Der Komponist Wolfgang Rihm lebt in Karlsruhe und Berlin. 
Foto: Imago/Gustavo Alabiso

BerlinDer Komponist Wolfgang Rihm komponiert trotz schwerer Krankheit ungebrochen weiter – allerdings deutlich langsamer als früher. Der Nachschub an unbekannten Werken kommt seit einigen Jahren verstärkt aus seinem Frühwerk. Einen gewaltigen Batzen davon hat Cybele Records auf 4 CDs herausgebracht: „Wolfgang Rihm und die Orgel“. Es spielt Martin Schmeding, neben der Musik gibt es Gespäche mit ihm und auch mit Rihm selbst. 

Als Schüler hat Rihm seine Bedürfnisse an „großem Klang“ mangels Orchester an Kirchenorgeln gestillt – bis zum Protest der Anwohner. Die neue Edition präsentiert drei Stunden Orgelmusik, die größtenteils zwischen 1966 und 1970, vom 14- bis 18-Jährigen komponiert wurde. Mit ihr gelangt man direkt zu den Quellen der Rihmschen Fantasie. Am Anfang mag „der große Klang“ stehen – als „kindhaft-pompig“ hat Rihm seine Improvisationen charakterisiert, und so entspricht dem großen Klang ein großer Gestus, wie er ihn von der französischen Orgelsymphonik kannte, und dessen Spontanität an Regers ungeschlachtes Komponieren erinnert.

Der Raumgriff dieser Gesten drängt anfangs noch über das jugendliche Gestaltungsvermögen hinaus, aber schon bald zeigt Rihm keine Hemmungen, sich so viel Klang und Zeit zu gönnen, wie er braucht. Und so entstehen beeindruckende Stücke wie die beiden Zyklen über die „Pietà“: Aus Kontrasten elementarer Klangzustände erwächst hier schon jener archaisch-intensive Ausdruck, der für Rihm typisch wurde. Stilistisch wird da nach allem gegriffen, was ihm zugänglich ist. Er schreibt  sogar ein Stück für „Orgel und Beiklänge“, das eine Kagel- oder Cage-artige Form von Happening annimmt, wenn zur Musik gewispert und geschrien wird.

Sehr berührend sind einige Choralvorspiele mit ihren zwar tonalen, aber dennoch nirgends akademischen Akkordverbindungen. In ihnen zeigt sich weniger ein Hang zur Frömmigkeit als eine Sensibilität für kulturelle Kontexte, die für Rihms gesellschaftlichen Erfolg wichtig werden sollte: seine Fähigkeit zur differenzierten Reaktion auf Kontexte und Situationen eines Auftragswerks.

Noch näher kommt man Rihms eruptiver Kreativität, wenn man seinem Improvisieren lauscht: Der 18-Jährige hat 1970 in seiner Heimat Karlsruhe ein Tonband laufen lassen und improvisiert über Bach oder über ein Barockthema, aber auch völlig frei – und oft erstaunlich virtuos, erst recht für jemanden, der nie Orgelunterricht hatte. Auch diese Improvisationen sind hier erstmals veröffentlicht und in einer größeren Auswahl zudem auf einer weiteren CD des Labels – ein Geschenk für Rihm-Fans auch durch zahlreiche Fotografien aus privaten Beständen.

Wolfgang Rihm und die Orgel 4 CDs, Cybele Records, ca. 32 Euro