Iseo - Signora Teresa hat den Stuhl nach draußen gestellt, auf den leuchtend gelben Stoff, der bis an ihre Küchentür reicht. Drinnen läuft der Fernseher, aber was sich auf der sonst so beschaulichen Monte Isola abspielt, ist viel spektakulärer. Ein endloser Strom in vielen Sprachen parlierender Menschen schiebt sich über den gelb verhüllten Uferweg und an der Küchentür von Teresa Archetti vorbei. Die 88-Jährige, die ihr Leben auf der Insel im oberitalienischen Iseosee verbracht hat, schaut und staunt. „Es ist eine Invasion!“, ruft ihre Tochter Maria Rosa aus der Küche. Dann streckt sie den Kopf durch den Türvorhang und sagt lachend: „Aber wir alle hier finden Christos Projekt toll. Er macht unsere Insel berühmt!“

55 000 Besucher am ersten Tag

Die Monte Isola und ihre 1 700 Bewohner sind sonst nur per Boot erreichbar. Jetzt ist die Insel Teil der Installation „The Floating Piers“ des bulgarisch-amerikanischen Verhüllungskünstlers Christo und seit Sonnabend über schwimmende Wege zu Fuß erreichbar. Gleich am Eröffnungstag strömten 55 000 Menschen auf die 16 Meter breiten Stege, die Christo aus 220 000 Kunststoffwürfeln bauen und mit dahliengelb schimmerndem Polyamid-Gewebe beziehen ließ. Zeitweise mussten sie wegen Überfüllung geschlossen werden. Am Sonntag riefen die Veranstalter sogar dazu auf, den Besuch zu verschieben.

Viereinhalb Kilometer lang ist Christos gelbes Band im Iseosee, ein Wechsel aus festem und schwankendem Untergrund, denn auch Teile des Ufers sind verhüllt. Die sich im Rhythmus der Wellen wiegenden Würfel und der Stoff sollen das Gefühl geben, man laufe über Wasser. „Das Projekt zu sehen, reicht nicht“, hat der 81 Jahre alte Künstler betont. Man müsse es spüren – und zwar am besten mit nackten Füßen. Die Stege sind bei freiem Eintritt 16 Tage rund um die Uhr geöffnet, außer bei Gewitter.

Sonne, Regen, Wind, Tag, Nacht – all das sei Teil des Werks, sagt Christo. Er wünscht sich, dass es den Leuten Freude bringt. So wie ihm und seiner 2009 verstorbenen Frau Jeanne-Claude, als sie die Idee vor einem halben Jahrhundert entwickelten. Nun erst hat Christo sie umgesetzt, es ist sein erstes Großprojekt seit dem Tod seiner Frau.

Am Eröffnungstag geht es fröhlich zu. „Fantastisch!“, „Ein umwerfender Anblick!“, lauten die Kommentare. Wie sich das Laufen auf den schwankenden „Floating Piers“ tatsächlich anfühlt, ist schwer zu beschreiben. Ein Mann aus Bergamo sagt, er fühle sich wie auf einem Walrücken oder beim Standup-Paddeln. Ganz euphorisch angesichts des im gleißenden Licht hellgelb und orangerot schimmernden Stoffes ist eine Deutsche: „Es ist wie auf einem Sonnenstrahl zu laufen.“ Damit der Effekt erhalten bleibt, muss das lichtechte, wasser- und schmutzfeste Gewebe täglich von Algen und Entendreck gereinigt werden.

Irgendwann gegen Mittag brandet auf den Stegen Beifall auf. Ein Doppeldecker-Boot fährt vorbei, darauf steht zwischen Begleitern ein dünner Mann mit weißen Haaren und roter Windjacke. Es ist Christo. Die Menschen zücken Kameras und Handys. „Er ist ein Genie“, sagt eine Italienerin. Christo wird wohl noch häufiger gesichtet werden, er bleibt bis zum Ende der Installation am Iseosee.

Echte Fans sind von weither gekommen. Thomas und Erica etwa, Ärzte aus Kalifornien. Für sie ist es schon das vierte Christo-Projekt. „Seine Kunst ist vorübergehend“, sagt Thomas, „man kann sie nur für kurze Zeit genießen. So wie das Leben, das vergänglich ist.“ Erica fasziniert, dass da einer seine Ideen und Träume mit viel Aufwand wahr macht und das Resultat wieder zerstört.

Der Berliner Matthias Osthaus ist seit der Reichstagsverhüllung ein Christo-Verehrer. Als er im Internet sah, dass Helfer gesucht werden, meldete er sich. Jetzt gehört er zum Team und verschenkt kleine Stücke des gelben Stoffes an die Leute. „Christo verwandelt Realität in Poesie“, sagt der grauhaarige Mann, ein selbstständiger Handwerker. Ein Tourist fragt, ob er gratis arbeite. „Christo nimmt keine Geschenke“, sagt Osthaus, „wir werden bezahlt.“

Bis zum 3. Juli

15 Millionen Euro kosten „The Floating Piers“. Der Künstler finanziert das allein – aus dem Verkauf seiner Skizzen und Bilder an Museen und Sammler. Niemand soll an seinen Projekten verdienen, sagt er. Am Iseosee und auf Monte Isola hofft man dennoch darauf. Hotels und Pensionen sind vielerorts ausgebucht, bis zu eine Million Besucher werden erwartet. Der touristisch fast unbekannten Region bringt Christo einen tollen Werbeeffekt.

Bis die Stege nach dem 3. Juli abgebaut werden, wird Signora Teresa noch viel vor ihrer Küchentür sitzen und staunen, wie ein Kunstwerk die Welt auf ihre kleine Insel holt.