesessen hatte.

Obwohl in der offiziellen Stellungnahme nur von schlechtem Gesundheitszustand und vorübergehender Schwäche die Rede war, waren Hus Widerstand und Trotz deutlich sichtbar – für einen Moment war das Erscheinungsbild gestört. Es ist auch eine andere Lesart möglich: Xi selbst hat diesen Vorfall inszeniert, um seine brutale Macht sichtbar zu machen – allerdings deutet diese Lesart darauf hin, dass sich die neue chinesische Führung nicht mehr an den ungestörten Schein klammern kann: Sie muss ihn stören, um ihre volle Autorität zu behaupten.

Moderne russische Sklaverei

Am entgegengesetzten Ende der Herrschaft des Scheins hat die offene Obszönität kürzlich ein neues Niveau erreicht. Am 24. Oktober hat der russische staatlich kontrollierte Fernsehsender RT den Moderator Anton Krassowski suspendiert, nachdem er in der Sendung behauptet hatte, dass ukrainische Kinder in den 1980er-Jahren, die russische Truppen als Besatzer sahen, „ertränkt“ werden müssten.

Okay, er wurde suspendiert. Aber was für eine ideologische Konstellation hat seine Aussagen möglich gemacht? Viel schlimmer finde ich jedoch, was am 23. Oktober geschah, als ein Videoclip veröffentlicht wurde, der angeblich zeigt, wie der russische Führer der Tschetschenischen Republik, Ramsan Kadyrow, von seinem jugendlichen Sohn ukrainische Kriegsgefangene überreicht bekommt. Das Material wurde von Alex Kokcharov geteilt, der twitterte: „In diesem Video aus Grosny, Tschetschenien, ‚schenkt‘ der 16-jährige Sohn des tschetschenischen Staatschefs Ramsan Kadyrow seinem Vater drei ukrainische Kriegsgefangene, die in der Ukraine gefangen genommen wurden. Wenn das kein Fake ist, sondern eine reale Situation, dann ist das moderne Sklaverei.“

Barbarische Szenen in Russland

Das Video zeigt offenbar russische Soldaten, die auf Kadyrow zugehen; die Gefangenen, die als Ukrainer identifiziert werden, sind gebeugt, ihre Gesichter mit Masken bedeckt und ihre Hände hinter dem Rücken gefesselt. Was diese Szene so obszön macht, ist nicht ihr unmittelbarer Inhalt, sondern die Art und Weise, wie dieser Inhalt präsentiert wird: Ein 16-jähriger Junge schenkt seinem Vater drei Gefangene, als ob Kriegsgefangene Privateigentum wären und selbst Minderjährige sie besitzen könnten. Und die Tatsache, dass all dies aufgezeichnet und öffentlich gezeigt wird. Was wird mit diesen Gefangenen geschehen, wie wird der neue Besitzer sie „benutzen“?

Die Ideologie der Geschlechtsidentität

Und die westliche woke Linke? Ende Oktober 2022 fand am Gonville and Caius College in Cambridge ein Vortrag von Helen Joyce statt, die für ihre Ansicht bekannt ist, dass Männer und Frauen von Transaktivisten „neu definiert“ werden, wobei Gesetze und Politikinhalte „so umgestaltet werden, dass die selbst identifizierte Geschlechtsidentität gegenüber dem biologischen Geschlecht bevorzugt wird“.

Joyce unterstützt eindeutig die Rechte von Transsexuellen, was sie jedoch ablehnt, ist die Ideologie der Geschlechtsidentität, d. h. die Idee, „dass Menschen als Männer oder Frauen gelten sollten, je nachdem, wie sie sich fühlen und was sie angeben, und nicht aufgrund ihrer Biologie“. Die Studenten von Gonville and Caius haben Proteste organisiert. Und die LGBT-Vertreter der Hochschule forderten, dass Joyce’ Auftritt abgesagt wird, weil sie „einhellig von der Verbreitung solcher Ansichten angewidert“ sind. Die Tutoren öffneten während des Vortrags sogar einen „sicheren Raum“ für Studenten und machten für die Entscheidung den „Schmerz und die Wut vieler Studenten, Mitarbeiter und Kollegen am Caius“ verantwortlich. Der Master der Hochschule schloss sich ihnen an und erklärte, dass die Redefreiheit zwar „ein grundlegendes Prinzip ist, wir aber bei einigen Themen, die unsere Gemeinschaft betreffen, nicht neutral bleiben können“.

Ich stimme in zweifachem Sinne nicht überein, weil ich denke, dass der Gegensatz zwischen Biologie und meiner „Ich erkläre, was ich fühle“-Identität nicht erschöpfend definiert ist: Wo ist hier das Freud’sche Subjekt des Unbewussten, das weder biologisch noch eine Sache des „Fühlens“ ist? Wir werden zu sexuellen Subjekten, wenn unsere biologischen Merkmale durch komplexe symbolische Strukturen „vermittelt“ werden, Strukturen, die auf einer anderen Ebene funktionieren als unsere „Gefühle“. Egal wie aufrichtig – Gefühle können täuschen.

Verweigerung der Debatte Ausdruck der Angst?

Aber ich denke, dass die Debatte über die Rolle der Biologie und/oder der sozialen/symbolischen Strukturen bei der Entstehung unserer Sexualität ein völlig legitimes Thema ist. Wie zerbrechlich müssen die Gegner von Joyce sein, wenn sie eine solche Debatte als etwas so Bedrohliches empfinden, dass sie sogar einen „sicheren Raum“ zu ihrem Schutz brauchen? Ist ihre Verweigerung der Debatte nicht Ausdruck der Angst, dass eine solche Debatte die Schwäche ihrer Position deutlich machen könnte?

Außerdem sind sie sich bewusst, dass die Logik des „Ich erkläre, was ich fühle“ auch direkt rassistisch und sexistisch verwendet werden kann: Ein Vollblut-Heterosexist bräuchte auch einen „sicheren Raum“, um LGBT+-Personen zu meiden, denen er misstraut.

Die neue woke Linke agiert autoritär

Duane Rouselles Charakterisierung von Woke als „Rassismus in der Zeit der vielen ohne das eine“ mag problematisch erscheinen, aber sie trifft ins Schwarze: In fast genauem Gegensatz zum traditionellen Rassismus, der einen fremden Eindringling bekämpft, der eine Bedrohung für die Einheit des einen darstellt (z. B. Einwanderer und Juden für unsere Nation), reagiert die woke Kultur auf diejenigen, die im Verdacht stehen, alte Formen des einen nicht wirklich aufzugeben („Patrioten“, Verfechter patriarchaler Werte, Eurozentristen ...).

Bei aller erklärten Opposition gegen die neuen Formen der Barbarei nimmt die woke Linke voll und ganz an ihr teil, indem sie einen flachen Diskurs ohne Ironie fördert und praktiziert. Obwohl sie den Pluralismus befürwortet und Unterschiede fördert, ist ihre subjektive Position der Äußerung – der Ort, von dem aus sie spricht – extrem autoritär, lässt keine Debatten zu und erzwingt Ausschlüsse, die oft auf willkürlichen Prämissen beruhen.

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