Das erste Bühnenstück von Slawomir Mrozek beginnt mit einem „Hinweis für eine eventuelle Inszenierung“: „Dieses Stück enthält nichts außer dem, was es enthält, also: keine Anspielungen auf irgend etwas und keine Metaphern.“ Der Text, so Mrozek 1958, sei „eindeutig“.

Das ist schlichtweg gelogen, aber eine schöne Lüge. Denn „Die Polizei“ enthält so viele hinterhältige Anspielungen und deutungsbedürftige Metaphern, dass es uneindeutig genug war, um seinerzeit problemlos die Hürden der Partei-Zensur zu nehmen. Die polnischen Genossen glaubten, es sei bloße Satire auf den verheerenden Verfall irgendeines Polizeiapparates. Das ist es auch, es ist allerdings vor allem ein dreiaktiges Stück über den Hang aller Ideologien, auch des Sozialismus, in Irrsinn zu münden, die unergründliche Neigung jeder Idee auf ihrem Weg zur Realisierung von Verrücktheit befallen zu werden. Am Ende verhaften sich die Protagonisten gegenseitig, und der Sergeant ruft „Es lebe die Freiheit!“

Als begnadeter Spötter wurde Slawomir Mrozek seinerzeit schnell gefeiert, als Meister einer heimtückisch entlarvenden Parodie, als Vertreter eines osteuropäischen absurden Theaters, der im real existierenden Sozialismus seiner polnischen Heimat über Mangel an absurdem Stoff nicht zu klagen hatte. Es gibt nicht viele Dichter, die so scharf, so unbarmherzig auch, jene feinen Linien zeichnen, die das Umkippen des Verrückten ins Absurde markieren. Die Geschichte ließ er immer aussehen, als sei sie auf eine so schlimme wie urkomische Melodie gestimmt, erfunden von einem Komponisten, der die größte Freude daran hat, von seiner eigenen Schöpfung überrascht zu werden.

Seit seinem bis heute meistbeachteten Stück „Tango“ (1964) machte deshalb die Rede von einem „Theater der logischen Fantasie“ die Runde. Mrozek schaute hier am Beispiel der Avantgardekunst dem Fortschrittsglauben aufs Maul und ließ ihn als betrogenen Pudel im Regen der Selbsttäuschung stehen. Ein spätromantischer Held will die Welt auf eigene Faust retten – und revolutioniert wider Willen gegen sich selbst. Die Sprache verrät den Sprecher, das Denken widerlegt den Denker, und das Theater rebelliert gegen sich selbst. Es waren immer die untergründigen Widersprüche, die Mrozek aufspürte. Als Realist vermochte er das Absurde der Wirklichkeit nicht zu übersehen: Wer genau hinschaut, sieht den Irrsinn des Absurden überall.

In der Nähe von Krakau wurde Mrozek geboren, jenem Krakau, das Mrozeks Dichterkollege Adam Zagajewski einst wie ein „rückständiges Provinznest einer sowjetischen Kolonie“ vorkam, längst aber seinen Ruf als literarische Hauptstadt Polens zurückerobert hat. Der Nobelpreisträger Czeslaw Milosz lebte bis zu seinen Tod 2004 hier, die Nobelpreisträgerin Wislawa Szymborska bis zu ihrem Tod im letzten Jahr. Zagajewski, inzwischen selbst Anwärter auf den Nobelpreis, weiß sein Krakau inzwischen vielfach zu preisen. Mrozek aber schrieb: „Es ist eine polnische Manie zu glauben, dass andere, und zwar überall auf der Welt, sich für uns interessieren würden.“

Er hielt immer Abstand, geistig, geografisch, war stets auf dem Sprung, unterwegs durch eine Welt, die ihm allerorten Anlässe zu Spott und Staunen bot, ohne je die Trampelpfade des schieren Hohns zu betreten. Nicht überall und nicht immer hat sich die Welt für Mrozek interessiert; aber seine Dichtung, seine feinzeichnerische Unbarmherzigkeit, die beißenden Töne, auch seine scheue Melancholie und Menschenliebe, die sich in ihnen verbergen, hat stets Leser gefunden, die dankbar waren für seine kopf- und augenöffnende Literatur. Mit Mrozek im geistigen Gepäck tritt einem die Welt gleichzeitig unwirtlicher und unheimlicher entgegen. Auch das ist Aufklärung: dem Absurden sein Recht belassen. Und wer seine Stücke liest, weiß, dass sich Mrozeks Kunst auf keine historische Epoche und keine ästhetische Richtung festlegen lässt: Es sind Menschen-Dramen über die allzumenschliche Inkonsequenz allen Handelns, den Widerspruchsurgrund allen Lebens. Dass sich der Irrsinn mit den Zeiten wandelt, kann man bei ihm erfahren, auch dass wir alle Verrückte am Abgrund des Absurden sind, was gleichermaßen Trost wie Schrecken ist. Er war damit neben Tadeusz Rozewicz, Milosz, Szymborska der bedeutendste, einflussreichste, erstaunlichste polnische Gegenwartsschriftsteller; dass er auf Deutsch zu lesen ist, ist vor allem dem Übersetzer Karl Dedecius zu danken, dass seine Stücke auf deutschen Bühnen aber kaum mehr vorkommen, ist nur mit der Kurzsichtigkeit der Spielplanplaner zu erklären.

Als Karikaturist hat er begonnen, als Dramatiker wurde er berühmt; er zog 1963 an die italienische Riviera, lebte in Paris, schrieb auch konkret politische Prosa und Stücke wie „Emigranten“ (1974), verzog sich auf die mexikanische Ranch seiner zweiten Frau und erlitt 2002 am Schreibtisch einen Hirnschlag; aus dem Kampf gegen die Aphasie ist seine Autobiografie „Balthasar“ (2007) entstanden. Er hat sich viel mit dem Tod befassen müssen zuletzt. „Man sollte“, schrieb er, „zur Weiterreise gerüstet sein.“

Jetzt ist er im Alter von 83 Jahren in Nizza gestorben.