Marko Lehmann (v.l.n.r., Niederlassungsleiter von Dorr), Gregor Fuchshuber (Architekt) , Christian Ruhdorfer (Bauherr), Staatssekretär Frank Nägele und Uwe Neumärker (Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden Deutschlands) bei der Grundsteinlegung. Am Holocaust-Denkmal entsteht das Palais am Brandenburger Tor.
Foto: BLZ/Gerd Engelsmann

BerlinWas lange währt, wird – irgendwann mal – ein Haus. Palais am Brandenburger Tor ist der doch recht großspurige Name eines Wohnhauses, das in zwei Jahren in exponierter Lage in Mitte bezugsfertig sein soll. Am Freitag war Grundsteinlegung. Damit geht dort eine fast schon absurd lange Zeit des Stillstands zu Ende – und gleichzeitig endet unwiederbringlich ein besonders illustres Stück Berliner Zwischennutzungsgeschichte.

Um die Hintergründe des Neubaus zu verstehen, lohnt ein Blick zurück – mindestens bis ins Jahr 2005: Nach jahrelanger Debatte eröffnet auf einem brachen Areal auf dem früheren Grenzstreifen zwischen Hannah-Arendt-, Cora-Berliner-, Behren- und Ebertstraße das Denkmal für die ermordeten Juden Europas – für viele Berlinern einfach: Holocaust-Mahnmal. Dessen 2711 Stelen haben unterschiedliche Wirkung auf die Besucher.

Viele hängen still ihren Gedanken nach, andere lümmeln auf den Stelen herum und machen Selfies. All das hat sich der Architekt, der US-Amerikaner Peter Eisenman, so oder so ähnlich vorgestellt. Der Ort soll keine steife Kranzabwurfstelle sein. Der Andrang ist ungebrochen: Durchschnittlich besuchen täglich rund 5000 Menschen das Stelenfeld, die meisten davon sind Touristen, zu deren Programm ein Besuch unbedingt gehört.

Erdarbeiten für das Palais am Brandenburger Tor laufen seit Frühjahr 2018

Was sich Eisenman sicher nicht hätte vorstellen können, war das Gezerre um das Grundstück gegenüber des Denkmals, jenseits der schmalen Cora-Berliner-Straße. Dort hatte sich 2006 eine zweistöckige Häuserzeile etabliert mit allem, was Touristen so brauchen oder zu brauchen glauben: Souvenirs, Donuts, Pizza, Bier, Leihfahrräder und vor allem Toiletten. Für all dies sollte auf dem Eisenman-Feld kein Platz sein.

Die Fressbudenzeile sollte die Zeit überbrücken, bis ein Neubau entstehen würde. Doch da sich die Grundstückseigentümer lange nicht auf einen Neubau einigen konnten, oder diesen nicht finanzieren konnten, wurde aus dem Provisorium ein Kontinuum.

Die in Leichtbauweise errichteten Gebäude wurden immer räudiger, und auch die Mieter selbst sorgten immer mal für Ärger. So beschwerte sich die Geschäftsführung der Denkmalstiftung über aggressive Kneipen-Werber, die auf dem Bürgersteig die Passanten ankoberten.

Im Frühjahr 2018 war es doch so weit: Die Touristenzeile wurde abgerissen. Bald darauf begannen die Erdarbeiten für das Palais am Brandenburger Tor. Bauherrin ist die MUC Real Estate aus München, eine Immobilienfirma, die genau weiß, wo sie baut. „Der Bau soll einen würdigen unaufgeregten Platzabschluss bilden, eine ruhige Platzfront, die hinter dem Denkmal steht“, sagt Architekt Gregor Fuchshuber.

Ausblick vom Palais am Brandenburger Tor auf das Holocaust-Denkmal

Für eine nicht genauer bezifferte Summe „in der unteren dreistelligen Millionenhälfte“ soll ein Haus mit 134 Wohnungen entstehen – ausschließlich zur Miete. Allerdings dürften die Wohnungen nicht geeignet sein, dem Mangel an bezahlbarem Wohnraum abzuhelfen. „Wir sind von Ort und Lage vergleichbar mit der 5th Avenue Richtung Central Park“, sagt ein Sprecher.

Doch Berlin wäre nicht Berlin, und dieser Ort nicht in der Tat etwas ganz Besonderes, wenn das Palais am Brandenburger Tor nicht wenigstens zwei spezielle Clous aufweisen würde: Über einen Seiteneingang sind öffentliche Toiletten erreichbar.

Und etwa über die Hälfte der langen Hausfront soll in Höhe des zweiten Stocks ein öffentlich zugänglicher Balkon entstehen – mit Blick auf Eisenmans Stelenfeld. Im September 2021 soll alles bezugsfertig sein. Danach wird die Cora-Berliner-Straße zur Fußgängerzone umgebaut.