Hier gehen alle in die Kirche, und natürlich bildet der Ortspolizist keine Ausnahme. Chief Walter Ruden trägt eine große Brille und einen fast noch größeren Schnauzer. Bislang hatte er nicht viel zu tun in dem kleinen, von einer Mennoniten-Gemeinde geprägten Dorf in der kanadischen Provinz Ontario. Ein paar Strafzettel verteilen, den Leuten einen guten Tag wünschen und die ein, zwei heiklen Außenseiter im Blick haben, die jede Gemeinschaft kennt. So plätschert das Leben dahin – bis eines Tages die Leiche einer nackten jungen Frau im Gras am See gefunden wird.

Dies ist der erste Mordfall überhaupt für Chief Walter, wobei man anmerken sollte, dass der Mann nicht mehr jung ist. Verstärkung wird angefordert aus der Großstadt, aber auch Walter ermittelt, auf seine Art, durch seine Brille. Warum war Steves Auto in der Nacht zuvor am See geparkt? Steve verfügt über große Zähne sowie ein verschlagenes Lächeln, und dummerweise wurde Walter ausgerechnet Steves wegen verlassen von Rita, mit der er eine Affäre hatte. Mit der toten Frau beginnt für Walter nun auch eine Reise in die eigene Dunkelheit.

Peter Stormare, legendär seit dem Coen-Thriller „Fargo“, spielt den Walter in „Small Town Murder Songs“. Und wenn man nun behaupten würde, dass er den ganzen Film schultert, dann wäre das ausgesprochen ungerecht gegenüber dem Regisseur Ed Gass-Donnelly. Denn dessen Werk trägt sich auch selbst, so toll ist es: überwältigend gut erzählt und inszeniert, konstruiert und fotografiert. Peter Stormare bildet hier als kleiner Gesetzeshüter so etwas wie das verstörende Zentrum einer kollektiven Psychogeografie. Denn „Small Town Murder Songs“ ist eben nicht nur ein Kriminalfilm – hier wird vielmehr präzise, fast ethnologisch die Befindlichkeitslage einer Region und ihrer Bewohner erkundet.

Walters Welt in Zeitlupe

Wenn Walter in seinem Dienstwagen die Hauptstraße abfährt und sein Blick die Gesichter der Einheimischen streift, wenn er sie in ihren Häusern, vor ihren alten Scheunen trifft oder zum Mittagessen im Diner seiner etwas schlichten Freundin Sam (Independent-Star Martha Plimpton) einkehrt, wenn er schließlich neben dem Pfarrer auf der Kirchbank sitzt, dann weiß der Zuschauer plötzlich sehr viel über diese Menschen, ihren Alltag und dessen Regeln, ohne dass es vieler Worte bedurft hätte. Wie ist eine Welt beschaffen, in der anfangs ein Mann, nämlich Walter, getauft und später eine Ermordete gefunden wird? Welchem Druck muss sie standhalten?

Visuelle Impressionen, etliche davon in Zeitlupe, eröffnen einen Zugang, aber keinen freien Eintritt zu Walters Welt. Vieles wird nicht auserzählt, bleibt narrativ in der Schwebe, deutungsfähig. Ein sittsames Häubchen auf dem Haar einer greisen Mennonitin, die vage von einen „Fall“ in ihrer Jugend spricht; ein Pferdewagen, der das Auto des Chiefs passiert; ein vor der Zeit alt wirkendes Kindergesicht und ein wütender Schäferhund evozieren hier Ahnungen, ohne Fährten zu legen. In Wohnzimmer mit Spitzendeckchen und die einzige Stripbar der Gegend führt dieser Film.

Ebenso klar wie machtvoll rhythmisiert sind die Filmsequenzen durch Bibelverse, die als Inserts montiert sind, aber auch durch den Gospel-Folk der Indie-Band Bruce Peninsula und Kirchenchoräle. „Wenn man dich auf die rechte Wange schlägt, so halte auch die linke hin“, weist die Heilige Schrift, und zum „Glory Hallelujah!“ wird gemessenen Tempos ein Fertighaus angeliefert.

Was für ein Mensch will ich sein?

Zwingend entfaltet sich so vor der Folie polizeilicher Ermittlungen der eigentliche Fall: Walters eigenes Drama in diesem Umfeld, sein Ringen um nicht weniger als das Seelenheil. Denn frühere Gewaltausbrüche lasten schwer auf seinem Gewissen; der Glaube soll ihn nun hin zur Sanftmut leiten. Leider misstrauen ihm die Leute immer noch wegen damals, was Walters Ermittlungen ebenso wenig erleichtert wie seine Besessenheit von Rita (Jill Hennessy aus „Crossing Jordan“) und Steve.

Aus den Peripherien der großen Welt, den ländlichen Räumen, gehen immer wieder bedeutende Filmerzählungen hervor. „Fargo“ war so eine und natürlich Winter’s Bone“, und auch „Small Town Murder Songs“ gehört dazu. In all diesen Filmen geht es darum, wie sich der Einzelne ebenso selbst- wie gemeinschaftserhaltend behauptet gegen die Bedrohung einer mehr oder weniger geordneten Umwelt. Mit dem Instinkt des Schnüfflers, aber auch dem des abgelegten Liebhabers misstraut Walter sowohl dem Verdächtigen als auch sich selbst. Und da die Gewalt in solchen Filmen stets vom Einzelnen ausgeht, stellt sich die Frage: Was für ein Mensch entscheide ich mich zu sein?

Small Town Murder Songs Kanada 2010. Buch & Regie: Ed Gass-Donnelly, Kamera: Brendan Steacy, Darsteller: Peter Stormare, Aaron Poole, Jill Henessy, Martha Plimpton u.a.; 90 Minuten, Farbe. FSK o.A.