Sie hat begonnen, die neue Zeit beim Berliner Staatsballett. Daran besteht nach der ersten Premiere unter der Intendanz von Johannes Öhman kein Zweifel mehr. Es ist nicht so, dass es in den vergangenen Jahren unter der Leitung von Nacho Duato nicht schon das eine oder andere radikal zeitgenössische Stück beim Staatsballett gegeben hätte – aber so etwas wie „Half Life“ von der israelischen Choreografin Sharon Eyal und ihrem Co-Choreografen Gai Behar hat man in Berlin beim Ballett noch nicht gesehen.

Zuschauer werden Komplizen

Beklemmend und elektrisierend ist dieses Stück, monoton und gleichzeitig hochkomplex. Ori Lichtik, Sharon Eyals Komponist, hat einen auf der Stelle tretenden Techno-Sound entwickelt, der einen vom ersten Moment an hypnotisch in den Bann schlägt. Er macht die nur mit hautfarbenen Leibchen bekleideten dreizehn Tänzer auf der Bühne der Komischen Oper und die Zuschauer im Saal für die Dauer von gut 40 Minuten zu Komplizen.

Als konforme Fleischmasse, als geklonte Wesen mit immer gleichen Bewegungen, die sich abrupt zu anderen Abläufen formen, zwingen die Tänzer die Zuschauer in einen bedrohlichen und unheimlichen Gleichklang. Jede Abweichung aus der Gruppe hat etwas Glitschiges, Abstoßendes. Nur eine, Ilenia Montagnoli, gibt mit ihren sich in unerbittlicher Gleichförmigkeit drehenden Schultern scheinbar den Takt vor. Aber auch sie ist nur eine Marionette. Genauso wie der für einen Balletttänzer ungewöhnlich hochgewachsene Daniel Norgren-Jensen, der mit verzerrtem Gesicht wie ein Frankenstein-Monster aus der homogenen Masse hervorragt. Ein eigens für dieses Stück gecasteter Gast, glaubt man zunächst. Bis Norgren-Jensen mit einer ganzen Serie von fulminanten Sprüngen überrascht.

Wie eine postapokalyptische Vision

Sharon Eyal setze sich in ihren Arbeiten mit den Spannungen zwischen Individuum und Masse auseinander, hieß es im Vorfeld. Das klingt beliebig und auch ziemlich banal. Jetzt aber weiß man, dass dabei vom genauen Gegenteil die Rede ist. Eyal, die vor drei Jahren bei den Potsdamer Tanztagen und auch schon einmal in Berlin, 2012 beim Tanz im August zu sehen war, ist so radikal und extrem in ihrer Haltung, wie es derzeit nur wenige andere zeitgenössische Choreografen sein dürften, die für große Bühnen arbeiten.  „Half Life“ wirkt wie eine postapokalyptische Vision von gleichgeschalteten Menschen, irgendwo zwischen einer aktualisierten Version der expressionistischen „Metropolis“-Maschinenmenschen, „Twin Peaks“ und militarisierter Techno-Ekstase angesiedelt. Eine getanzte Version zur Serie „Black Mirror“. Hallo, scheinen uns die Tänzer in ihrer Unerbittlichkeit zu suggerieren, in dieser Zukunft sind wir doch längst angekommen.


Gerade erst vor wenigen Wochen, beim Tanz im August, konnte man beim Gastspiel der Compagnie des Choreografen-Stars Wayne McGregor sehen, wie aufregend und vibrierend der Zusammenschluss von klassisch geschulten Tänzern und zeitgenössischen Choreografen sein kann. Jetzt, endlich, gibt es das auch in Berlin.

Herausragendes Stück von Sharon Eyal

Denn an diesem „Celis / Eyal“ betitelten Abend gab es nicht nur mit „Half Life“ ein herausragendes Stück von Sharon Eyal und mit „Your passion is pure joy to me“ ein eher mittelmäßiges, aber akzeptables Stück von Stijn Celis zu sehen, die letztlich viel wichtigere Botschaft war: Dieses Staatsballett will und kann zeitgenössisch tanzen – und zwar mit Wucht und Entschiedenheit. In den nächsten Monaten steht vor allem Klassik auf dem Programm des Staatsballetts. Aber mit dieser Premiere zum Auftakt haben der 51-jährige Schwede Öhman und die künftige Co-Intendantin Sasha Waltz, die in diesem ersten Jahr nur im Hintergrund mitwirkt, deutlich klar gemacht, dass sie sich nicht vor radikaler Kunst fürchten.

Freundlicher Beifall für Stijn Celis

Bei der Premiere wurde das mit stehenden Ovationen für Sharin Eyal und mit viel freundlichem Beifall für Stijn Celis belohnt. Celis Hommage an Nick Cave „Your Passion is pure joy to me“ hat einige starke Momente, die sich aber nicht verdichten, nirgendwo hinzuführen scheinen. Nichtsdestotrotz gibt es einen starken Schluss. Die langjährige Gruppentänzerin Xenia Wiest füllt allein die Bühne der Komischen Oper mit einer Spannung aus, als wolle sie die ganze Welt nach dem Sinn des Lebens befragen. Auch das dürfte in Zukunft geschehen: Die Tänzer des Staatsballetts können sich in ihren Möglichkeiten neu entdecken und neu entdeckt werden. 

Weitere Aufführungen 14., 16., 22., 29. September, 2., 5. und 10. Oktober, Komische Oper, Karten Tel.: 20 60 92 630