Fusion, englisch ausgesprochen Fjuhschen, war jahrzehntelang eine Musik, die den Freundeskreis zuverlässig verringerte. Es sei denn, der Freundeskreis bestand eh nur aus Musikern und ihren Bewunderern, die auf diese Mischung aus extremer Virtuosität, Jazz und Funk standen. Millionen von Übungsstunden flossen in eine Kunst, die sich darin maß, komplizierte Themen schnell runterzunudeln, um bald intensive Soli zu spielen, unterbrochen von Riffs im 15/8-Takt, Szenenapplaus und begeisterten Yeah-Rufen. Der Wirtschaft entgingen so die besten Leute, denn die Fusionmusiker mussten alles sein, was man sich von Managern gewünscht hätte: intelligent, sensibel, standhaft. Jetzt haben wir den Schaden mit diesem nicht so intelligenten, nicht so standhaften Kapitalismus. Und, Achtung: Fusion kehrt zurück.

Das New Yorker Kollektiv Snarky Puppy um den 31-jährigen, hyperaufmerksamen, hochmusikalischen Bassisten Michael League steht im Zentrum dieser Renaissance. Seit zehn Jahren schart er Topmusiker um sich – erst an der Uni in Texas, dann in New York City – und schafft es, ein stets breiteres Publikum anzuziehen, auch in Europa. Vor ein paar Wochen wurde die Puppy-Show vom Heimathafen ins größere Huxley’s an der Hasenheide verlegt. Voll ist es auch hier. Und es stehen viele Frauen im Publikum, die sonst in Jazzkonzerten etwa so präsent sind wie in deutschen Chefetagen.

Immerhin im Vorprogramm steht mit Michelle Ellis sogar eine Frau auf der Bühne. Begleitet wird sie von einer Rumpfversion der Hauptband. Wie schön Michael League bereits für Ellis Bass spielt! Und so entspannt, wie es sonst nur ältere Jazzer können. Die Songs von Ellis sind bald zu Huhu-haft, aber man sieht den Kern von Snarky Puppy beim lockeren Einturnen: Bob Lanzetti an der Gitarre, dessen rhythmisch scharfes, harmonisch offenes Akkordspiel an Wayne Krantz erinnert, Mike Maher am Flügelhorn, der hier im Chor singt, und den Tourschlagzeuger Jason Thomas.

Nach dem Aufwärmen folgen zwei Stunden an Reck, Barren und Pferd. Aber Snarky Puppy hat mit acht Musikern weder das größte noch das allererste Aufgebot nach Berlin gebracht. Der Bläsersatz beschränkt sich auf Tenorsax und Flügelhorn/Trompete, gegen Ende unterstützt von Keyboarder Justin Stanton, der an der Trompete noch besser, weil weniger phrasenhaft wirkt als Kernmitglied Maher. Wobei der sensationelle Keyboarder Cory Henry fehlt, der die Gigs Anfang des Monats gespielt hat. Man verfällt bei dieser Musik in die Einzelkritik, die beim Fußball besser aufgehoben wäre, auch wenn Michael League wie der zarte Bruder von Bayern-Spieler Thomas Müller aussieht. Aber was will man machen, Snarky Puppy ist Spitzensport. Befreit von Sinn, aufgeladen mit Kraft und Spieldruck. Diese Coolness der Bands von Miles Davis in den späten Sechzigern, noch mehr in den frühen Achtzigern, die Fusion Pate standen, hat fast nur der Chef am Bass. Lustigerweise ist er an diesem Abend der einzige, der nicht soliert, von einem kurzen Intro abgesehen.

Irgendwann vermisse ich, als Mannschaftskritik, eine Kollektivität, einen gemeinsamen Groove, der nur ein Groove sein will. Niemand hat zu dieser Rückkehr von Muckermucke mehr beigetragen als ausgerechnet das Elektroduo Daft Punk und ihr Hitalbum „Random Access Memories“ vor zweieinhalb Jahren. Daft Punk beschworen ihre elektronischen Disco-Ahnen, ließen aber die bösesten Studiomusiker Bass, Schlagzeug und Gitarre spielen. Und verwirrten viele: Die Technokenner, die Virtuosität ablehnen, haben den Dreh nicht begriffen, den Jazzern waren die Tracks zu straight. Alle andern haben das Album geliebt. Bei Snarky Puppy gibt es nun keinen Konzeptdreh, sondern nur sehr gut gespielte Musik. Das ist viel und doch auch wenig. Denn jede Nur-Musik endet beim Mitklatschen oder beim Schlagzeugsolo, besser bekannt als die Pinkelpause des Rock.