Dort irgendwo sind die Mikrofone versteckt: böhmische Landschaft mit dem Milleschauer (1810), ein Gemälde von Caspar David Friedrich, Dresdner Albertinum.
Foto:  Wiki/Dguendel/ CC-by 4.0

BerlinWir hatten vor ein paar Wochen an dieser Stelle von „radio.garden“ berichtet, einem Projekt, das dem Internethörer akustische Reisen zu den entlegensten Orten rund um die Welt und durch alle Zeitzonen ermöglicht – von der sibirischen Techno-Nacht über nordamerikanische Folk-Wellen bis zum Wetterdienst vor Hawaii. Wie klein und zugänglich die Welt wird, wenn man den Globus unter sich drehen und jeden x-beliebigen Punkt ansteuern kann. Eine schöne Beschäftigung in Quarantäne-Zeiten, die allerdings auch ein bisschen nervös macht, weil einem klar wird, was man alles verpasst.

Nun sind wir auf ein Radioprojekt gestoßen, das so ungefähr das Gegenteil macht, indem es einen auf einen Ort festlegt und dort zur Ruhe kommen lässt. Die Macher von slowradio.cz haben irgendwo in den waldreichen Naturschutzgebieten Tschechiens ein paar High-Res-Mikrofone installiert. Auf der Website sieht man einen flachen Bergkegel sich aus niedrig liegenden Wolken erheben, es könnte der Milešovka sein (deutsch: Milleschauer, auch Donnersberg), der mit 836 Metern höchste Berg des Böhmischen Mittelgebirges.

Nicht nötig zu wissen, man muss nichts tun außer auf Play zu drücken. Man hört: Vögel. Manche, die selbstzufrieden und gedankenverloren vor sich hin fiepen, andere, die ganz dringend Kontakt suchen, noch andere, die ihren Trillerapparat ölen oder in zwanghafter Selbstentfremdung Wiedervorlagen durchgehen und abarbeiten, aber das könnte auch eine unzulässige Übertragung sein.

Und da – Fluggänse kreuzen grölend den akustischen Raum! Man hört leises Gesumme, Gequake, Geknister, Geknacke, Geseufze und ein Säuseln von milden Winden. 2,24 Meter pro Sekunde werden gerade angezeigt bei 19 Grad Celsius Lufttemperatur, gute Bedingungen für ein Mittagsschläfchen auf einer ungemähten Wiese.

Aber ein einmotoriges Propellerflugzeug nähert sich mit gemächlichem Dröhnen und entfernt sich wieder – alles in Echtzeit. Die wohltuend langsam vergeht. Nachts scheint sich die Landschaft der Geräusche und Klänge zu vertiefen. Angst-, Warn- und vielleicht auch Lustschreie gellen, man hört fliehende Schritte, Herzen pochen, Geister huschen und einmal das entsetzte Schmatzen, mit dem ein Igel oder Vogel einen Regenwurm aus seinem Gang zieht. Der Blutdruck steigt. Die Welt wird riesig. Das Leben rückt nah und endet bald.