Berlin - Als das erste Foto des geplanten Museums der Moderne auf dem Kulturforum im überfüllten Vortragssaal des Kunstgewerbemuseums aufschien, kam von den Mitarbeitern der Staatlichen Museen lauter Applaus, von Journalisten der trockene Kommentar: „Das sieht ja aus wie eine Scheune.“ Und wirklich, wer die Zeichnungen des Siegerentwurfs der Basler Architekten Herzog und De Meuron sieht, der denkt schnell an große Ziegel-Scheunen in Norditalien. Oder, wie Jaques Herzog seine Arbeit selbst vorstellte, an alte Reit-, Bahnhofs- oder Lagerhallen.

Großer Befreiungsschlag am Kulturforum

Da sich die Formen antiker Tempel auch aus der Speicher- und Bauernhausarchitektur ableiteten, leuchtet sogar der Bezug zur Alten Nationalgalerie auf der Museumsinsel ein. Mehr noch jene städtebauliche Nonchalance, mit der Herzog und De Meuron das bisher für unlösbar gehaltene Problem Kulturforum zu lösen gedenken: Indem sie die historische Bedeutung dieses gesellschaftlich und kulturell ziemlich gescheiterten Projekts aus den 1960er-Jahren schlicht beiseite schieben und den großen Befreiungsschlag wagen.

Geprägt wird das Kulturforum bisher von dem Glastempel der  Neuen Nationalgalerie Ludwig Mies van der Rohes, der ziegelsteinernen Matthäi-Kirche Friedrich August Stülers, den goldenen Gebäuden der Neuen Staatsbibliothek und der Philharmonie Hans  Scharouns sowie den zweitklassig-betonbrutalistischen Museumsbauten seitlich der steilen „Piazetta“. 

Herzog und De Meuron schlagen nun vor, einen weiteren Bau zu errichten, der das gesamte, 10.000 Quadratmeter umfassende Wettbewerbsgrundstück einnimmt. Umgeben von durchbrochenen Ziegelwänden und überspannt von einem breit gelagerten Satteldach soll dieser Bau sein. In ihnen entfalten sich eine reich gegliederte Raumlandschaft mit zwei sich kreuzenden, breitenPassagen, die die Ausstellungsräume einfassen. Tief fällt das Licht bis in die Tiefgeschosse , sogar die alten Bäume können stehen bleiben.

Erinnerungen an die Tate-Gallery in London

Das alles erinnert an das Pathos der von Herzog und De Meuron sanierten und erweiterten Tate-Gallery in London, so wie das Spiel mit Lichteffekten und Materialkontrasten an ihr „Vogelnest“-Stadion in Peking, die formale Strenge an das bei Basel errichtete „Kunstlager“, der Mut zur großen Form an die Elbphilharmonie in Hamburg.

Dieser Entwurf ist ein Wagnis, konstruktiv und wohl auch finanziell. Dabei sind die  vom Bundestag zur Verfügung gestellten 200 Millionen Euro überaus üppig. Und wir ahnen schon die wütenden Proteste der Denkmalpfleger, denen die vage Erinnerung an das Berliner Tiergartenviertel und sogar der freie Blick über die Kulturforums-Ödnis inzwischen heilig ist, sowie die der Berliner Scharoun-Jünger, die bis heute an dessen Vision einer Stadtlandschaft festhalten. Denn dies ist eben doch ein Eingriff, der Scharouns Stadtlandschaft und die Bauten zu Bildern erklärt, die  man nun nur noch aus dem Museum heraus betrachten soll. 

Senatsbaudirektorin Regula Lüscher hatte durchaus recht, als sie bekundete: „So einfach und simpel kann gute Architektur sein“. Dabei war die Konkurrenz hart. Offenbar war das Angebot trotz des blamablen Ergebnisses der ersten Wettbewerbsrunde sogar so gut, dass die Jury sich sogar entschloss, vier statt der eigentlich nur geplanten drei Anerkennungen auszusprechen.

Expressiv-dramatische Eingangshalle

Und die Preisgruppe ist erstklassig, durchaus fraglich, ob eine andere Jury nicht den  2. Preis des dänischen Büros Lundgaard & Tranberg aus Kopenhagen vorgezogen hätte.

Sie schlagen einen Bau in derzeit modischen, frei amöbenhaft geschwungenen Formen vor, der mit den streng rechtwinkligen unterirdischen Ausstellungsräumen verbunden wird durch eine expressiv-dramatische Eingangshalle. Den dritten Preis erhielt das Berliner Büro Bruno Fioretti Marquez für den Vorschlag eines konsequent hart kubischen Bau.

Von ihren raffinierten Belichtungsmethoden können die Basler noch einiges lernen, deren Ausstellungsräume in der Londoner Tate-Gallery eher konventionell sind.

Die Jurymitglieder mögen noch so lange behaupten, dass sie den Siegerentwurf nicht als eine Arbeit von Herzog und De Meuron erkannt hätten. Wenn dem so wäre, hätte diese Jury keine Ahnung von der jüngeren Entwicklung der Museumsarchitektur gehabt, die durch die Basler mit geprägt wurde. Nein, ganz am Ende spielte sogar sicherlich bei der Preisvergabe die Hoffnung eine erhebliche Rolle, dass Berlin nun endlich, wie alle Beteiligten betonen, auch einen Bau des weltberühmten Büros Herzog und De Meuron erhalte.

Neubau für die Alten Meister hätte nachhaltiger die Platzprobleme der Staatlichen Museen gelöst

Zwar befriedigt er nicht die Grundsatz-Kritik an diesem Bauprojekt, das ohne die immense Subvention des Bundestags – die in anderen, weniger von solcher Huld bedachten Bundesläandern sehr kritisch betrachtet wird – und den Druck von Monika Grütters undenkbar gewesen wäre. Es ist immer noch so, dass ein Neubau für die Alten Meister neben dem Bode-Museum und die damit mögliche Einzug der Nationalgaleriesammlung in die Neue Gemäldegalerie weit nachhaltiger die Platzprobleme der Staatlichen Museen gelöst hätte. Aber zu einem solchen Rochade-Projekt konnte sich die Republik nicht durchringen.

Damit nun die Alternative, eben Herziog und De Meurons Entwurf, aber gelingt, ist noch einiges an Arbeit nötig. So muss das Land Berlin jetzt dringend die Stromleitungen unter der Siegismundstraße entfernen  lassen. Nur dann kann der Neubau wenigstens mit der Neuen Nationalgalerie verbunden werden.  Der gesamte Entwurf lebt davon, dass hier eine Passage entsteht.  Und die Stiftung Preußischer Kulturbesitz muss endlich vom Bundestag mit ausreichenden Betriebsmitteln ausgestattet werden muss. Sonst wird dieser Neubau nämlich keine Lust, kein tobendes Veranstaltungszentrum, sondern eine Last, die nur durch  hohe Eintrittsgelder oder die Schließung anderer Museumsabteilungen zu tragen ist. 

Vor allem aber muss nun adäquat weiter geplant werden. Wer wissen will, mit wie zweitklassiger Architekturqualität sich die Staatlichen Museen oft zufrieden gaben – die Neue Nationalgalerie wurde nicht in ihrem, sondern im Auftrag des Berliner Senats gebaut! – zeigen praktisch alle bisher unter ihrer Regie entstandenen Bauten am Kulturforum. Das Desaster jenes Kunstgewerbemuseums, in dem der Entwurf von Herzog und De Meuron beklatscht wurde, ist eine Mahnung: Auch hier gab es zu Beginn, beim Wettbewerb 1967, einen guten Entwurf, der dann durch verschlimmbessert wurde. Merke: Es braucht auch Kunst, um gute Museen zu bauen.